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Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß

Geschrieben von Frank Schmidke am 27. Juni 2014

Blancanieves-bd-1Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. So ähnlich mag sich der spanische Regisseur Pablo Berger mit seiner großartigen Schneewittchen-Variante gefühlt haben, als der französische Stummfilm „The Artist“ bei den Oscars abräumte. Aber das Gefühl wird nur kurz angehalten haben, denn außer dem neuerlichen Beweis, dass Stummfilme auch heutzutage künstlerische Relevanz besitzen, haben die beiden herausragenden Werke wenig miteinander gemein. Davon kann man sich nun auch zu Hause überzeugen, denn „Blancanieves“ ist für das Homeentertainment erscheinen. Aber wo ist der siebte Zwerg?

Blancanieves-bd-2Der Matador Antonio Villalta (Daniel Giménez Cacho) ist im Sevilla der 1920er Jahre ein gefeierter Stierkämpfer. Doch ausgerechnet in der Stunde seines Triumphes und während seine hochschwanger Frau, eine gefeierte Flamenco-Tänzerin, auf der Tribüne sitzt, lenkt ihn das Blitzlicht eines Fotografen ab und der eigentlich besiegte Stier nimmt ihn auf die Hörner. Während seine Frau bei der Geburt von Tochter Carmen (Imma Cuesta) stirbt, wird Villata notoperiert. Doch er bleibt  gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

Villalta heiratet die ehrgeizige Krankenschwester Encarna (Maribel Verdú) und Carmen wächst derweil bei ihrer Großmutter auf. Ihren Vater sieht sie nie. Doch auch die Großmutter stirbt und Carmen  kommt auf den väterlichen Landsitz, wo sie das ärmliche, beschwerliche Leben einer Magd führen muss. Gegen alle Widerstände der neidischen Stiefmutter lernt Carmen ihren zurückgezogenen und eingesperrten Vater kennen und lieben. Nach dem Tod des ehemaligen Matadors beschließt Encarna, sich auch der Stieftochter Carmen zu entledigen. Doch Carmen wird von einer Truppe Kleinwüchsiger gerettet, die als Toreros bei Volksfesten für Belustigung sorgen, hat aber die Erinnerung verloren.

Blancanieves-bd-33Spätestens seit Walt Disneys berühmtem Zeichentrickfilm gehört das Märchen der Gebrüder Grimm zu jenen Filmstoffen, die immer wieder verfilmt werden. Der spanische Filmmacher Pablo Berger war von einem Kinoerlebnis, wo ein Stummfilmklassiker mit Liveorchester gegeben wurde so ergriffen, dass er selbst einen Stummfilm drehen wollte. Er bastelte rund zehn Jahre an seiner ebenso eigenwilligen wie originellen Variante des bekannten Märchens und verfrachtet die Geschichte gewitzt und charmant in das Stierkampfmilieu Spaniens in den Zwanziger Jahren. Das ist selbstredend auch als Hommage an die große Zeit des Stummfilms zu verstehen.

Blancanieves-bd-4Die Schwarzweißoptik des Stummfilms entführt den Zuschauer in diese fremde, bizarre Welt wie in ein Märchen, ohne dabei in Nostalgie zu erstarren. Berger selbst bezeichnet seine „Blancanieves“ als Schauermärchen und das trifft es recht genau. Denn die Geschichte ist keineswegs für ein junges Publikum gedacht. Dennoch bleibt die Geschichte sehr liebeswert, auch wenn es ein, soviel sei verraten, kein wirkliches Happy End gibt.  „Blancanieves“ überzeugt und überrascht trotz großer Nähe zur Vorlage immer wieder ganz eigenen Wendungen, häufig sind die Adaptionen der charakteristischen Elemente des Märchens sehr humorvoll und vor allem unverbraucht. Es gibt makabre Wendungen und hinreißend gefühlvolles Drama und nicht von ungefähr erinnert der Wanderzirkus der kleinen Torerros an Tod Brownings Klassiker „Freaks“ von 1932. Die Schnittfolge, die Szenenübergänge und die grandiose Kameraführung von Kiko de la Rica sind dabei nicht in nostalgischer Manier rückwärtsgewandt, sondern hochmodern und voller Anspielungen an die Filmgeschichte.

Blancanieves-bd-5Vor allem das großartige Ensemble versteht es trotz aller Dramatik und Expressivität, die ein Film ohne Sprache benötigt, nicht vollständig zu überspielen, sondern eine nuancierte Ausdrucksform zu finden, die dem Format und der Geschichte gleichermaßen gerecht wird. Selbstverständlich kommt der Filmmusik bei diesem Unternehmen ein ganz besonderer Stellenwert zu und Komponist Alfonso de Vilallonga hat eine kongeniale Filmmusik kreiert, die das Märchen mit klassischem Score aber vor allem stilecht mit Paso Doble und Flamenco bis zum bitteren Ende vorantreibt und auch trägt. Wie dem Bonusmaterial des Films zu entnehmen ist, feierte „Blancanieves“ seine Weltpremiere stilecht mit einem Liveorchester und erntete dafür Standing Ovations, außerdem gibt es noch ein Making of und einige Featurettes, die interessante Einblicke in die ungewöhnliche Produktion bieten.

„Blancanieves“ ist eine hinreißende und bittersüße Variante des Schneewittchen-Märchens und eines der schönsten Kinoerlebnisse des vergangenen Jahres, das auch auf dem heimischen Bildschirm bezaubert.

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Länge: 104 Minuten

Kategorie: Drama, Fantasy

Start: 27.06.2014

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Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 104 Minuten
Kategorie: Drama, Fantasy
Start: 27.06.2014

Bewertung Film: (9/10)

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