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Das Mädchen und der Künstler

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 6. Juli 2014

Das Mädchen und der Künstler

Die Entstehung von Kunst geht zumeist mit einem Schaffensprozess des Künstlers einher, der nur sehr schwer als teilnehmender Beobachter nachzuvollziehen ist. In Fernando Truebas „Das Mädchen und der Künstler“ wird genau dieser Prozess näher analysiert und in Bilder eingefangen, woraufhin Kunst als ein Teil von Kunst entsteht.

Wir schreiben das Jahr 1943. Der spanische Bürgerkrieg ist bereits vorbei, der zweite Weltkrieg ist in vollem Gange. An der deutsch-spanischen Grenze versucht die junge Spanierin Mercé (Aida Folch) Flüchtlinge über die Grenze nach Spanien zu schmuggeln, woraufhin sie eines Tages ein kleines französisches Dorf nahe der Grenze erreicht. Für das ältere Ehepaar – bestehend aus Lea (Claudia Cardinale) und dem Künstler Marc Cros (Jean Rochefort) – ist die Situation sofort klar, dennoch bieten sie Mercé eine Unterkunft hoch oben in den Bergen an, wo Marc auch ein Atelier unterhält. Besagte Geste ist nur an einen einzigen Wunsch gebunden, denn während sie vor Ort verweilt, soll sie Marc als neue Muse und Modell zur Verfügung stehen. Die beiden freunden sich an, Marc modelliert, zeichnet und fertigt Skizzen an, um letzten Endes jene Figur entstehen zu lassen, von der er bereits seit fünfzehn Jahren träumt…

Das Mädchen und der KünstlerDie komplexe Beziehung zwischen dem Künstler und seiner Muse ist ein stets wiederkehrendes Thema in den letzten Jahren, dem sich auch Regisseur und Co-Autor Fernando Trueba (Chico & Rita) nicht verschließen möchte. Diesem geht es jedoch nicht unbedingt um eine ansprechende Geschichte oder die zahlreichen Konflikte die eine solche Beziehung hervorbringt, sondern vielmehr um den Schaffensprozess der Kunst, womit er indirekt auch ein Werk für seinen verstorbenen Bruder und Bildhauer Máximo Trueba konzipieren möchte. Für das Drehbuch dieses einzigartigen Werkes zeichnet sich der französische Oscar-Gewinner Jean-Claude Carrière (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins) verantwortlich, der mit seinen über 80 Jahren noch einmal etwas ganz besonderes hervorbringen konnte.

Bereits in den ersten Einstellungen wird dem Zuschauer sofort klar, wohin Fernando Trueba mit „Das Mädchen und der Künstler“ in den nächsten rund zwei Stunden möchte. Ganz in Schwarz-Weiß gehalten sehen wir die malerische Berglandschaft Frankreichs, mit einer dezenten Sounduntermalung schwebt die Kamera durch das Atelier des alten Mannes, nur um anschließend beinahe Minuten lang auf den einen oder anderen Kunstgegenständen zu verweilen. Dieser schwebende und beobachtende Stil der Kamera wird ganzheitlich beibehalten, die langsam sich entwickelnde Beziehung der plötzlich auftauchenden Muse zum Künstler wird beinahe nebenbei erzählt, steht doch die Kunst an sich im Vordergrund.

Das Mädchen und der KünstlerBei dieser Beobachtung der entstehenden Kunst wird der Zuschauer Zeuge wie von einem ersten Blick auf Mercé eine unfertige Skizze entsteht, ein Bild, eine erste grobe Figur, bis letztendlich eine Statue in ihrer Perfektion dargestellt wird. Auf diesen Schaffensprozess legt Fernando Trueba sehr viel wert, er lässt die Kamera über den makellosen Körper seiner Muse gleiten, die jeden Zentimeter in sich aufzunehmen versucht. Kameramann Daniel Vilar (World War Z) nutzt dafür in erster Linie sehr lange Einstellungen, er lässt die Kamera förmlich im Raum schweben, fokussiert immer wieder die Gesichter der Darsteller, wo wir zum einen den alternden besessenen Künstler sehen, zum anderen aber auch die naive junge Muse, die ihr Leben noch komplett vor sich hat.

Bei alledem gibt es nur sehr wenig wirklich unnötigen Ballast, denn Fernando Trueba verzichtet mit Ausnahme der Einleitung beispielsweise komplett auf eine musikalische Untermalung. Vielmehr wird der Zuschauer Zeuge kompletter Stille, wie Vögel im Hintergrund singen, wie der Bleistift langsam über das Papier fährt. Unterbrochen werden diese Szenen von kleineren am Rand ablaufenden Nebengeschichten, in denen beispielsweise die Rolle von Mercé als Fluchthelfer thematisiert wird, oder gar die Beziehung zwischen Marc und einem Nazi-Offizier, der eigentlich Kunstprofessor ist und noch ein Buch zu vollenden gedenkt.

Im darstellerischen Bereich muss man dahingehend auch beinahe den kompletten Film auf lediglich zwei Personen reduzieren, denn Jean Rochefort (Der Mann der Friseuse) und Aida Folch (Montags in der Sonne) tragen diesen komplett allein. Rochefort spielt dahingehend den alternden und von Perfektion geplagten Künstler mit so viel Hingabe, sodass dieser beinahe ein kleines Vakuum erzeugt, dass Aida Folch nur sehr schwer noch zu schließen vermag. Dies resultiert vor allem aus ihrer Rolle als naive und stille Muse, die auf der einen Seite zwar das Risiko eingeht Menschen nach Spanien zu schmuggeln, auf der anderen aber auch sich selber ein wenig zu finden versucht, was sie weniger mit Dialogen, als vielmehr mit ihrer Mimik auszudrücken versucht.

Fernando Truebas gelingt mit „Das Mädchen und der Künstler“ ein wunderschön fotografiertes Drama, das zum einen die Beziehung zwischen Künstler und Muse thematisiert, zum anderen aber auch den Zuschauer an der Erschaffung von Kunst teilhaben lässt. Kein einfacher Film, doch wenn sich der Zuschauer darauf einzulassen vermag, wird ihm wunderbare Unterhaltung geboten.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Camino Filmverleih

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Das Mädchen und der Künstler

Länge: 105 min

Kategorie: Drama

Start: 10.07.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Das Mädchen und der Künstler

Das Mädchen und der Künstler

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 105 min
Kategorie: Drama
Start: 10.07.2014

Bewertung Film: (7,5/10)

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