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Phoenix

Geschrieben von Peter Gutting am 31. Juli 2014

Phoenix

Je länger er Filme macht, desto weiter wagt er sich in die deutsche Vergangenheit zurück. Christian Petzold (53) legt nach seiner Auseinandersetzung mit dem Linksterrorismus („Die innere Sicherheit“, 2000) und dem DDR-System („Barbara“, 2012) eine Art Trümmerfilm vor. Und wieder ist es nicht der soundsovielte Beitrag zum Thema, sondern ein „echter Petzold“: unverkennbar in seiner Art, Politisches und Persönliches zu verzahnen. Und damit neue Horizonte zu öffnen.

PhoenixGanz im Unterschied zu dem, was man der „Berliner Schule“ (deren erster Generation der Regisseur zugerechnet wird) gerne nachsagt, packt „Phoenix“ den Zuschauer von der ersten Minute an. Juni 1945: Es ist Nacht, ein Auto fährt auf einen Militärposten zu. Am Steuer sitzt Lene (Nina Kunzendorf), Mitarbeiterin einer jüdischen Hilfsorganisation. Neben ihr, nur schemenhaft zu erahnen: die schwer verletzte Nelly (Nina Hoss), leise stöhnend, Kopf und Gesicht ein einziger Verband. Der Grenzposten ist Amerikaner, ein Zyniker in Siegerpose. Er gibt sich mit den Papieren nicht zufrieden, auch nicht mit der Information, dass Nelly das KZ überlebt hat. Er will ihr Gesicht sehen. Wimmernd beginnt Nelly, den Verband abzuwickeln. Schnitt: Dem Zuschauer bleibt der Anblick der Zerstörung erspart. Die Kamera zeigt lediglich den Amerikaner: wie die Miene des Soldaten augenblicklich erstarrt, wie die Selbstherrlichkeit in ein kleinlautes „Sorry“ kippt, wie sich betretenes Schweigen breitmacht. Eindringlicher kann man das Grauen kaum schildern, das Nelly widerfahren ist.

PhoenixDie nächsten Monate grenzen an ein Wunder. Die Ärzte rekonstruieren das von einer Schusswunde zerfetzte Joch- und Nasenbein. Nelly kann irgendwann wieder sprechen und sich auf die Suche machen nach Johnny (Ronald Zehrfeld), der großen Liebe ihres Lebens. Sie findet ihn im zerbombten Berlin, in einer Bar namens „Phoenix“. Aber Johnny erkennt seine Ehefrau nicht und will sie vielleicht auch gar nicht erkennen. Für ihn ist sie tot, gestorben im Lager. Von dieser angeblichen Tatsache lässt er sich durch keinerlei gegenteilige Wahrnehmung abbringen. Erst blickt er durch sie hindurch, dann hält er sie für eine Fremde und erst beim dritten Blickkontakt wird er neugierig. Die immer noch von Pflastern und Blutergüssen gezeichnete Unbekannte sehe seiner früheren Frau verblüffend ähnlich, findet er. Und wittert sogleich ein Geschäft. Er möchte die verstörte Frau durch Kleidung, Schminke und Nachahmung der Handschrift zu „Nelly“ machen. Die soll dann zum beiderseitigen Nutzen das Erbe kassieren, das sie durch die Ermordung all ihrer Verwandten zu einer reichen Frau gemacht hat. Nelly willigt ein und wird ihre eigene Doppelgängerin. Nicht wegen des Geldes, sondern in der Hoffnung, irgendwann als diejenige gesehen zu werden, die sie einmal war – und wieder werden möchte.

PhoenixNatürlich ist Johnny nicht nur Johnny, sondern zugleich Symbol für alle, die nach dem Krieg ihre Untaten oder ihr Mitläufertum mit aller Gewalt verdrängen wollten. Und natürlich steht Nelly für alle, denen man nach Folter und Mord auch noch die Möglichkeit verweigerte, von den Gräueln zu erzählen. Aber solche Bezüge saugen nicht das Blut aus den Charakteren, machen sie nicht zu Abziehbildern einer Geschichtsstunde, wie es teilweise in dem Film „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ geschah, in dem Nina Hoss ebenfalls eine Trümmerfrau spielte. Überhaupt lässt der Vergleich der beiden Filme die Eleganz von Petzolds Drehbuch (Mitarbeit: Harun Farocki) und Inszenierung umso heller funkeln. Obwohl Nina Hoss ihrer „Anonyma“ eine glaubwürdige und anrührende Präsenz verlieh, ist sie als Petzolds kongeniale Muse in der mittlerweile sechsten Zusammenarbeit der beiden ungleich differenzierter. Mit welcher Fassungslosigkeit sie um die Fetzen ihrer Existenz ringt – das ist von einer Schonungslosigkeit, die vielleicht noch tiefer unter die Haut geht als die Bilder der ausgemergelten KZ-Häftlinge nach der Befreiung.

Es gibt nicht allzu viele Großaufnahmen in den wunderbar klaren Bildern von Petzolds Stammkameramann Hans Fromm. Aber immer wenn das Kammerspiel solche Höhepunkte setzt, spannt es den Bogen zu einer recht einseitigen und dennoch überlebensgroßen Liebesgeschichte. Ein Doppelgängermotiv ohne künstliche Verrätselung, ein Melodram ohne Sentimentalität, ein Politfilm ohne Aufklärungsfuror – das ist in dieser wie beiläufig daherkommenden Verschränkung eine großartige stilistische Weiterentwicklung der „Berliner Schule“.

Wie in seinem Vorgängerfilm „Barbara“ fängt Christian Petzold deutsche Geschichte auf eine Weise ein wie früher etwa Rainer Werner Fassbinder: mit starken Frauen im Zentrum und einem Drehbuch, dem individuelle Schicksale genauso wichtig sind wie die präzise Recherche der gesellschaftlichen Bedingungen. Wer geglaubt hatte, mit „Barbara“ habe Petzold den Zenit seines Schaffens erreicht, wird eines besseren belehrt. „Phoenix“ ist mindestens genauso stark.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Christian Schulz

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Phoenix

Länge: 98 min

Kategorie: Drama

Start: 25.09.2014

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Phoenix

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 98 min
Kategorie: Drama
Start: 25.09.2014

Bewertung Film: (8/10)

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