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Phoenix

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 23. März 2015

Phoenix

Für Christian Petzold ist es beinahe zur Normalität geworden und dennoch übertrifft er sich mit einem jeden Film ein wenig mehr, wenn es darum geht den Zuschauer mit einer ehrlichen und gut inszenierten Geschichte zu packen. In „Die innere Sicherheit“ versuchte sich Petzold mit dem Linksterrorismus auseinander zu setzen, mit „Barbara“ widmete er sich dem System der ehemaligen DDR, nur um jetzt in „Phoenix“ die Nachkriegsjahre aufzuarbeiten. Großes deutsches Kino und gleichwohl ein Meilenstein der Berliner Schule.

PhoenixBerlin im Jahre 1945. Der zweite Weltkrieg ist gerade erst vorbei, die Alleierten haben Deutschland besetzt und die Überlebenden versuchen aus dem Nichts wieder aufzustehen und zur Normalität zurück zu kehren. Ganz ähnlich ergeht es auch Lene (Nina Kunzendorf), Mitarbeiterin einer jüdischen Hilfsorganisation, die sich fortan um Nelly (Nina Hoss) zu kümmern versucht. Schwer verletzt ist sie eine der wenigen Überlebenden aus den Lagern, die mit einem entstellten Gesicht zurück zur Normalität zu kommen versucht. Ärzte versuchen zu retten was zu retten ist, doch Nelly erkennt sich nicht wieder und versucht Halt in der Vergangenheit zu suchen.

Ein Ansatzpunkt dafür ist ihr längst verschwundener Mann namens Johnny (Ronald Zehrfeld), den sie im zerbombten Berlin in einer Bar schließlich findet. Von einem glücklichen Wiedersehen ist hier aber keine Spur, denn Johnny erkennt seine eigene Frau nicht wieder. Nelly gibt sich aus Scham nicht zu erkennen, doch nach einigen Augenblicken kommt doch noch die ersehnte Wendung. Johnny erkennt in ihr zumindest im Ansatz jemanden der seiner Frau ähnlich sehen könnte, woraufhin dieser schließlich den Plan verfolgt, an das Erbe eben dieser zu kommen. Fortan versucht er Nelly die Handschrift und den Gang seiner verstorbenen Frau beizubringen, während Nelly einfach nur die Nähe ihres Mannes sucht und die Hoffnung hegt, dass dieser sie doch noch erkennen wird.

PhoenixEine ganze Reihe von Regisseuren die zur sog. Berliner Schule zählen haben in den letzten Jahren von sich reden gemacht, einer der ersten ist Christian Petzold, der inzwischen aus der Kinolandschaft nicht mehr wegzudenken ist. Seine Inszenierungen sind in erster Linie mutig, die Figuren außergewöhnlich, das Ergebnis oftmals herausragend, wodurch sich dieser einen Namen machen konnte. Mit „Phoenix“ versucht Petzold nun ein ganz heikles Thema der Nachkriegsjahre anzusprechen, in denen es nicht nur um Schuld und das Vergessen ging, sondern gleichwohl um den Neuanfang, der von den unterschiedlichsten Menschen praktiziert wurde.

Bereits die ersten zehn Minuten könnten eindringlicher kaum sein, wenn der Zuschauer mit einer Grenzkontrolle konfrontiert wird, bei denen zwei Frauen einem hoffnungslos egoistischen Soldaten gegenüber stehen. Dieser möchte unbedingt das Gesicht einer der beiden Damen sehen, doch als diese schließlich ihren Verband entfernt und die Kamera vorsichtshalber das entstellte Gesicht nicht zeigt, bleiben diesem sprichwörtlich die Worte im Halse stecken. Es folgt eine Szene im Krankenhaus, ein Arzt spricht von der Wiederherstellung der Gesichtspartie, nachgelagert ein Scherz über das derzeitige wechseln von Gesichtern, was mehr als genug Menschen momentan nötig haben.

PhoenixBesagter Scherz soll aber weniger die Kriegsopfer thematisieren, sondern vielmehr die Vielzahl an Nazis, die nun einen Neuanfang anstreben. Besagter Neuanfang ist für die im Mittelpunkt stehende Nelly aber von Anfang an ausgeschlossen, denn genauso wie sie an alten Fotos klebt, versucht sie die Nähe ihres Mannes zu suchen, der bereits vor Monaten von ihr abgelassen hat. Johnny steht für die Vergangenheit, für eine Zeit in der beide glücklich waren, aber kann diese Zeit jemals wieder kommen? Die folgenden anderthalb Stunden drehen sich nun in erster Linie um diese beiden Menschen. Auf der einen Seite Nelly die Nähe sucht, auf der anderen Johnny, der nur an dem Erbe seiner scheinbar verstorbenen Frau Interesse zeigt.

Nelly steht bei alledem symbolisch für jene Frauen die nicht vergessen können, gleichwohl aber auch jene, die nicht vergessen wollen. In der Vergangenheit dominierte das Glück, ein Neuanfang scheint eine unüberwindbare Hürde zu sein. Diese melodramatische Geschichte spielt sich einen Großteil der Zeit in Hinterhöfen ab, in einem verschmutzten Keller, während des Nachts die streng komponierten Film Noir-Bilder dominieren. Es sind Bilder der Nachkriegszeit die nicht vergessen lassen, Bilder einer in Trümmern liegenden Stadt in der Menschen zur Normalität überzugehen versuchen, Bilder in deren Mitte Petzold beinahe still und leise den Holocaust thematisiert. „Es wird niemand nach dem Erlebten in den Lagern fragen“, Worte die den Zuschauer treffen und lange Zeit in Erinnerung verbleiben.

Mit „Phoenix“ geht Christian Petzold seinen Weg konsequent weiter und zeigt beinahe beiläufig genug Fingerspitzengefühl, sich diesem heiklen Thema in seiner Gänze zu widmen. Ganz großes Kino der Berliner Schule, das verdient beachtet zu werden.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

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Phoenix

Länge: 98 min

Kategorie: Drama

Start: 20.03.2015

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Phoenix

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 98 min
Kategorie: Drama
Start: 20.03.2015

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