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Im Spinnwebhaus

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 7. Februar 2016

Im Spinnwebhaus

Die Berlinale bietet mit der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ ein jedes Jahr jungen Filmemachern eine Plattform, ihren jeweiligen Debütfilm einem breiten Publikum vorzustellen und erste Kontakte mit erfahrenen Produzenten zu knüpfen. Auf der letztjährigen Berlinale stach von allen vorgestellten Projekten insbesondere Mara Eibl-Eibesfeldts Film „Im Spinnwebhaus“ heraus, der zum einen aktuelle Ereignisse aufgriff, diese zum anderen aber auch mit Elementen des Märchens verband.

Im SpinnwebhausFür den 12-jährigen Jonas (Ben Litwinschuh) war die Welt vor langer Zeit einmal in Ordnung, einer Zeit, in der er noch mit seinen beiden jüngeren Geschwistern Nick (Lutz Simon Eilert) und Miechen (Helena Pieske) bei seiner Mutter Sabine (Sylvie Testud) und seinem Vater Sven (Matthias Koeberlin) wohnte. Diese Zeit ist allerdings lang vorbei, denn seitdem der Vater ausgezogen ist, lebt Mutter Sabine in ihrer eigenen Realität. Gehetzt holt sie ihn von der Schule ab, der Weg geht weiter zu Miechens Kindergarten, nur wenige Minuten zu spät, und der an ADHS leidende Nick ist allein zuhause und bewirft aus lauter Langeweile Autos mit Steinen.

Eines Tages ist dies alles für Sabine zuviel, weswegen sie sich von Jonas verabschiedet und plant, einige Tage ins Sonnental zu gehen, um ihre Dämonen endgültig zu besiegen. Jonas möge sich um seine Geschwister kümmern, den Haushalt so gut machen, wie es geht, und auf keinen Fall irgendwem sagen, wo sie ist, bestände doch die Gefahr, dass sie alle ins Kinderheim kommen. Die ersten Tage funktionieren noch ganz gut, doch mit zunehmender Zeit beginnen erste Personen Fragen zu stellen. Während sich die drei in ihrer eigenen Realität verkriechen und Jonas versucht erwachsen zu werden, versucht der junge Graf (Ludwig Trepte) eben dies durch Hilfe zu verhindern.

Im SpinnwebhausEin Film, der angeblich – zumindest im Ansatz – auf wahren Tatsachen beruht, der unser Sozialsystem anprangert und gleichwohl eine seichte Note der Märchenwelt beinhaltet, die uns allen bereits vor langer Zeit abhanden gekommen ist. So oder so ähnlich könnte man „Im Spinnwebhaus“ von Mara Eibl-Eibesfeldt beschreiben, die ihren Film auf der letztjährigen Berlinale nicht nur in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“, sondern gleichfalls in der Sektion „Generation“ vorstellen durfte, die eigentlich Kinder- und Jugendfilmen vorbehalten ist. Ob ihr neuster Film tatsächlich in diesen Bereich gehört, darüber lässt sich allerdings streiten.

Lässt man die Betrachtungsweise der richtigen Alterseinstufung einmal außer acht, so ist Mara Eibl-Eibesfeldt ein unglaublich intensiver, abendfüllender Spielfilm gelungen, der auf gleich mehreren Ebenen den Zuschauer anzusprechen vermag. Auf der einen Seite fiebert man mit den drei Kindern im wahrsten Sinne des Wortes mit, auf dass sie möglichst nicht erwischt werden, auf der anderen Seite wünscht man ihnen ausgerechnet dieses Unheil, damit sich endlich jemand verantwortungsvoll um diese kümmert. Es ist letztendlich ein Fall, der selbst heutzutage leider zu oft in den Tageszeitungen steht, denn obwohl Nachbarn das zumindest geahnt haben, wurde der letzte Schritt doch nie getätigt. Auch im Film steht man vor eben diesen Problemen, denn obwohl die Nachbarin eine gewisse Ahnung hat und die Kindergärtnerin glaubhafte Vermutungen anzustellen vermag, ist ein Scheitern der Behörden doch vorprogrammiert.

Im SpinnwebhausRegisseurin Mara Eibl-Eibesfeldt ist aber nicht nur an der Ebene der leisen Kritik gelegen, sie erinnert sich an Elemente diverser Märchen, die sie in diesem Film mit einzuweben versucht. Am ehesten fällt dabei natürlich das Märchen „Hänsel und Gretel“ auf, doch wo damals die Kinder aus dem Haus geschickt wurden, übernimmt diese Rolle diesmal die Mutter selbst. Die Kinder sind dort wie hier auf sich allein gestellt, sie versorgen sich, bauen im verwahrlosten Haus eine Höhle, während man allerlei Ungeziefer Namen gibt und diese als Haustiere betrachtet. Im Mittelpunkt steht bei alledem natürlich Jonas, der mit 12 Jahren praktisch noch immer ein Kind ist, allerdings dringend erwachsen werden muss. Als zusätzliches Element eines Märchens wird dadurch ein Graf implementiert, der, mit einem langen, schwarzen Mantel und diversen Ketten bekleidet, die Rolle einer Art Fee einnehmen soll. Der Graf erzählt in Reimform ein ums andere Mal, dass Jonas nicht erwachsen werden soll, folge er seinem Rat, würde er ihm mit Hilfe beizustehen versuchen, was letzten Endes im Besorgen von Nahrungsmitteln und Kinderfahrrädern gipfelt.

Dies alles ist in wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern gehalten, bei denen Kameramann Jürgen Jürges (Funny Games) seinen Fokus auf verträumte Szenen setzt, in denen in der Nahaufnahme Spinnen und ihre Netze in den Mittelpunkt gerückt werden. Dies alles ist faszinierend, beinahe wunderschön, doch die wahre Energie der Inszenierung wird aus den unverbrauchten Jungdarstellern gewonnen. Insbesondere Ben Litwinschuh schafft es in der Rolle des Jonas, positiv in Erscheinung zu treten, wenn er trotz seiner jungen Jahre eine breite Palette an Emotionen darzustellen vermag.

Filmemacherin Mara Eibl-Eibesfeldt gelingt mit „Im Spinnwebhaus“ nicht nur ein einmaliger Debütfilm, sondern zeitgleich ein Werk, das man in vielerlei Hinsicht interpretieren kann. Absolut kein Kinderfilm, aber ein Werk, das zu Diskussionen nach dem Kinobesuch anregen kann.

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Im Spinnwebhaus

Länge: 90 min

Kategorie: Drama, Fantasy

Start: 31.03.2016

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

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Im Spinnwebhaus

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 90 min
Kategorie: Drama, Fantasy
Start: 31.03.2016

Bewertung Film: (7,5/10)

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