cinetastic.de - Living in the Cinema

Dancing Beethoven

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 3. März 2017

Dancing Beethoven

Ludwig van Beethovens neunte Symphonie hat schon in sich etwas Monumentales. Zur reinen Musik gesellt sich im vierten Satz der Text von Schillers Ode an die Freude. Der Choreograph Maurice Béjart fügte als weitere Dimension den Tanz hinzu. Und nun gibt es sogar einen Film. Klugerweise setzt die Dokumentation von Arantxa Aguirre aber nicht nur auf den Überwältigungseffekt eines gigantischen Gesamtkunstwerkes. Zu den Pauken und Trompeten bilden die lyrisch-stillen Momente den reizvollen Kontrast eines Kunstwerks, dessen politische Aktualität die Regisseurin klar herausstellt. „Alle Menschen werden Brüder“ – wann könnte diese Botschaft aktueller sein als in Zeiten wie diesen?

Dancing BeethovenHingekauert liegen die Tänzer am Boden, eingekuschelt im Schlaf. Zögerlich tastet ein Arm in die Höhe, das Erwachen bedeutet Anstrengung. Aber nur wenige Augenblicke später schießt die Energie von null auf Hundert. Geballte Fäuste zischen durch die Luft, Körper bersten vor Energie. Die Kamera umschmeichelt die Schönheit dieser Bewegungen, die Leichtigkeit der Schritte und Sprünge. Und zugleich liegt mehr in den Bildern als nur der ästhetische Reiz. Hier geht es ums Ganze des Menschseins, scheint beinahe jede Einstellung zu sagen, um Philosophie, Politik, Liebe.

Neun Monate begleitet die spanische Dokumentarfilmerin Arantxa Aguirre die Proben des Béjart Balletts Lausanne und des Tokyo Balletts für die Aufführung von Beethovens neunter Symphonie – ein Zahlenspiel, das sich noch in anderer Hinsicht als vieldeutig erweisen wird. Der Dreh folgt den Jahreszeiten, Winter in Lausanne, Frühling in Tokio, Sommer am Genfer See und schließlich Herbst und Finale wieder in Japan. Aber die Abfolge der Bilder ist nicht rein chronologisch. Aufnahmen aus einer ganz normalen Turnhalle mischen sich mit dem Glanz der Premiere oder der Patina von Maurice Béjarts (1927 bis 2007) ursprünglicher Inszenierung, deren Choreographien die nach ihm benannte Truppe wieder aufleben lässt.

Dancing BeethovenHinzu kommen aktuelle Interviews mit Beteiligten und Beobachtern. Die Gespräche führt allerdings nicht die Regisseurin selbst, sondern die Schauspielerin Malya Roman. Das ist mehr als ein dramaturgischer Trick. Es verleiht dem Film eine zusätzliche, sehr persönliche Dimension. Die junge Frau, die anfangs mit dem Zug in ihrer Heimatstadt ankommt, wirkt zunächst wie eine stille Beobachterin. Manchmal schaut sie nur durch eine Scheibe den Proben zu, fasziniert und zugleich in sich gekehrt. Aber sie ist stärker ins Geschehen involviert als man glaubt, und zwar auf eine Weise, die man nicht vorab verraten sollte.

Einmal hüpfen vier Tänzerinnen quer durch die Probehalle. Es sind schnelle und komplexe Schrittfolgen, aber nichts Athletisches, eher wie eine kleine Fingerübung neben all den Luftsprüngen und Pirouetten. Doch plötzlich schreit eine der Ballerinen auf, geht zu Boden, hält sich den Fuß. Tränen des Schmerzes schießen ihr in die Augen. In diesem Moment lässt die Dokumentation etwas aufblitzen, was sie sonst nicht in den Mittelpunkt stellt: welch harte Arbeit und welch körperliche Belastung eine Choreographie wie die des Tanzerneuerers Maurice Béjart erfordert. Man hätte diesem Aspekt gewiss größeren Raum geben können, schließlich ist die Kamera näher an den schwitzenden Körpern und den pumpenden Lungenflügeln als der Zuschauer im Theatersaal. Aber „Dancing Beethoven“ geht es vor allem um die Schönheit – und um die Bedeutung, die sich in Musik und Choreographie ausdrückt.

Dancing BeethovenGleich zu Beginn zitiert Regisseurin Arantxa Aguirre religiöse Lehren von den bösen und guten Antrieben des Menschen. Sie erinnert daran, dass Beethoven sich das Leben nehmen wollte, als er sein Gehör verlor. Und dass er die neunte Symphonie bereits im Zustand der Taubheit schrieb. Hoffnung sei immer ein Sieg, sagt am Ende der Leiter der Lausanner Ballett-Truppe, die Tänzer aller Hautfarben und Kontinente vereint. Er meint diesen Satz in einem umfassenden Sinn, auch und gerade als politische Botschaft.

„Dancing Beethoven“ ist ein bildgewaltiger Dokumentarfilm, der die große Geste mit der Arbeit am Detail verknüpft. Fernab der bloßen Klassikerverehrung arbeitet die Regisseurin die aktuellen Bezüge von Musik, Tanz und den Idealen der deutschen Klassik heraus.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Arsenal

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Dancing Beethoven

Länge: 80 min

Kategorie: Documentary

Start: 13.04.2017

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Dancing Beethoven

Dancing Beethoven

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 80 min
Kategorie: Documentary
Start: 13.04.2017

Bewertung Film: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten