cinetastic.de - Living in the Cinema

Bridge of Spies – Der Unterhändler

Geschrieben von Frank Schmidke am 13. November 2015

ct-BridgeOfSpies-1Es ist eine ziemlich sichere Wette, anzunehmen, dass „Bridge of Spies – Der Unterhändler“, Steven Spielbergs Drama aus dem Kalten Krieg, den einen oder anderen Oscar einfahren wird. Die kaum bekannte Geschichte um James Donovan, den inoffiziellen Unterhändler der USA beim Austausch von Agenten mit der UdSSR, hat alles, was es braucht, um nicht nur an den Kinokassen Erfolg zu haben, sondern auch Kritiker zu begeistern. Das Konzept Spionage ohne Thriller funktioniert und ist filmhandwerklich wahrlich meisterhaft ausgefallen. Eigentlich erstaunlich, dass es so faszinierend ist, Teppichhändlern beim Schachern zuzusehen.

ct-BridgeOfSpies-03Im Jahr 1957 wird der russische Spion Rudolf Abel (Mark Rylance) vom F.B.I. verhaftet. Der Mann hatte jahrelang als Künstler in den USA gelebt und für die kommunistische Gegenseite spioniert. Um den Russen zu beweisen, was amerikanische Werte sind, bekommt der Spion einen hochklassigen Anwalt zugeteilt. Die Wahl fällt auf James Donovan (Tom Hanks), der ist zwar mit Versicherungsangelegenheiten betraut, hat aber – wie in einem Nebensatz durchklingt – auch bei den Nürnberger Prozessen gegen die Nazis mitgewirkt.

Das bringt den Anwalt in eine missliche Lage, denn sein Mandant ist der meistgehasste Mann Amerikas und die zuständige Justiz macht deutlich, dass sein Mandat eigentlich nur pro forma existiert. Aber Donovan nimmt seine Aufgabe erst, was nicht nur zu leichten Missstimmungen mit der Gattin (Amy Ryan) führt, sondern auch zu massiven Bedrohungen. Immerhin gelingt es Donovan, seinen Mandanten von der Todesstrafe zu verschonen.

ct-BridgeOfSpies-02Das macht sich Anfang der 1960er Jahre bezahlt, als der amerikanische Flieger Francis Gary Powers von den Russen gefangen gehalten wird. Die USA hätten ihren hochrangingen Geheimnisträger gerne so schnell wie möglich zurück. In der DDR ist zudem nach dem Mauerbau ein amerikanischer Student als vermeintlicher Spion inhaftiert worden. Auch den hätten die Amerikaner gerne wieder zu Hause. Ein Tauschgeschäft scheint möglich, allerdings ohne offiziell in Verhandlungen zu treten. Für diese heikle, inoffizielle Mission scheint Donovan, der geeignete Mann zu sein. Der Anwalt bricht nach Berlin auf, um den Agentenaustausch zu verhandeln.

ct-BridgeOfSpies-05Von einer furiosen Eingangssequenz aus entwickelt sich „Bridge of Spies“ zunächst zum Justizdrama mit einem moralisch standhaften Anwalt und später zu einem Spionagefilm mit einem klug taktierenden Unterhändler, ohne dass dabei die Kohärenz, der filmische Zusammenhang, verloren ginge. Auch wenn Stephen Spielbergs Film die Intensität und die Spannung nicht über die gesamte Spieldauer von 140 Minuten auf höchstem Niveau halten kann, bleibt „Bridge of Spies“ doch ein außergewöhnlich gelungener Film, freilich auch ein amerikanischer und einer, den Spielberg wie viele seiner geschichtlichen Werke nutzt, um mit Unterhaltung zu belehren.

ct-BridgeOfSpies-06Das muss man nicht unbedingt als Manko empfinden, Als Europäer kann man das schon mal kritischer reflektieren. Das Ostberlin des Films wird schon in recht düsteren, winterlichen Farben gezeigt, die DDR-Unterhändler als piefige Kleinbürger, die so gerne am großen Verhandlungstisch der Weltmächte USA und UdSSR säßen. Und selbstverständlich wird auch der Mauerbau in den Film integriert und, obwohl im August 1961 geschehen, dramaturgisch in die kalte Jahreszeit verlegt. In dem Kontext dürfen (für die amerikanischen Zuschauer) auch die Mauertoten nicht fehlen, um ganz klar zu machen, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen ist. Da trägt der Film dann doch zu dick, zu stereotyp auf.

Auch die Amerikaner bekommen ihr Scherflein an Gesellschaftskritik ab, indem Anwalt Donovan der einzige zu sein scheint, der sich vor lauter Kommunistenhass und Kriegsangst an Verfassung und Grundrechte erinnern kann.  Allerdings ist es inzwischen auch längst nicht mehr unpatriotisch, das Amerika der McCarthy-Ära (und die Folgejahre) zu kritisieren. Und am Ende wird es dann auch wieder gewohnt Hollywood-kompatibel patriotisch.

ct-BridgeOfSpies-07Handwerklich ist „Bridge of Spies“ in beinahe jeder Hinsicht sehr überzeugend. Die Darsteller sind allesamt großartig, wobei Mark Rylance als fatalistisch entspannter Rudolf Abel dem Hauptdarsteller und Hollywoodstar Tom Hanks mehr als nur ein ebenbürtiger Spielpartner ist. Dazu Mut zum Zeitkolorit, ohne in Manierismen zu versinken. Die Geschichte nach wahrem Vorbild wurde von Mark Charman dramaturgisch verdichtet und von Joel und Ethan Coen in gelungene, mehrdeutige Drehbuchform gebracht, die den Zeitgeist trifft. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn wenn die beiden renommierten Filmmacher nicht selbst Regie führen, kann das wie bei „Gambit“ auch schon mal daneben gehen. Hier allerdings gelingt sehr vieles. Leitmotive tauchen immer wieder auf, die Dialoge sind auch humorig und voller Mehrdeutigkeiten.

ct-BridgeOfSpies-04Bestechend brillant ist und bleibt aber die hinreißende Kameraarbeit von Janusz Kaminski, der seit „Schindlers Liste“ (1993) mit Spielberg dreht und in „Bridge of Spies“ sowohl einen äußerst stimmigen, bisweilen grobkörnigen Look als auch überraschende Kameraperspektiven findet, um die Protagonisten in Szene zu setzen. Bestechend bleibt die schon erwähnte meisterhafte Eingangssequenz, der es gelingt, aus einem unbekannten Künstler bei der Arbeit an einem Selbstportait zunächst einen Verfolgten, einen Verdächtigen und schließlich einen Schuldigen zu machen und den Zuschauer so mitten ins Geschehen zu werfen, dessen Orientierungslosigkeit in bester Thriller-Manier zu nutzen, um die Ausgangslage zu etablieren und allein über die Bildsprache alle wesentlichen Elemente der Thematik aufzuzeigen. Das ist einfach schön.

„Bridge of Spies –Der Unterhändler“ schlägt aus einem eher unbekannten Kapitel der Geschichte des Kalten Krieges viel Kapital und rückt einen unbesungenen Helden ins Licht. Stephen Spielberg ist ein sehr sehenswerter und unterhaltsamer Film gelungen, der sicherlich zu seinen besten und stärksten zählt. Und das mag bei 55 Filmen schon etwas heißen.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 2th century Fox

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 141 Minuten

Kategorie: Biography, Drama, History

Start: 26.11.2015

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Bridge of Spies – Der Unterhändler

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 141 Minuten
Kategorie: Biography, Drama, History
Start: 26.11.2015

Bewertung Film: (8/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten