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Pawlenski – Der Mensch und die Macht

Geschrieben von Frank Schmidke am 15. Februar 2017

Pjotr Pawlenski muss verrückt sein. Er legt sich mit dem russischen Staat an. Unter Putin scheint das eine recht selbstzerstörerische Idee zu sein. Und zur Zeit sieht sich Pawkenski, der sich selbst als politischen Künstler versteht, auch schwer in der Schusslinie. Im französischen Exil hofft er politisches Asyl zu bekommen, derweil kommen aus Russland Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs und schwerer Körperverletzung. Irene Langmanns Dokumentarfilm portraitiert den russischen Aktionskünstler.

Es scheint absurd zu sein, dass der Angeklagte in einem Prozess darauf besteht, wegen Terrorismus verhandelt zu werden und nicht wegen schlichtem Vandalismus, und doch hat diese Vorgehensweise, die bis zu 20 Jahren Haft bedeuten würde, im Fall Pjotr Pawlenski Methode. Am 9. November 2015 hatte der er  die Tür des Gebäudes in dem der Geheimdienst sitzt angezündet. Wohl wissend dafür festgesetzt und vor Gericht gestellt zu werden. Nun geht es ums Prinzip und darum auf den Terrorismus des russischen Geheimdienstes der früher KGB hieß und heute unter FSB firmiert kenntlich zu machen.

Pawlenskis Aktion „Bedrohung“ mag in ihrem Ausmaß und der Absicht die politische Kunst in das Rechtssystem zu tragen abstrakt wirken. Das war bei Pawlenskis Aktionen freilich nicht immer der Fall. Spektakulär waren sowohl seine selbstverletzenden Aktion anlässlich des „Pussy Riot“-Prozesses als auch sich nackt am Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau festzunageln. Dazu gab es konkrete Anlässe und auch die Wahl der Örtlichkeit für die Aktionen im öffentlichen Raum ist eine bewusste, mit der Aktion korrespondierende Entscheidung. Dabei stellt Pjotr Pawlenski die alte Fragen aufs Neue: Was ist Kunst? Was kann Kunst? Interessierte seien als Empfehlung auf Alice Botas online verfügbaren Zeit-Artikel „Dieser Mann will ins Gefängnis“ vom 23.06.2016  verwiesen.

Der an der Akademie in Sankt Petersburg ausgebildete Künstler vertritt und lebt radikale Standpunkte. Von bürgerlichem Leben ist das weit entfernt. Kunst müsse politisch sein, sich einmischen, sonst verkomme sie zur reinen Dekoration. Er und seine Lebenspartnerin Oksana Schalgyna gehen keiner regelmäßigen Erwerbstätigkeit nach. Ihre Kinder besuchen keine Schule, weil die Eltern die konformistische Ausbildung ablehnen. Und immer wieder erregt Pawlenski mit seinen politischen Kunstaktionen aufsehen, dass von der Staatsmacht regelmäßig verharmlost wird.

Die renommierte Dokumentarfilmerin Irene Langemann stammt selbst aus Russland, lebt seit Jahrzehnten in Deutschland und beschäftigt sich immer wieder einmal mit den Geschehnissen und Veränderungen in ihrer alten Heimat. Ursprünglich sah das Filmkonzept vor, den Aktionskünstler eine Zeit lang mit der Kamera zu begleiten. Da dieser sich aber wegen der Aktion „Bedrohung“ über weite Strecken der Dreharbeiten in Untersuchungshaft befand, musste die Dokumentarfilmerin andere Wege finden, die Kunst und den Künstler filmisch nahezubringen. Neben Filmaufnahmen des Prozesses, die untererschwerten Bedingungen stattfanden, ist es vor allem ein Nachstellen wichtiger Szenen. Das geschieht auf ästhetisch ansprechende Weise mittels Schattenspiel, einer Form des Theaters, bei dem nur die Konturen der Figuren wahrnehmbar sind.

Als Kontrast zu den rein dokumentarischen Aufnahmen ist das ein belebendes Element. Hinzu kommen die Archivaufnahmen von Pawlenskis Aktionen, die bei weitem nicht so vermeintlich „ekelig“ sind, wie man als Zuschauer befürchtet. Üblicher Weise wird das Portrait mit Interviews mit befreundeten Künstlern und Zeitgenossen vervollständigt. Das alles fügt sich zu einem stimmigen und interessanten Bild zusammen, das dem Zuschauer Pjotr Pawlenski näherbringt. Ob man mit seiner politischen Kunst, seinen Aktionen etwas anfangen kann, sei einmal dahingestellt. Auch wäre es fatal den Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, gleichwohl ein russisches Phänomen, als russisches Spezifikum abzutun. Politische Kunst auch und gerade als Aktionsform um auf Missstände aufmerksam  zu machen sollte in jeder Gesellschaft legitimes Mittel zum Protest sein. Die Frage ist, in wie weit die (jeweilige) Macht das zulässt.

„Pawlenski – Der Mensch und die Macht“ ist sowohl ein aktuelles Pulsmessen der russischen Gesellschaft als auch eine durchaus politische Kunst-Doku. Der Künstler Pawlenski wirft wichtige Fragen auf und die Soku regt im besten Sinne zum Nachdenken an.

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Länge: 99 Minuten

Kategorie: Documentary

Start: 16.03.2017

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Pawlenski – Der Mensch und die Macht

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 99 Minuten
Kategorie: Documentary
Start: 16.03.2017

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