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Die geliebten Schwestern

Geschrieben von Peter Gutting am 17. Juni 2014

Die geliebten Schwestern

„Eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“ – so stellte sich Johann Wolfgang von Goethe in der Erstfassung seines Dramas „Stella“ die Liebe zu dritt vor. Auch sein Dichterkollege Friedrich Schiller soll mit dem Gedanken an eine lebenslange „Ménage à trois“ gespielt haben. Und dies nicht nur in der literarischen Fantasie, sondern im wirklichen Leben. Wie weit er mit dieser Idee ging, lässt sich heute nicht mehr mit Gewissheit nachvollziehen. Dass sie sich jedoch zu einer ebenso romantischen wie tragischen Geschichte ausfantasieren lässt, beweist Dominik Graf mit einer tiefen Verbeugung vor den allzu oft vergessenen Frauen in der geistigen Aufbruchsbewegung Ende des 18. Jahrhunderts.

Die geliebten SchwesternMan schreibt das Jahr 1787. Revolution liegt in der Luft. Nicht nur in Frankreich, sondern auch in den deutschen Kleinstaaten, wo der Autor der „Räuber“ (Florian Stetter) das Weite suchen muss, um dem Zorn seines Landesherrn zu entgehen. Im liberaleren Weimar lernt er die verarmte Adelige Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) kennen – und bald auch ihre ältere, unglücklich verheiratete Schwester Caroline (Hannah Herzsprung). Gemeinsam verbringen die Drei einen zauberhaften Sommer auf dem ländlichen Wohnsitz der Familie Lengefeld in Rudolstadt an der Saale, während Carolines Mann geschäftlich in Berlin weilt. Die unzertrennlichen Schwestern, die wie Schiller von einer neuen Welt ohne intrigante Kabale, aber mit viel Liebe träumen, schmieden einen Plan. Charlotte soll Schiller heiraten, damit Carolines Mann keinen Verdacht schöpft. Insgeheim aber versprechen sie einander die Ehe zu dritt. Das ist jedoch nicht nur emotional heikel, sondern auch ökonomisch gefährlich. Denn die Adelsfamilie wurde nur durch Carolines Zweckheirat vor dem wirtschaftlichen Aus bewahrt. Und Schiller ist ein armer Dichter, mit dessen Gesundheit es nicht zum Besten steht.

Ohne Heldenverehrung, aber auch ohne plumpe Aktualisierung nähert sich „Die geliebten Schwestern“ einem wenig beleuchteten Kapitel aus dem Leben des Dichters, der als „Klassiker“ schon lebendig unter Schulbüchern begraben wird, ehe man alt genug ist, ihn zu entdecken. Mit seinen lichten, naturverliebten Bildern wischt Dominik Graf den Bildungsballast erst einmal beiseite, ganz ähnlich wie es Philipp Stölzl im Jahr 2010 mit „Goethe!“ getan hat. Aber Graf geht noch einen Schritt weiter. Er belässt es nicht beim Ausmisten, sondern verortet seine Figuren zugleich sehr genau in den schwierigen Geburtsstunden der modernen bürgerlichen Gesellschaft. In einer sehenswerten Mischung aus historisierender Distanz und zukunftsweisenden Bezügen entwirft er ein Panorama, das das Interesse an „Dichtung und Wahrheit“ der frühbürgerlichen Vordenker neu befeuert.

Die geliebten SchwesternPräzise zeichnet der Film die materiellen Verhältnisse nach, in denen die Schwestern und ihr Geliebter stecken. Wie Caroline davon träumt, von der Schriftstellerei leben zu können. Wie Schiller sich trotz erster Theatererfolge um eine Professur als Geschichtsgelehrter bemühen muss. Und wie Charlotte versucht, dem kränkelnden Mann den Rücken frei zu halten, um die kargen Einkünfte nicht versiegen zu lassen. Insofern schließt das Beziehungsdrama seine Augen keineswegs vor dem „Sein, das das Bewusstsein bestimmt“.

Zugleich sind es aber jene Gedanken und geistigen Utopien – etwa von der unverfälschten Stimme der natürlichen Gefühlsregungen oder von einem Leben als freier Schriftsteller – die den Film für den heutigen Zuschauer aktuell machen. Dominik Graf, der auch das Drehbuch geschrieben hat, lässt sie wie nebenbei mit einfließen in eine Erzählung, die auf den ersten Blick ganz bei den persönlichen Schicksalen bleibt und die Figuren mit großer Sympathie begleitet.

Auch eine weitere, allerdings heute ganz unzeitgemäß erscheinende Errungenschaft dieser Jahre hat es dem Regisseur ganz offensichtlich angetan: die Kunst des geschriebenen Worts und des Gedankenaustauschs in Briefen. Immer wieder rückt die Kamera die Eleganz der Handschriften ins Bild, immer wieder lesen „Fritz“ und die Schwestern aus ihren Seelenerkundungen vor. Und man spürt ganz sinnlich, dass es hier nicht um die Technik des Informationsaustausches geht – SMS versus „Schneckenpost“. Sondern dass sich in der Schönheit der Sprache die Schönheit der Gefühle spiegelt. Das hat natürlich etwas Nostalgisches, wirft aber die berechtigte Frage auf, ob denn „Fack ju Göhte“ das letzte Wort sein darf.

Dominik Graf ist für seine Liebe zum Polizeithriller und Genrefilm bekannt, an dem er durchaus auch das Schmutzige und Unperfekte schätzt. Bei seinen seltenen Ausflügen ins historische Fach (etwa auch in „Das Gelübde“) legt er dagegen eine sehenswerte Behutsamkeit an den Tag. „Die geliebten Schwestern“ verrät eine zärtliche Ader für romantische Schwärmereien und ein sensibles Eintauchen in vergangene Zeiten. Geschichtsprofessor Schiller hätte seine Freude daran gehabt.

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Die geliebten Schwestern

Länge: 139 min

Kategorie: Drama

Start: 31.07.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Die geliebten Schwestern

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 139 min
Kategorie: Drama
Start: 31.07.2014

Bewertung Film: (7/10)

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