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Die andere Seite der Hoffnung

Geschrieben von Frank Schmidke am 9. März 2017

Hatte der finnische Regisseur Aki Kaurismäki in einem Interview anlässlich seines letzten Films „Le Havre“ noch – Wenn auch vielleicht im Scherz –  behauptet, niemand sie so verzweifelt, nach Finnland zu flüchten, hat die Realität die Filmwelt Kaurismäkis längst überholt. Auch Kaurismäkis kürzlich auf der Berlinale vorgestelltes Drama „Die andere Seite der Hoffnung“ beschäftigt sich wie „Le Havre“ mit der Flüchtlingsthematik und wirkt mal wieder so seltsam aus der Zeit gefallen, dass es fast prophetisch anmutet.

Der selbständige Hemdenverkäufer Wikström (Sakari Kuosmanen) lässt sein bisheriges Leben hinter sich: er verlässt seine Frau, verkauft seinen Hemdenbestand und kauft in Helsinki ein heruntergewirtschaftetes Restaurant in Helsinki. Der Syrer Khaled (Sherwan Haji) ist aus Aleppo geflüchtet, hat unterwegs seine Schwester aus den Augen verloren und landet mit einem Kohleschiff in Helsinki. Dort beantragt er Asyl und versucht seine Schwester zu finden. Der Asylantrag wird abgelehnt und Khaled beschließt illegal in Finnland zu bleiben. Als er neben den Mülltonnen von Wikströms Restaurant übernachtet, kreuzen sich die Wege der beiden Männer und Khaled beginnt im Restaurant zu arbeiten.

Wie schon in „Le Havre“ nimmt sich der finnische Filmmacher Aki Karismäki auf ganz eigene Art der Flüchtlingsproblematik an, die seit Jahren die Schlagzeilen beherrscht. Auch wenn seit „Le Havre“ fünf Jahre vergangen sind, ist der thematische Zusammenhang unübersehbar. Kaurismäki schwebte wohl ein „Flüchtlings-Trilogie“ vor, aber nach der Berlinale hat der Regisseur auch geäußert, er wolle keine Filme mehr drehen. Es wäre schade, wenn der Filmwelt diese Stimme verloren ginge.

Mit Kaurismäki-typischer Melancholie und wortkargen Szenen, die sich dem Zuschauer in ihrer Langsamkeit fast zu entziehen scheinen, erzählt „Die andere Seite der Hoffnung“ nicht nur von zwei höchst unterschiedlichen Männern, die – jeder auf seine Weise – geflüchtet sind, sondern auch von dem Stoischen recht auf Hoffnung. Hoffnung, es möge in diesem Leben, egal zu welchem verzweifelten Zeitpunkt noch etwas anderes geben. Eine Alternative, die schon die Bremer Stadtmusikanten im Märchen suchten: Etwas Besseres als den Tod findet man überall.

Es ist müßig sich an dieser Stelle über Kaurismäkis großartige filmische Bilderwelt auszulassen, die in der Tradition des französischen Autorenfilms steht. Heute gibt es wenige Filmmacher, die Kaurismäki an Bildkomposition, Schlichtheit und Symbolik das Wasser reichen können.

Egal ob der syrische Flüchtling dreckstrotzend aus dem Kohlehaufen des Schiffsinneren aufsteigt, oder sich die beiden Männer mit heiligem Ernst gegenseitig auf die Fresse hauen, um ihr Revier zu markieren die wunderbare Gratwanderung zwischen Tragik und Komik sucht ihresgleichen.

Allerdings wirken einige Szenen des Films auch überraschend absehbar, so etwa das Auftauchen der drei Faschoschläger, die doch sehr an die Nihilisten aus „The Big Lebwoski“ erinnern, oder auch die  diversen Outfits der Restaurant-Besatzung. Die markieren zwar eindeutig den europäischen Widerspruch zwischen der Huldigung exotischer kulinarischer Genüssen und der Weigerung, den kulturfremden Koch in der Nachbarschaft zu haben, sind aber filmisch auch reiner Slapstick.

Erstaunlicher und viel überraschender ist es , wenn in der Kaurismäki Filmwelt, die immer aussieht, als wäre sie aus den 1950er Jahren herausgefallen, plötzlich High-Tech in Form eines Notebooks und eines Fingerabdruck-Scanners auftauchen.  Und ganz egal, wie dieses unerwartete Aufeinandertreffen der Kulturen sich entwickelt, die Musik spielt weiter.

„Die andere Seite der Hoffnung“ ist ein starker, typischer Kaurismäki Film, der allerdings nicht das Überraschungsmoment auf seiner Seite hat, das „Le Havre“ von einigen Jahren zu einem herausragenden Kinoereignis machte.

 

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Länge: 98 Minuten

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 30.03.2017

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Die andere Seite der Hoffnung

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 98 Minuten
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 30.03.2017

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