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Victoria

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 22. November 2015

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Für den gebürtigen Hannoveraner Sebastian Schipper konnte die Karriere gar nicht besser beginnen, denn nachdem dieser mit seinem fulminanten „Absolute Giganten“ einen echten Kultfilm aufs Parkett legte, folgten mit „Ein Freund von mir“ und „Mitte Ende August“ zwei weitere Werke, die mit sehr viel Wohlwollen vom Publikum aufgenommen wurden. Sein zweieinhalbstündiges Drama „Victoria“ durfte bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb antreten, gewann dort sogleich den Goldenen Bären und ist nun pünktlich zur Weihnachtszeit auch für das Heimkino erhältlich.

victoria-4-ctIn einem Berliner Nachtclub tanzt die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) ausgelassen zu heißen Beats, als sie auf einmal vier angetrunkene junge Männer sieht, die aufgrund ihres Alkoholpegels vom Türsteher abgewiesen werden. In ihrer jung-naiven Art begleitet Victoria besagte vier Burschen vor die Tür, woraufhin diese sich als Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) zu erkennen geben. Alle sind echte Berliner, wissen wo die richtig guten Partys steigen und so schließt Victoria sich ihnen an, womit der Beginn einer aufregenden Nacht eingeleitet wird. Auf einem Dach hoch über Berlin philosophieren die fünf über allerhand Nebensächlichkeiten, in einem Kiosk werden kurzerhand noch ein paar Flaschen Bier geklaut, bis es schließlich zu einem folgenschweren Ereignis kommt, das alle Beteiligten nachhaltig prägen soll.

Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, ein Ritt auf der Rasierklinge, denn wo Alfred Hitchcock bei „Cocktail für eine Leiche“ und Alejandro G. Iñárritu bei „Birdman“ noch reichlich tricksen mussten, ist es Sebastian Schipper nun tatsächlich gelungen: ein zweieinhalbstündiges Drama in einer einzigen Plansequenz, komplett ohne Schnitt und andere Hilfsmittel, die dabei hätten behilflich sein können. Über drei Monate hinweg probte Schipper mit seinem Team jede Einstellung, es gab insgesamt drei komplette Durchläufe, wovon schließlich auch der letzte genommen wurde, um „Victoria“ fertig zu stellen.

victoria-3-ctAbgesehen vom technischen Highlight und der unglaublichen Mammut-Aufgabe, einen Film komplett ohne einen einzigen Schnitt drehen zu wollen, wird „Victoria“ diesem unglaublichen Hype gerecht, der um diesen Film seit Monaten gemacht wird? Die Antwort darauf lautet ja, Ja, verdammt nochmal JA. „Victoria“ strotzt nur so vor Energie, wenn wir eine Handvoll junger und talentierter Darsteller auf einer Reise durchs nächtliche Berlin begleiten, wo allerhand passiert und mal eben ganz locker aus dem Nähkästchen geplaudert wird. Themen wie die besten Partys der Stadt stehen im Mittelpunkt, Ängste von Einwanderern wie Victoria, die für einen Hungerlohn arbeiten, aber auch ganz normale Dinge wie die Ziele und Träume heranwachsender junger Menschen, die in der Millionenmetropole etwas suchen und doch nicht finden.

Mit einem Banküberfall wird ab der Mitte des Filmes die Geschichte zugespitzt, denn was anfangs noch nach einem netten Drama über die Probleme und Sehnsüchte Jugendlicher aussieht, wird schon bald zu einem waschechten Krimi, wo selbst wilde Verfolgungsjagden und Schießereien nicht fehlen dürfen. Natürlich ist die Geschichte rund um die Spanierin Victoria reichlich naiv dargestellt, denn von der braven Serviererin bis hin zur Bankräuberin ist es doch ein langer Weg, der in grade einmal zwei Stunden auf psychologischer Ebene gar nicht zu meistern ist. Sieht man von diesen logischen Ungereimtheiten aber einmal ab, so wird der Zuschauer mit einer interessanten Geschichte und jeder Menge lockerer Dialoge konfrontiert, die das wahre Berlin darzustellen versuchen.

victoria-2-ctNeben der logistischen Meisterleistung, ohne einen einzigen Schnitt an ganzen 22 Drehorten drehen zu wollen, muss man bei „Victoria“ vor allem die Darsteller hervorheben, die mit viel Improvisation ihre jeweiligen Rollen glaubhaft und mit sehr viel Hingabe darbieten. Spanierin Laia Costa (Ich steh auf dich) kannte man bisher bestenfalls aus dem spanischen Fernsehen, hier gibt sie die brave Einwanderin, die sich mit ein paar liebevollen Blicken mal eben zu einem Banküberfall überreden lässt. An ihrer Seite überrascht vor allem Frederick Lau (Die Welle) als Sonne, der zwischen überheblichem Macho-Gehabe und schmachtenden Blicken mit beinahe allem glaubhaft aufwarten kann.

Bei alledem darf aber ein Mann nicht unerwähnt bleiben, und das ist Kameramann Sturla Brandth Grøvlen (I Am Here), ohne den dies alles nicht möglich gewesen wäre. Grøvlen bleibt mit seiner Kamera stets ganz nah an seinen Darstellern, lässt die im Mittelpunkt stehende Victoria zu keiner Zeit aus den Augen und muss sich mit allerhand unliebsamen Gelände abfinden, um diesen Film in einer Plansequenz drehen zu können. Egal ob dies im vollbesetzten Fahrstuhl ist, auf der Rückbank des Autos oder eben bei der Verfolgungsjagd im Treppenhaus – nicht nur die Darsteller dürfen nichts verkehrt machen, um das Ergebnis nicht zu ruinieren, auch Grøvlen muss trotz schwierigster Lichtverhältnisse stets das Beste aus seiner Situation machen.

Sebastian Schippers „Victoria“ ist großes Arthouse-Kino, das man gesehen haben sollte. 140 Minuten ohne auch nur einen einzigen Schnitt, eine Meisterleistung, vor der man seinen Hut ziehen sollte.

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Wir vergeben daher 9 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Wild Bunch Germany

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Victoria

Länge: 140 min

Kategorie: Crime, Drama, Thriller

Start: 20.11.2015

cinetastic.de Filmwertung: (9/10)

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Victoria

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 140 min
Kategorie: Crime, Drama, Thriller
Start: 20.11.2015

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