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Neruda

Geschrieben von Peter Gutting am 11. Januar 2017

Neruda

Seit seinem Erfolg mit „No“ (2012, Oscar-Nominierung) scheint der chilenische Filmemacher Pablo Larraín auf große internationale Preise und Nominierungen geradezu abonniert zu sein. Der Nachfolger „El Club“ (2015) gewann den großen Preis der Berlinale-Jury. Und in diesem Jahr war der Chilene gleich mit zwei neuen Werken in der Endauswahl der Golden Globes: mit seiner ersten englischsprachigen Produktion „Jackie“ und mit „Neruda“, der sich erneut der Geschichte seiner Heimat widmet. Erfreulicherweise ist der Film über den chilenischen Dichter Pablo Neruda (1904 bis 1973) keine biedere Biografie. Sondern eine bildgewaltige Reflexion über Wesen und Wirkung einer Kunst, die dem Volk aus der Seele spricht.

NerudaChile 1948. In einer überaus üppigen und gut bevölkerten Herrentoilette des Parlaments werden hasserfüllte Reden auf den kommunistischen Senator Pablo Neruda (Luis Gnecco) gehalten. „Kaiser Caligula“ nennt man den zu Reichtum gekommenen Sohn eines Bahnarbeiters – wegen seines ausschweifenden Lebensstils, der so gar nicht zu einem Freund der Arbeiter und Bauern passen will. Dabei geht es keineswegs um Geschmacksfragen, sondern ums Ganze. Präsident Videla verbietet die kommunistische Partei, lässt ihre Anhänger in Konzentrationslager stecken. Auch der gewählte Senator Neruda verliert seine Immunität, wird per Haftbefehl gesucht und wechselt seine Verstecke wie Hemden. In diesen eineinhalb Jahren auf der Flucht schreibt Neruda große Teile seines Hauptwerks „Canto General“. Weil ihn das Volk liebt, findet er praktisch überall Unterschlupf. Doch der ehrgeizige Kommissar Peluchoneau (Gael Garcia Bernal) rückt ihm immer dichter auf die Fersen.

Den Verfolger hört der Zuschauer lange, bevor er ihn sieht. Er ist die Stimme aus dem Off, die das Geschehen von Anfang an kommentiert. Mit ihr schwebt das Kameraauge in eine sündige Party in einem verschwenderischen Haus. Halbnackte Gestalten hinter Masken huschen durch die Szenerie, bevor Hausherr Neruda im Kostüm eines arabischen Prinzen Hof hält. Realer Lebensstil eines genusssüchtigen Ästheten? Oder die überschäumende Phantasie eines prüden Ordnungshüters, der einem vorurteilsvollen Bild vom Saus und Braus der linken Schickeria aufsitzt? Das lässt der Film bereits zu diesem frühen Zeitpunkt offen. Sicher ist jedoch, dass die unvermutet eintreffenden Abgesandten der kommunistischen Parteispitze das lüsterne Treiben mit hochgezogenen Augenbrauen missbilligen.

NerudaMit seinen leicht surrealistischen Bildern und seiner subjektiven Perspektive erzählt „Neruda“ beides zugleich: die historisch verbürgten Ereignisse und die poetische Sichtweise derselben. Neruda und der Kommissar spielen tatsächlich dieses Katz- und Mausspiel, aber gleichzeitig schildert der Polizist seine Beobachtungen und Selbstbetrachtungen in einer erstaunlich kunstvollen, reflektierten Sprache. Nach und nach scheint er sich geradezu zu verlieren in einer Weltansicht, die mehr mit Poesie zu tun hat als mit der nüchternen Logik der Fakten. Liest er womöglich tatsächlich die Bücher, die ihm der Dichter gezielt als Fundstücke in verlassenen Verstecken hinterlässt? Ist er gar selbst nur die Erfindung des Gejagten, eine fiktive Figur in Nerudas Texten? Wie in jedem guten Thriller verflechten sich Realität und Fantasie zu einem unentwirrbaren Delirium.

Das Verwirrspiel kommt einerseits dem Unterhaltungsbedürfnis nach größtmöglicher Spannung entgegen, dient aber auch einem inhaltlichen Zweck. Nicht der Mensch Neruda steht bei Larraín im Mittelpunkt – der ist eher schwach und anfällig für sinnliche Lüste aller Art. Auch dem Politiker gilt nicht die Hauptaufmerksamkeit, der ist eher eine Schachfigur zwischen taktischen Überlegungen und Parteidisziplin. Das ganze Augenmerk gilt stattdessen dem Dichter Neruda: seiner Kunst, die Gefühle des einfachen Volkes in Worte zu fassen.

NerudaDiesem Aspekt huldigen Regisseur Larraín und sein Team, indem sie selbst ein Kunstwerk schaffen – einen Film so vieldeutig wie ein Gedicht, so perspektivenreich wie ein Roman. Auch der Kommissar wird von der Schönheit der Wortkunst erfasst. Es ist nicht der Politiker, der den Verfolger mit seinen Finten narrt. Es ist der Erzähler, der ihn von seinem obrigkeitshörigen Denken ablenkt. Nicht, indem er ihm eine linke Ideologie einpflanzt. Sondern dadurch, dass er ihn durch die Kraft der Sprache dazu bringt, über sich selbst nachzudenken. Nein, eine Nebenfigur in einem fremdbestimmten Leben will dann am Ende selbst der Polizist nicht mehr sein. Sondern der Hauptdarsteller seines eigenen Schicksals. Wenn im Kommunismus alle gleich sein werden, fragt einmal eine Dienstmagd den Dichter, werden dann alle so leben wie eine Dienstmagd? Oder alle so wie der Genussmensch Neruda? Dessen Versprechen: „Wir werden im Bett frühstücken“.

„Neruda“ verbeugt sich vor einem großen Dichter. Nicht, indem der Film sein Leben oder eine Episode aus seinem Leben einfach nur nacherzählt. Sondern indem er selbst ein großes Kunstwerk schafft, reich an Anspielungen und Phantasie, offen für vielfältige Interpretationen. Larraíns bildgewaltiger Geschichtsthriller ist auch bei mehrmaligem Sehen für neue Entdeckungen gut.

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Neruda

Länge: 107 min

Kategorie: Biography, Drama

Start: 23.02.2017

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 107 min
Kategorie: Biography, Drama
Start: 23.02.2017

Bewertung Film: (8/10)

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