cinetastic.de - Living in the Cinema

The Founder

Geschrieben von Peter Gutting am 7. März 2017

The Founder

Im Schnitt soll es in Deutschland alle 16 Kilometer ein McDonald’s geben. Dass das so ist, geht auf einen Mann zurück, der für den amerikanischen Traum seine Großmutter verkauft hätte: Ray Kroc. Er erkannte das Potenzial einer Idee, die er zuerst bewunderte und dann klaute. Von den Brüdern McDonald, den eigentlichen Erfindern des gleichnamigen Fastfood-Konzepts, blieb am Ende nur der Name. Die irritierende Mischung aus Erfolg, Gier und Besessenheit inspirierte Rockstar Mark Knopfler zu dem Song „Boom, like that“. 13 Jahre später wird aus dem Stoff nun ein Film. Dessen packende Geschichte legt zugleich die Mechanismen des Kapitalismus in seinen verschiedenen Stadien und Spielarten bloß.

The FounderZu Beginn ist Ray Kroc (Michael Keaton) alles andere als ein cleverer Geschäftsmann. Der Typ könnte glatt aus dem Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“ entlaufen sein. Mit einer Geschäftsidee, die keiner haben will, tingelt der Vertreter eines Milchshake-Bereiters durch die Schnellrestaurants und billigen Motels des Mittleren Westens. Mittlerweile 52, hat Kroc schon eine Reihe von Flops hingelegt. Aber loslassen kann er nicht. Statt von der Rente träumt er weiter vom ganz großen Durchbruch. Irgendwann trifft er die Brüder Mac und Dick McDonald (John Carroll Lynch und Nick Offerman). Die wittern zwar den Windhund in dem abgehalfterten Vertreter, der schon zur Mittagszeit den Flachmann zückt. Aber sie lassen sich breitschlagen, mit Kroc einen Vertrag zu schließen. Ein grober Fehler von Leuten, die noch wie ehrliche Kaufleute agieren. „Verträge sind wie Herzen“, wird Kroc später sagen. „Sie sind gemacht, um gebrochen zu werden.“

The FounderGroßaufnahme: Zu Beginn spricht Kroc direkt in die Kamera. In seinem Gesicht mischen sich Verkäufer-Sprechblasen mit großer Müdigkeit und unbeugsamen Durchhaltewillen. Den Sermon über die Vorteile seines Produkts sondert er minutenlang scheinbar direkt in den Zuschauersaal ab. Mit dem ungewohnten Illusionsbruch macht Regisseur John Lee Hancock klar: Hier spricht jemand, zu dem man keine Distanz aufbauen kann. Einer, der polarisiert. Lieben wird man ihn nicht. Aber – je nach Standpunkt – bewundern oder bemitleiden. Hassgefühle dagegen muss man sich für die Zeit nach dem Kinobesuch aufsparen. Die Erzählstrategie des amerikanischen Traums und die Identifikationsangebote mit dem Helden lassen selbst für eingefleischte McDonald’s-Gegner höchstens Irritationen über soviel Rücksichtslosigkeit zu.

The FounderUnd dennoch: Regisseur John Lee Hancock und sein Drehbuchautor Robert D. Siegel packen in die emotionale Filmbiografie soviel nüchterne Kapitalismus-Analyse hinein, dass man sich staunend die Augen reibt über ein derart klares Sezieren von zwei unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Dem Ethos der anständigen Kaufleute stellt „The Founder“ die Mechanismen der entfesselten Gier entgegen. Aber der Film tut das nicht in moralisierender oder sonst wie bevormundender Weise. Er setzt stattdessen auf den Charme der genauen Beobachtung und die Kunst des Weglassens. Wohl selten ist etwa das Ende einer Ehe derart kompakt und ergreifend erzählt worden. „Ich will die Scheidung“, sagt Kroc wie aus heiterem Himmel beim Abendessen. Die Kamera zeigt das fassungslose Gesicht seiner Frau (Laura Dern) nur ein paar Sekunden, entfernt sich in einer diskreten Rückfahrt von der entwürdigenden Szene. Nur um in der nächsten Einstellung Kroc beim Rechtsanwalt zu zeigen. Keinen Cent soll die Gefährtin, die dem Loser jahrzehntelang die Treue hielt, von seinem ersten erfolgreichen Unternehmen bekommen.

Mit seinem leicht stilisierten Realismus erzählt John Lee Hancock („Saving Mr. Banks“) das meiste über die visuelle Kraft seiner Bildkompositionen. Und er spornt Michael Keaton zu einer Höchstleistung an, die es mit dessen Darstellung des abgehalfterten Superhelden in „Birdman“ aufnehmen kann. Keaton stattet den gebrochenen Helden, der erst spät zum Höhenflug ansetzt, mit einem faszinierenden Facettenreichtum aus. So wie sich der Schauspieler in den existenziellen Kampf gegen das Verlieren einfühlt, kann man Kroc nicht bloß als Raubtierkapitalisten abhaken. Was bleibt, ist schiere Erschütterung angesichts derartiger Härte. Es steckte wohl beides in dem 1984 gestorbenen Multimillionär: „Croc“ wie crocodile, das Krokodil, und der mit dem Anfangsbuchstaben „K“ geschriebene Handelsvertreter, der sich jeden Abend einen Ratgeber über positives Denken anhört.

Nach der Finanzkrise 2008/2009 hat es eine Reihe von Filmen gegeben, die wirtschaftliche Zusammenhänge in ein unterhaltsames Format packten. Aber keiner seziert die Mechanismen des Turbokapitalismus so klar und verständlich wie „The Founder“. Und das, ohne dem Publikum ein Urteil vorzugeben.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: splendid-film

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
The Founder

Länge: 115 min

Kategorie: Biography, Drama, History

Start: 20.04.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

The Founder

The Founder

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 115 min
Kategorie: Biography, Drama, History
Start: 20.04.2017

Bewertung Film: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten