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Boulevard

Geschrieben von Peter Gutting am 16. September 2015

Boulevard

Welch ein Verlust! In einer seiner letzten Rollen zeigt Robin Williams, was für ein begnadeter Darsteller er war, gerade auch im ernsten Fach. Doch wenige Monate nach der Premiere des Films beim New Yorker Tribeca-Festival setzte der an Depressionen leidende Komiker und Schauspieler seinem Leben ein Ende.

BoulevardWilliams spielt den biederen Bankangestellten Nolan Mack, der in seinem Leben ein kleines Glück zu genießen scheint. Ob er die Beförderung zum Filialleiter annehmen wird, erscheint deshalb zweifelhaft – in seinen eingefahrenen Gleisen fühlt sich der knapp 60-Jährige sicher und aufgehoben. Doch etwas stimmt nicht in dieser Welt zwischen Plüschmöbeln und Aktenordnern. Das zeigt sich an den ziellosen Streifzügen über den Boulevard, an dem die Prostituierten stehen. Erst fährt Nolan vorbei, dann dreht er um und verrenkt sich den Kopf nach den weiblichen Reizen – aber ohne anzuhalten. Unachtsam übersieht er Leo (Roberto Aguire), einen jungen Stricher, der ihm vors Auto läuft. Ab diesem Moment ist alles anders, nicht nur in der Frage der erotischen Orientierung. Nolan verliebt sich in den Jungen, der ihm Sex anbietet, aber Gefühle verweigert.

Leider lässt das Drehbuch von Douglas Soesbe das späte und verquälte Coming-out im Hier und Heute einer amerikanischen Kleinstadt spielen. Viel besser hätte es jedoch in die 1950er Jahre gepasst – mit all den Schuldgefühlen und Verdrängungen, die damals das gesellschaftliche Klima prägten, nicht nur in den USA. Robin Williams‘ Figur scheint deshalb wie aus der Zeit gefallen, mit all ihren konservativen Anzügen, der pflichtversessenen Mimik und der wie ein Uhrwerk ablaufenden Tagesroutine. Dass sich Nolan für Literatur interessiert und einen Film von Godard anschaut, scheint allein den Interessen seiner Ehefrau Joy (Kathy Baker) geschuldet. Sie flüchtet sich gern in fiktionale Welten. Dort kann ihr der Schmerz einer liebevollen, aber auf wechselseitiger Verleugnung beruhenden Zweisamkeit weniger anhaben.

BoulevardDass der Plot heute nicht mehr glaubwürdig wirkt, mag dazu beigetragen haben, dass der Film in den USA eher verhalten aufgenommen wurde und bis jetzt nur 126 000 Dollar einspielte. Für ein europäisches Arthouse-Publikum dürften jedoch eher die nuancierte Schauspielkunst und die sensible Kameraarbeit ins Gewicht fallen. Robin Williams läuft in seiner Interpretation eines Gefangenen im falschen Leben noch einmal zu großer Form auf. Nur mit minimalen Andeutungen lässt er ahnen, welche Gefühlsstürme in ihm toben – und macht durch den Verzicht auf große Gesten den Charakter umso glaubwürdiger.

Regisseur Dito Montiel tat gut daran, die Inszenierung ganz auf den Protagonisten und die beiden ebenfalls überzeugenden Nebendarsteller zu konzentrieren. Und er hatte ebenfalls ein glückliches Händchen bei der Entscheidung, den Charakteren nicht zu sehr auf den Leib zu rücken, sondern sie auch über den filmischen Raum zu definieren. Wenn Nolan mit seinem Auto über die nächtlichen Straßen gleitet, sagt das eine Menge aus über die Melancholie eines verpassten Lebens. „Ich fühle mich heute noch als Zwölfjähriger“, wirft Nolan einmal seinem Vater zu, dem zuliebe er seine sexuelle Orientierung unterdrückt hatte.

BoulevardNatürlich kann sich der Zuschauer kaum davor schützen, die Darstellung eines melancholischen, an seinem Leben verzweifelnden älteren Menschen mit dem realen Schicksal des unsterblichen Robin Williams („Good Morning, Vietnam“, „Der Club der toten Dichter“) in Verbindung zu bringen. Bei den Dreharbeiten jedoch, so heißt es, sei von einer Depression nichts zu spüren gewesen. Und: Im Gegensatz zu dem Schauspieler gibt es für seine Filmfigur einen Ausweg aus der Sackgasse trauriger Gefühle.

„Boulevard“ ist trotz seiner etwas unglaubwürdigen Coming-out-Geschichte ein großer Schauspielerfilm. Robin Williams glänzt durch Zurückhaltung. Er zelebriert einen Minimalismus, der seine Figur umso glaubwürdiger und universeller macht. Für die Fans des verstorbenen Oscar-Preisträgers ist der Film ein Muss. Für alle anderen hängt es an der Frage, inwieweit sie bereit sind, die Handlung gedanklich in die 1950er Jahre zu verlegen.

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Boulevard

Länge: 88 min

Kategorie: Drama

Start: 21.01.2016

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 88 min
Kategorie: Drama
Start: 21.01.2016

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