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Wolfskinder

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 9. Juni 2014

Wolfskinder

Jedwede militärische Auseinandersetzung geht zumeist mit schweren Verlusten auf beiden Seiten einher, doch wo man über Gewinner und Verlierer aufgrund kalter nackter Zahlen recht schnell urteilen kann, bedarf es im Hinblick auf den Verlust in der Zivilbevölkerung einer weitaus umfangreicheren Aufarbeitung. Die sogenannten Wolfskinder sind noch immer eine nur wenig beachtete Gruppierung von Kindern in den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges, die nicht nur nach wie vor kaum Unterstützung durch die Regierung erfahren haben, sondern auf die nun auch Regisseur Rick Ostermann in seinem Debüt aufmerksam zu machen versucht.

Sommer im Jahre 1946: Die rote Armee zieht plündernd durch Ostpreußen, tausende Kinder kämpfen verwahrlost ohne Eltern um das nackte Überleben, so auch die beiden ungleichen Brüder Hans (Levin Liam) und Fritzchen (Patrick Lorenczat), nachdem ihre Mutter (Jördis Triebel) qualvoll an einer unbekannten Krankheit verendet ist. Ihr letzter Wunsch war es das sich beide nach Litauen durchschlagen, zu jenem Bauernhof auf dem sie einst zusammen die Sommermonate verbracht haben, wo Menschen leben, die sich ihrer annehmen könnten. Hans und Fritzchen befolgen den letzten Wunsch ihrer verstorbenen Mutter, machen sich auf den Weg durch die erbarmungslose Wildnis, stets auf der Hut den feindlichen Soldaten nicht über den Weg zu laufen. Plötzlich werden beide jedoch getrennt und so wird Hans seine Suche nach dem jüngeren Bruder zu einer kleinen Odyssee, an deren Ende nicht nur der Kampf gegen den Hunger, Krankheit und das Wetter stehen soll, sondern ebenso die Freundschaft zu zahllosen gleichgesinnten Kindern, mit denen er durch das Land zu ziehen beginnt…

WolfskinderIn den Nachkriegsjahren zogen mehr als 25.000 Waisenkinder in Ostpreußen und Litauen umher, stets auf der Suche nach Nahrung, Arbeit und womöglich sogar einer festen Bleibe, wo sie fortan leben konnten. Nach ungefähren Schätzungen überlebten von diesen Kindern bestenfalls einige Hundert, doch anstatt diesen zumindest heute eine gewisse finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen, werden sie weiterhin von der Regierung weitestgehend ignoriert, während deren Schicksal in der Bevölkerung zum Großteil völlig unbekannt ist. Regisseur Rick Ostermann (Gnade) hat sich mit einigen von ihnen getroffen, versucht bestimmte Einzelschicksale aufzuarbeiten und somit jenen Stoff zu finden, den er für das Drehbuch seines Debüts namens „Wolfskinder“ so dringend benötigte.

Die entsprechende Umsetzung des Stoffes kann sich durchaus sehen lassen, denn Ostermann ist zu keiner Zeit daran gelegen die historischen und politischen Facetten herauszuarbeiten und darzustellen, vielmehr beschränkt er sich auf den reinen Überlebenskampf der Kinder, den er mit nur wenigen Worten einzufangen versucht. Um dies in seiner Gänze zu realisieren begleiten wir beinahe anderthalb Stunden einen rund 14-jährigen Jungen der noch gar nicht ganz den Tod seiner eigenen Mutter realisiert hat, mit fortlaufender Zeit aber dennoch dazu gezwungen wird viel schneller erwachsen zu werden, als man es ihm eigentlich wünschen würde. Zusammen mit mehreren anderen Kindern zieht dieser auf dem Weg nach Litauen durch die Wälder, stets abseits der Straßen, um der plündernden roten Armee ja nicht in die Hände zu fallen, die erbarmungslos Jagd auf deutsche Kinder macht und diese aus Spaß tötet.

WolfskinderAuf deren Weg werden sie vor allem vom Hunger begleitet, von Krankheit und dem unbändigen Willen irgendwie doch noch zu überleben, was von Kamerafrau Leah Striker (Babel) zu jeder Zeit wunderbar eingefangen wird. Wir sehen die weiten Panoramabilder der grünen Wälder, dann wieder die verdreckten Gesichter der Kinder in der Totalen, wo Leid, Verzweiflung und vor allem Hunger abzulesen ist. „Wolfskinder“ ist durch die dargebotenen Bilder ganz ohne Frage ein sehr bedrückender Film, ein Werk das weniger von Dialogen, als vielmehr von seinen Bildern lebt, den Emotionen der Kinder, wenn sie beinahe glücklich die Fleischbrocken eines rohen Huhns verzehren oder durch die Gunst eines Bauern mit warmer Suppe versorgt werden. Bei alledem sieht man zum einen wie diese Kinder ins Erwachsenenalter gestoßen werden, wie sie in der Gruppe versuchen zu überleben, während Freundschaft und Familie emotionslos dafür geopfert wird, wenn sich doch ein Bauer dazu hinreißen lässt, eines der Kinder bei sich aufzunehmen.

Im Vordergrund stehen bei alledem stets die Worte der verstorbenen Mutter, die noch auf dem Sterbebett predigte, nie zu vergessen wer man ist und woher man kommt. Die Kinder können ihre Namen ablegen, bei anderen Familien unterkommen, doch so sehr man sich auch hinsichtlich des Krieges anzupassen versucht um das eigene Überleben zu sichern, soll man doch nie den eigenen Namen vergessen, der als eine Art Anker in die jeweilige Vergangenheit dient.

Rick Ostermanns „Wolfskinder“ ist ein sehr bedrückender und dennoch überaus wichtiger Film, der mit nur wenigen Dialogen und den wunderbaren Bildern von Leah Striker auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen versucht, ohne sich auf historische Facetten zu versteifen.

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Copyright: Port-au-Prince

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Wolfskinder

Länge: 96 min

Kategorie: Drama

Start: 28.08.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Wolfskinder

Wolfskinder

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 96 min
Kategorie: Drama
Start: 28.08.2014

Bewertung Film: (7/10)

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