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Tao Jie – Ein einfaches Leben

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 17. August 2014

Tao Jie - Ein einfaches Leben

Das asiatische Kino ist nach wie vor kaum in der deutschen Filmlandschaft vertreten, denn wenn es sich nicht gerade um einen Blockbuster handelt oder das Werk auf keinem großen internationalen Festival vertreten war, nimmt sich diesem doch kaum ein Filmverleih an. Mit den Filmen der Hongkong Regisseurin Ann Hui verhält es sich leider ganz ähnlich, denn obwohl diese inzwischen gut 30 Filme abgedreht hat, ist doch noch nie einer im deutschen Kino, geschweige denn auf DVD veröffentlicht worden. Der Koch Media Filmverleih versucht nun mit dieser Tradition zu brechen, wenn sie jenen Film von Hui auf DVD veröffentlichen, der bei den 68. Filmfestspielen von Venedig vierfach ausgezeichnet wurde.

Tao Jie - Ein einfaches LebenDas Leben von Ah Tao (Deanie Ip) war beim besten Willen nicht einfach, denn nachdem sie als Waisenkind zur Welt kam, starb kurze Zeit danach auch schon ihr Adoptivvater bei der japanischen Besetzung Chinas. Ah Tao musste daraufhin ihr eigenes Geld verdienen, trat in die Dienste der Familie Leung ein und umsorgte diese als Dienstmädchen mehr als 60 Jahre lang. Inzwischen ist Ah Tao im gehobenen Alter, von der Familie Leung ist nur noch der jüngste Sohn Roger (Andy Lau) da, der sich als Filmproduzent versucht in China durchzuschlagen, während der Rest seiner Familie in den Vereinigten Staaten lebt. Eines Tages erleidet Ah Tao einen Schlaganfall, woraufhin sie sich selbst in ein Altenheim begibt. Die Regeln dort sind streng, die Heimbewohner ungewöhnlich, doch Roger hält auch in dieser Zeit zu ihr und versucht sich möglichst gut um seine langjährige Hausangestellte zu kümmern.

Die inzwischen 67-jährige Regisseurin Ann Hui (Sommerschnee) zeichnet sich für einige der größten Filme verantwortlich, fungiert als Drehbuchautorin, gleichwohl aber auch als Produzentin. Ann Hui zählte in den 80er Jahren zu den zentralen Filmemacherinnen der sog. „Neuen Welle“, wo sie mit Hilfe einer ungewöhnlichen Ästhetik auf soziale Themen aufmerksam machte, die vorher unter britischer Kolonialherrschaft undenkbar gewesen waren. Ihre Königsdisziplin war seither das filmen von Alltagsgeschichten, wo sie sich mit viel Geduld ihren Figuren widmete und dabei versuchte ganz zentrale Themen ihres Landes anzusprechen.

Tao Jie - Ein einfaches LebenIhr neuster Film namens „Tao Jie – Ein einfaches Leben“ ist eine dieser Alltagsgeschichten, in denen sich auf gleich zwei einsame Seelen konzentriert wird, die einander zum überleben benötigen. Bei alledem versucht Ann Hui aber noch einen dritten Hauptdarsteller zu etablieren, was in diesem Fall erneut das Essen selber ist. Wenn Ah Tao für Roger das Essen zubereitet und dieser es stillschweigend genießt, wenn er sich Ochsenzunge wünsch und dafür nur einen dummen Spruch zu hören bekommt oder wenn Ah Tao im Altenheim ihr Essen mit anderen Bewohnern teilt, bekommt man dieses gewisse Etwas zu spüren, auf das es Hui abgesehen hat.

Man könnte „Tao Jie – Ein einfaches Leben“ aber durchaus auch etwas sozialkritisches unterstellen, denn wo auf der einen Seite die Gemeinschaft praktiziert wird und man das positive herausarbeitet wenn es heißt einer Familie ein Leben lang zu dienen, wird auf der anderen Seite mit den unzähligen alten Menschen im Heim auch die Überalterung Chinas vor Augen gefühlt. Jene Menschen sind in diesen Heimen allein, blicken sehnsüchtig durch das große Fenster, stets mit der Hoffnung bedacht, dass irgendein Angehöriger sie doch besuchen kommen könnte.

Tao Jie - Ein einfaches LebenWo andere Filmemacher nun aber zu sehr ins sozialkritische abgleiten oder gar im seichten Kitsch abdriften würden, gelingt Hui der Balanceakt mit leisen Tönen ihre Kritik anzubringen, sich gleichwohl aber auch auf die unterschiedlichsten Figuren zu konzentrieren. Diverse Bewohner innerhalb des Altenheims haben eine recht komplexe Figurenzeichnung erhalten obwohl sie kaum mehr als Statisten sind, Freunde Rogers werden genauso vorgestellt wie jene Menschen auf dem Markt, denen Ah Tao ein Leben lang begegnete und welche die alte Dame schon längst zum Inventar zählen.

Wie in vielen Werken zuvor laden die eingesetzten Protagonisten aber auch zum Schmunzeln ein, wofür man als Zuschauer jedoch ein recht umfangreiches Wissen des Hongkong Kinos benötigt. In einer prägenden Szene sieht man Roger mit anderen Filmemachern zusammensitzen, worunter nicht nur Regisseur Tsui Hark zu finden ist, sondern gleichwohl auch Sammo Hung, die sich mit ihren Cameo Auftritten organisch in die Handlung mit einfügen. Nicht minder witzig gestaltet sich aber auch die Figur des Roger selber, die von niemand geringerem als Andy Lau gespielt wird. Selbiger ist als Schauspieler, Produzent, Musiker und Moderator ein wahrer Superstar in Asien, der ein ums andere Mal aufgrund seiner Kleidung nicht nur mit einem Taxifahrer, sondern gleichwohl auch mit einem Klempner verwechselt wird.

Dies ist jene Art von Hui Klassenunterschiede zu negieren, Grenzen aufzuweichen und eine gewisse Gleichheit zu etablieren. In gleich mehreren Szenen sieht man wie Ah Tao versucht ihren Beruf zu verheimlichen, wie es ihr im Altenheim peinlich ist als Rogers Dienstmädchen tituliert zu werden, gleichwohl Roger sich aber auch merklich unwohl darin fühlt, dass sie seine Angestellte ist. Im Grunde benötigen beide einander, es sind zwei einsame Seelen die ohne den jeweils anderen nicht Leben könnten, die sich brauchen, und wenn es nur darum geht von einem Tag in den anderen über zu wechseln.

Ann Huis „Tao Jie – Ein einfaches Leben“ ist ein sehr leises Drama, das sozialkritisches beinahe unterschwellig anspricht und sich stattdessen rein auf seine Figuren konzentriert. Großes Kino das es wert ist in Deutschland veröffentlicht zu werden. Danke Koch Media.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Koch Media

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Tao Jie - Ein einfaches Leben

Länge: 118 min

Kategorie: Drama

Start: 28.08.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Tao Jie - Ein einfaches Leben

Tao Jie – Ein einfaches Leben

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 118 min
Kategorie: Drama
Start: 28.08.2014

Bewertung Film: (7,5/10)

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