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Mein Leben als Zucchini

Geschrieben von Frank Schmidke am 24. Januar 2017

Es ist schon ziemlich ambitioniert, was der Schweizer Regisseur Claude Barras mit seinem sehenswerten Animationsfilm „Mein Leben als Zucchini“ erreichen will. Die Romanvorlage von Gilles Paris ist eigentlich für Jugendliche und Erwachsene gedacht, aber weil es in Film und Buch um vernachlässigte Kinder geht, versucht Barras seinen Animationsfilm auch für ein jüngeres Publikum auszulegen. Ob das gelungen ist, lässt sich schwer beurteilen. Auf jeden Fall ist „Mein Leben als Zucchini“ ein ebenso ergreifender wie aufrüttelnder Film geworden, der auch durch die animierte Umsetzung wenig von seinen sozialen Härten verliert.

Der neunjährige Icare, von seiner alleinerziehenden, saufenden Mutter nicht eben liebevoll Zucchini genannt, hat es gelernt, sich selbst genug zu sein und der Mutter nicht auf die Nerven zu gehen. Als diese dann durch einen Unfall stirbt, kommt der Junge in die Obhut des Jugendamtes und wird in ein Heim gebracht. Hier in „La Fontaine“ muss sich der schüchterne Zucchini zunächst von Simon, dem großmäuligen Anführer der Heimkinder veräppeln lassen, bis er akzeptiert wird.

Gelegentlich besucht Roman, der Polizist, der Zucchinis Fall bearbeitet, den Jungen im Heim. Die Erzieher geben sich alle Mühe, den Kindern eine Heimat zu geben. Als dann die etwas ältere Camille ins Heim kommt, schließt Zucchini Freundschaft mit dem Mädchen. Doch ihre Tante setzt alles daran, Camille zu sich zu  holen, weil sie auf das Pflegegeld aus ist, das Wohl des Kindes ist ihr herzlich egal.

Es ist keine einfache Kost, die Regisseur Claude Barras dem Zuschauer zumutet. Misshandelte und vernachlässigte Kinder, deren Schicksale die Abgründe der Gesellschaft abbilden, sind die Figuren in diesem herzergreifenden Animationsfilm. Die Filmbewertungsstelle meint dazu folgendes: „Regisseur Claude Barras und sein Kreativteam haben mit MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI einen sehr besonderen Film geschaffen, der in 60 Minuten phantasievoll und leicht schwierige Themen behandelt und besonders für Kinder im Grundschulalter empfehlenswert ist. Die Jury vergibt einstimmig das Prädikat „besonders wertvoll“.“ (http://www.fbw-filmbewertung.com)

Dabei sind es die Details, die immer wieder durchscheinen, die das ganze Ausmaß des menschlichen Elends ins Licht rücken. So bleibt Zucchini als Andenken an seine Mutter außer einem Drachen nur eine leere Bierdose. Übrigens ist die gleichnamige Buchvorlage zum Film, die Gilles Paris 2002 veröffentlichte, auch zu Jahresbeginn in deutscher Übersetzung erschienen.

Auch wenn die Kinder eher beiläufig und lapidar von den anderen Leidensgeschichten erzählen, haut einen als Erwachsenen diese Information schon ein wenig aus dem Kinosessel.  Dabei ist der Tonfall des Films tatsächlich erstaunlich leicht, ohne oberflächlich zu wirken. In „Mein Leben als Zucchini“ wird die Vernachlässigung der Kinder aber auch auf andere Weise sichtbar. So ist für aufmerksame Zuschauer beispielsweise auf Romans Polizeicomputer zu lesen, dass Icare, also Zucchini, zwei Tage mit der Leiche seiner Mutter verbracht hat, bis man den Jungen gefunden hat.

In wie weit junge, kindliche Zuschauer diese Informationen wahrnehmen und verarbeiten, oder ob das einfach abstrakt abgespeichert wird, übersteigt meinen pädagogischen Horizont. Kinder von dem Leid in der Welt fernzuhalten, erscheint eine mehr als schwierige Aufgabe. Eventuell bietet die Stop-Motion-Animation, die auf ihre handgemachte Weise einen ganz eigenen, naiven und zugleich märchenhaften Charme auf die Leinwand zaubert, das geeignete Vehikel, um Kinder mit der Thematik von Vernachlässigung vertraut zu machen.

Das Figurendesign ist recht bunt geraten und neben bunten Haaren auf den überdimensionierten Köpfen sind auch die die Nasen recht farbig angelegt. Die Hintergründe sind weitestgehend auch handgemachte Modelle und zeugen von einer sehr liebevollen und detailverliebten Herangehensweise. In gewisser Weise erinnert „Mein Leben als Zucchini“, der als Animationsfilm jüngst für einen Golden Globe nominiert war und darüber hinaus schon einige wichtige Filmpreise gewann oder dafür nominiert war, an den australischen Stop-Motion-Film „Mary und Max“ (2009) von Adam Elliot. Auch dieser, obwohl eindeutig für ein erwachsenes Publikum angelegt, scheute sich nicht, mit niedlichen Puppen und viel schwarzem Humor eine traurige Geschichte mit viel sozialem Elend zu erzählen. Dabei ist „Mein Leben als Zucchini“ am Ende alles andere als traurig, denn die Heimkinder bilden eine Art Ersatzfamilie, und anders als in vielen Filmen, in denen Kinderheime vorkommen, ist es hier die Außenwelt, die für die Kinder negativ dargestellt wird., während sie im Heim „La Fountaine“ eigentlich ganz gut behütet sind und sich dort – im Rahmen der Gegebenheiten – auch ganz wohlfühlen. Und letztlich wartet auf Camille und Zucchini ein Happy End.

Das Langfilmdebut von Claude Barras ist ein rundherum gelungener Film, angefangen von der Romanadaption, über das sensible Drehbuch von Céline Sciamma, die auch selbst Filmmacherin ist („Tomboy“, „Girlhood“), über das gelungene Animationsdesign bis hin zur trefflichen Filmmusik der Schweizer Musikerin Sophie Hunger. Ob „Mein Leben als Zucchini“ allerdings für ein kindliches Publikum geeignet ist, muss wohl letztlich das jeweilige erwachsene Begleitpersonal entscheiden.

Mit dem ergreifenden Animationsfilm „Mein  Leben als Zucchini“ gelingt es Regisseur Claude Barras, das schwierige Thema der Vernachlässigung von Kindern mit erstaunlichem Optimismus in Szene zu setzen. Das ist auch für erwachsene Zuschauer mehr als empfehlenswert. 

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Länge: 66 Minuten

Kategorie: Animation, Family

Start: 16.02.2017

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Mein Leben als Zucchini

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 66 Minuten
Kategorie: Animation, Family
Start: 16.02.2017

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