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Manchester by the Sea

Geschrieben von Frank Schmidke am 16. Dezember 2016

Wer das amerikanische Filmgeschäft in der Award Saison ein wenig verfolgt, den verwundert es wahrscheinlich kaum, dass Kenneth Lonergans Drama “Manchester by the Sea” für fünf Golden Globes nominiert ist, und somit wohl auch für die eine oder andere Oscar-Nominierung in Frage kommen wird. Gleichwohl ist „Manchester by the Sea“ alles andere als ein einfacher Film. Das ruhige, ja fast phlegmatische Drama verlangt den Zuschauern einiges ab.

Lee Chandler (Casey Affleck) fristet ein eher trostloses, eintöniges Dasein als Hausmeister in Boston. Der schweigsame Kerl arbeitet zwar gut und zuverlässig, aber auf Gespräche lässt er sich nie ein, wird sogar sehr zum Leidwesen seines Chefs solide unfreundlich, wenn ihm jemand auf die Pelle rückt. Nach Feierabend reicht es Lee, in der Kneipe Bier zu trinken, sich gelegentlich zu prügeln oder in seiner schäbigen Kellerwohnung abzuhängen.

Die Nachricht von Tod des Bruders kommt für Lee auch nicht allzu überraschend, litt sein Bruder Joe (Kyle Chandler) doch an einem Herzfehler. Also macht sich Lee auf den Weg in seine Heimatstadt Manchester by the Sea, knapp eine winterliche Autostunde von Boston entfernt, um sich kurzfristig um seinen 16-Jährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) zu kümmern. Das Testament von Joe stellt Lee dann aber doch vor eine schier unmögliche Aufgabe, er soll zurück in seine Heimatstadt ziehen und sich auch in Zukunft um Patrick kümmern. Doch der introvertierte Lee lehnt diese Verantwortung ab, nicht nur weil seine Ex-Frau Randi (Michelle Williams) noch in Manchester By The Sea lebt.

Das Erzähltempo ist in Kenneth Lonergans  außergewöhnlichem Drama der Schlüssel, mit dem sich das tragische Geschehen zu filmischer Größe und emotionaler Intensität entwickelt. Das winterlich verschneite Küstenkaff Manchester by the Sea hat nicht viel zu bieten. Die Kerle arbeiten meistens noch körperlich, außer Eishockey und Kneipen gibt es wenig Zerstreuung. Hier kennt jeder jeden und es geschieht nicht viel. Ein Ort, vor dem man als Teenager flüchten würde. Aber anders als sein Onkel Lee ist Patrick hier verwurzelt, hat eine Freundin, oder sogar zwei, will das Ausflugsboot seines Vaters eines Tages übernehmen und fühlt sich in der dörflichen Umgebung geborgen.

Warum allerdings der wortkarge Lee hier um keinen Preis sein will, wird in wohl dosierten Rückblenden erzählt, die sich organisch in eben jene Situationen fügen, in denen Lee emotional getroffen wird und sich an etwas aus der Vergangenheit erinnert. Erst nach und nach verdichtet sich das Bild, setzt sich allerdings schnell zu einer Ahnung zusammen, dass eine Tragödie Lees derzeitige Existenz überschattet.

Kenneth Lonergan, der für sein Drama „You Can Count On Me“ 2001 zwei Oscar-Nominierungen einheimste, ist über den Status eines Cineasten-Geheimtipps eigentlich nie hinausgekommen. Als Drehbuchautor war er immerhin an „Reine Nervensache“ und „Gangs of New Nork“ beteiligt, seine zweite Regiearbeit „Margret“ schaffte es hierzulande trotz namhafter Besetzung nicht einmal ins Kino und erschien hierzulande direkt fürs Home Entertainment. Nun, mit seinem dritten Film könnte sich das ändern, auch wenn Lonergans Film durchaus nicht leicht zugänglich ist.

Die Erzählstruktur ist verschachtelt, die Bilder sind von realistischer Schlichtheit und Hauptdarsteller Casey Affleck war noch nie ein Akteur, der mit extrovertiertem Spiel punktete. Im Gegenteil, seine beinahe eingefrorene Mimik und dazu die wortkarge Nuschelei wirken schon lethargisch und phlegmatisch. Und doch ist es genau das, was in „Manchester by the Sea“ eine furiose Tiefe erzeugt, denn man kann an Casey Afflecks Augen sehen, wie sich sein leidgeprüfter Charakter windet und sträubt, mit sich und der Welt hadert und dabei versucht, sich der Verantwortung und der Familie zu stellen. In einer an sich schon herausragenden Besetzung ist das durchaus eine oscarreife Meisterleistung. Michelle Williams hingegen hat in dieser Männerwelt eigentlich kaum Auftritte, diese dann aber absolut überzeugend.

Ist man der langsamen und intensiven Erzählung allerdings erst einmal erlegen, gibt es für den Zuschauer kaum noch ein Entrinnen aus der Wucht dieser tragischen Existenz. Da hilft es zwar ein wenig, dass es auch durchaus – wie im Leben auch – einige lockere und lustige Szenen gibt, aber letzten Endes ist es die emotionale Dringlichkeit, die einen mit ungewöhnlicher Intensität mit leiden lässt.

Das großartige Drama „Manchester by the Sea“ versteckt seine Verluste, Leerstellen und Trauer in scheinbar unaufgeregter Weise in Alltagsbeobachtungen, die sich nach und nach zu einer ebenso überraschenden wie herzergreifenden Familiengeschichte verdichten.

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Länge: 135 Minuten

Kategorie: Drama

Start: 19.01.2017

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Manchester by the Sea

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 135 Minuten
Kategorie: Drama
Start: 19.01.2017

Bewertung Film: (9/10)

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