cinetastic.de - Living in the Cinema

Die Kinder des Fechters

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 15. Oktober 2015

Die Kinder des Fechters

Die interessantesten Geschichten schreibt nach wie vor das Leben selbst, das muss sich wohl auch Autorin Anna Heinämaa gedacht haben, als sie das Leben des Fechters Endel Nelis zu Papier brachte. Die filmische Umsetzung wird nun als Finnlands Beitrag für den Besten fremdsprachigen Film ins Rennen um den Oscar geschickt, was angesichts des Themas nicht nur ein kluger Schachzug ist, sondern auch noch völlig verdient erscheint.

Die Kinder des FechtersAuf der Flucht vor Stalins Geheimpolizei versucht sich der junge Fechter Endel Nelis (Märt Avandi, „Kättemaksukontor“) in einem kleinen Küstenstädtchen in Estland zu verstecken, wo er fortan an einer Schule der Arbeit als Sportlehrer nachgehen soll. Endel hat nicht unbedingt viel Erfahrung mit Kindern, versucht aus seiner Situation aber dennoch das Beste zu machen. Auf Wunsch des Direktors eröffnet Endel schließlich einen Nachmittagskurs zur sportlichen Ertüchtigung, doch wenn es der Schule an einem mangelt, dann an vernünftigen Geräten. Kurzerhand besinnt er sich auf seine eigenen Stärken, woraufhin er den Kindern schließlich einen Fechtkurs anbietet, was vom Schuldirektor sofort als feudales Überbleibsel der Aristokratie angesehen wird. Während dieser nun damit beginnt, Nachforschungen über den neuen Kollegen anzustellen, geht Endel in seiner Arbeit mit den Kindern auf. Doch plötzlich wünschen sich diese, an einem Fecht-Wettbewerb in Leningrad teilnehmen zu dürfen, was für Endel ein kaum abschätzbares Risiko darstellt.

Die Geschichte von Endel Nelis ist in Estland weitestgehend bekannt, nicht nur weil er selber ein sehr erfolgreicher Sportler im Bereich des Fechtens gewesen ist, sondern insbesondere auch deswegen, weil seine Sportschule in einem kleinen Städtchen zahlreiche Titel gewonnen hat. Autorin Anna Heinämaa nahm sich des Lebens dieses Mannes an, wobei sie sich allerdings nur auf einen Teilabschnitt konzentrierte, der in den 50er Jahren angesiedelt ist. Für die filmische Umsetzung des Drehbuchs wurde Regisseur Klaus Härö (Die beste Mutter) engagiert, der daraus einen wirklich sehenswerten Film machen sollte.

Die Kinder des FechtersIm Grunde ist die zeitliche Spanne der Erzählung recht überschaubar, denn Heinämaa beginnt mit der Flucht aus Leningrad und hört praktisch bei der Verhaftung durch die Geheimpolizei wieder auf (wodurch das Ende an dieser Stelle leider bereits vorweggenommen wurde). Was dazwischen liegt, ist klar umrissen, denn ein erfolgsverwöhnter Sportler von einem Sportinternat trainiert nun nicht mehr mit den besten des Landes, sondern mit einem Dutzend Kindern, die allesamt jemanden in ihrem Leben verloren haben. Es handelt sich um Waisen, deren Väter im Krieg gefallen sind, Kinder, deren Eltern im Gulag sitzen oder von denen man einfach nicht wissen, wo diese denn sein könnten. Unterernährt und ohne jedwede Perspektive, sehen die Kinder im Fechten eine gern gesehene Abwechslung, doch auf der anderen Seite steht ein gnadenloser Lehrer, der viele Dinge als selbstverständlich ansehen will.

Durch die Beziehung mit Kollegin Kadri (Ursula Ratasepp) soll im weiteren Verlauf jedoch ein Umbruch vonstatten gehen, denn nicht nur dass Endel sich langsam den Kindern und deren Talent anzunehmen versucht, er baut gleichzeitig auch eine gewisse Bindung zu diesen auf, wodurch einzelne ihn schon bald als eine Art Vaterersatz ansehen. Parallel dazu werden die Ermittlungen des Schuldirektors in kurzen Sequenzen gezeigt, der nicht nur ein treuer Anhänger der Partei ist, sondern sich mit einer Niederlage beim Elternabend auch herausgefordert sieht. Um die ganze Thematik allerdings zu verstehen, muss man sich unbedingt die einleitenden Worte des Films in Erinnerung rufen, denn Estland war abwechselnd von Deutschland und der Sowjetunion besetzt, wodurch Endel als junger Bursche nicht nur von den Deutschen eingezogen, sondern nun von Stalins Geheimpolizei auch gesucht wird.

Die Kinder des FechtersNeben den genannten Themen und der sich entwickelnden Geschichte zwischen Endel und seinen Schülern kommt in „Die Kinder des Fechters“ aber noch ein ganz anderer Aspekt zum Tragen, der es gegen Ende schwer macht, den Film in seiner Gänze zu verstehen. Sobald sie in Leningrad angekommen sind und am Fecht-Wettbewerb teilnehmen, wird selbst in der deutschen Synchronisation des Filmes recht viel auf Russisch gesprochen, was – zumindest in der Pressevorführung – leider nicht untertitelt war. Dadurch gehen recht wichtige Informationen zum Teil verloren, wenn es um die Frage geht, warum die Kinder nun auf einmal doch am Turnier teilnehmen dürfen und warum sie von einer anderen Schule Ausrüstung überlassen bekommen haben.

Sieht man von diesen inhaltlichen Verständigungsschwierigkeiten einmal ab, so ist „Die Kinder des Fechters“ ein zum Teil wirklich rührender Film, der insbesondere gegen Ende doch sehr ans Herz zu gehen beginnt. Dafür ist zum Teil Hauptdarsteller Märt Avandi verantwortlich, der eine sehr wandelbare Figur darstellen muss, zum anderen aber auch diverse Kinder, die hier oft ihr Leinwanddebüt abgeben.

„Die Kinder des Fechters“ ist ein wunderbarer Film, der völlig verdient als Finnlands Oscarbeitrag ins Rennen geschickt wird. Leider trüben den Filmgenuss gegen Ende hin einige sprachliche Verständnisschwierigkeiten, die allerdings mit Untertiteln gelöst werden könnten.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Zorro

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Die Kinder des Fechters

Länge: 93 min

Kategorie: Drama

Start: 17.12.2015

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Die Kinder des Fechters

Die Kinder des Fechters

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 93 min
Kategorie: Drama
Start: 17.12.2015

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten