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Winterschlaf

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 28. Juni 2015

Winterschlaf

Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan war noch nie ein Mann der großen Worte gewesen und dennoch verzauberten seine Filme die Zuschauer auf zahlreichen Festivals, sodass er in Cannes über die Jahre hinweg gleich mehrere Preise in Empfang nehmen durfte. Für „Drei Affen“ bekam er den Preis der Regie, für „Es war einmal in Anatolien“ den Großen Preis der Jury, folgerichtig gab es zuletzt für „Winterschlaf“ die Goldene Palme, die völlig verdient gewesen ist. Sein großartiges Meisterwerk gibt es nun endlich auch für das Heimkino, bei dem der Zuschauer bei über drei Stunden Laufzeit jedoch ordentlich Sitzfleisch mitbringen muss.

WinterschlafIn einem kleinen Dorf in Kappadokien, irgendwo im steinigen Herzen der Türkei, betreibt der ehemalige Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer) zusammen mit seiner Frau Nihal (Melisa Sözen) und der jüngeren Schwester Necla (Demet Akbag) ein kleines Hotel, dass er von seinen Eltern geerbt hat. Während Hausmeister und Verwalter Hidayet (Ayberk Pekcan) sich um das Hotel und um den Landbesitz kümmert, schreibt Aydin in einer kleinen Lokalzeitung wöchentliche Kolumnen, in denen er die ländliche Bevölkerung über ganz grundsätzliche Dinge aufzuklären versucht. Während seine Frau in humanitärer Mission unterwegs ist und Geld für eine Schule aufzutreiben versucht, muss sich Aydin mit dem Mieter Hamdi (Serhat Kilic) herumärgern, der seine Miete einfach nicht bezahlen kann.

Blickt man zurück auf die letzten Filme des türkischen Regisseur Nuri Bilge Ceylan, so wird man mit einer Hand voller Merkmale konfrontiert. Karge Landschaften, übersichtliche Dialoge und vor allem eine Laufzeit, die eigentlich immer jenseits der zwei Stunden angesiedelt ist. Mit „Winterschlaf“ hat sich Nuri Bilge Ceylan zumindest beim letzteren noch einmal um ein gutes Stück übertroffen, denn seine Bildkomposition welche auf gleich drei Kurzgeschichten beruht, wurde von Ehefrau und Drehbuchautorin Ebru Ceylan (Kiyida) so verändert, dass etwas ganz eigenes entstand.

WinterschlafDas Ergebnis dieser familiären Zusammenarbeit kann sich wirklich sehen lassen, denn Nuri Bilge und seine Frau Ebru Ceylan sprechen eine ganze Reihe von Themen an, die in der Türkei selbst aus heutiger Sicht aktueller denn je sind. Ausgangspunkt des Konfliktes soll ausgerechnet ein Mann sein der seine Miete nicht bezahlen kann, woraus nicht nur Diskussionen hinsichtlich der Moralvorstellung entstehen, sondern auch Themen, die sich im Detail mit der Rolle der Frau beschäftigen. Auf der einen Seite ein ehemaliger Schauspieler der in einer zerklüfteten Bergregion das gemeine Volk über kulturelle und gesellschaftskritische Dinge aufzuklären versucht, auf der anderen Seite die eigene Schwester, welche mit der aufgezwungenen Moralvorstellung nur sehr schwer umgehen kann.

Auf die Spitze wird dies aber mit einer zweiten Frau getrieben, denn Aydins Ehefrau Nihal versucht sich mehr und mehr von ihrem Mann zu lösen, unter deren Last sie zunehmend erdrückt wird. Es werden Fragen hinsichtlich der Moral gestellt, die Rolle der Frau wird in das rechte Licht gerückt, beinahe nebenbei werden aber auch Themen wie arm und reich angeschnitten, entfremdet sich die Bevölkerung doch mehr und mehr voneinander. Um diese Themen in ihrer Komplexität und Gänze anzusprechen, wählen Nuri Bilge und Ebru Ceylan die Form des Dialogs und des Monologs, wodurch Szenen entstehen, bei denen man beteiligte beinahe zehn bis fünfzehn Minuten sprechen sieht. Entscheidet man sich an dieser Stelle für das türkische Original mit optionalen Untertiteln, so wird man angestrengt mitlesen müssen, um Argument und Gegenargument in seiner Gänze zu verstehen.

WinterschlafNeben den angesprochenen Themen und der Umsetzung mit Fokus auf den Dialogen, nutzt Nuri Bilge Ceylan neben seinen beiden Hauptdarstellern Haluk Bilginer (The International) und Melisa Sözen (Av mevsimi – Zeit der Jagd) aber noch einen dritten, was die zerklüftete Bergregion im Herzen der Türkei ist. Kameramann Gökhan Tiryaki (Sarmasik) nutzt vornehmlich sehr lange Einstellungen, wenn er uns Felsformationen zeigt, aus denen die Höhlen absolut präsent hervorstechen. In den zahlreichen Innenaufnahmen hält er sich zumeist sehr dezent im Hintergrund, platziert die Kamera in einer der zahlreichen Ecken, um somit beinahe perfekt ausgeleuchtet den Raum mit seinen zahlreichen Unebenheiten und Verschmutzungen zu zeigen.

Erwähnt muss bei alledem noch die dezent eingesetzte Musik, für die sich gleich eine ganze Reihe von Komponisten verantwortlich zeichnen. Stets sehr dezent im Hintergrund verharrend unterstreicht diese die zauberhafte Bildkomposition von Gökhan Tiryaki, wodurch ein einmaliges Konglomerat entsteht.

Nuri Bilge Ceylan versucht in seinem dreieinhalbstündigen Film gleich eine Vielzahl von Themen anzusprechen, wenn er nicht nur die Rolle der Frau thematisiert, sondern auch den moralischen und ethischen Ansatz zwischen Arm und Reich. Eine absolute Empfehlung.

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Wir vergeben daher 9 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino

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Winterschlaf

Länge: 196 min

Kategorie: Drama

Start: 26.06.2015

cinetastic.de Filmwertung: (9/10)

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Winterschlaf

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 196 min
Kategorie: Drama
Start: 26.06.2015

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