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Lunchbox

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 26. Mai 2014

Lunchbox

Indisches Kino wird oft noch immer mit Bollywood gleichgesetzt, mit viel Tanz und Gesang, an deren Ende zumeist nach einer dreistündigen Spielzeit ein Happy End stehen soll. Das dies jedoch nicht immer so sein muss beweist nun Regisseur Ritesh Batra mit seinem Debütfilm „Lunchbox“, an deren Ende zwar auch ein Happy End steht, das jedoch vielmehr eine Art Liebeserklärung an das Leben selber ist.

LunchboxIn der Millionenmetropole Mumbai blickt der ältere Saajan Fernandez (Irrfan Khan) kritisch seiner Frührente entgegen, denn seit dem Tode seiner Frau hat er nur noch wenig für das es sich zu leben lohnt. Eines Tages erhält dieser ausversehen die Essensbox der Mittdreißigerin Ila (Nimrat Kaur), die mit diesem Essen versucht die Liebe ihres Mannes zurück zu gewinnen. Die Verwechslung soll jedoch schon bald ganz angenehme Nebenerscheinungen für Saajan und auch für Ila mit sich bringen, denn über einen Zettel in der Box werden fortan Probleme und Sehnsüchte ausgetauscht. Dieser ungewöhnlichen Brieffreundschaft ist es auch bald zu verdanken das sich Saajan doch noch mit seiner Rente abfinden kann, woraufhin er selbst damit beginnt ein freundschaftliches Verhältnis zum nervigen Nachfolger Shaikh (Nawazuddin Siddiqui) aufzubauen, den er noch einarbeiten muss…

Als durchschnittlicher europäischer Zuschauer bringt man indisches Kino ungerechterweise zumeist vorschnell mit dem Begriff Bollywood in Verbindung, was in erster Linie neben der längeren Spielzeit ebenso jede Menge Tanz und Gesang mit sich bringt. Regisseur Ritesh Batra (Masterchef) überzeugte bei den letztjährigen Filmfestspielen von Cannes den Zuschauer vom Gegenteil, denn mit seinem Debütfilm „Lunchbox“ erschuf er vor allem ein Tribut an das Leben selber, bei dem er sich ebenso für das Drehbuch verantwortlich zeichnet.

LunchboxIm Grunde ist „Lunchbox“ eine typische Verwechslungsgeschichte aus deren Mitte eine ungewöhnliche Beziehung entspringt, denn wo auf der einen Seite die noch junge Ila versucht der Beziehung zu ihrem Mann mit gutem Essen neues Leben einzuhauchen, hat der ältere Saajan damit schon vor langer Zeit abgeschlossen. Dieser verrichtet seinen Bürojob seit nunmehr 30 Jahren mit einer stoischen Ruhe, mit einer Art unterschwelliger Gleichgültigkeit, stets darauf bedacht möglichst mit niemanden eine tiefere Beziehung einzugehen. Mit besagter Verwechslung der Lunchbox landet nun nicht nur fremdes Essen auf seinem Tisch, sondern auch so etwas wie Neugier, wodurch nun eine Art Brieffreundschaft entsteht, bei der er sich am Anfang nur für das Essen bedankt, im späteren Verlauf sich die Beteiligten sogar ihre Probleme erzählen.

Mit diesem Verlauf geht eine Veränderung in beiden Figuren langsam aber stetig vonstatten, ein kleines Lächeln hier, eine Geste dort, langsam vollzogene Annäherungen auch im eigenen Leben zu anderen Menschen hin. So sieht man Ila stets mit der Nachbarin ein Stock höher lautstark kommunizieren, während Saajan des Abends allein auf seinem Balkon steht und rauchend die Nachbarn beobachtet. Es sind aber nicht nur diese Szenen genährt mit feinen Nuancen, es sind vor allem auch diverse gesellschaftskritische Aspekte, die Regisseur Ritesh Batra mit seiner Heimatstadt Mumbai versucht anzusprechen. Millionen von Menschen die sprichwörtlich aufeinander hocken, Sitzplätze in der Bahn die man bereits seit Jahren nicht mehr bekommt, Gräber in denen man nun genauso stehen muss wie beim täglichen Weg zur Arbeit. Die Menschen kennen sich kaum noch selbst, die Hektik reißt sie praktisch mit, während Gefühle zu anderen Menschen hin sprichwörtlich auf der Strecke bleiben.

LunchboxDies alles verkörpern Irrfan Khan (Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger) und Nimrat Kaur (One Night with the King) nahezu perfekt, die Brieffreundschaft und das damit sich gegenseitig erzählte Leben erinnert ein wenig an einen Chat im Internet, den beide immer kurz kommentieren, oftmals aber auch einfach im Raum stehen lassen. Die Weiterentwicklung der jeweiligen Figuren kommt bei alledem nicht zu kurz, die Romanze selbst wird glaubhaft dargestellt und auch der gesellschaftskritische Aspekt ist fein mit der eigentlichen Geschichte verwoben, sodass daraus ein fein strukturiertes großes Ganzes entsteht. Dank der Arbeit von Kameramann Michael Simmonds (Paranormal Activity 2) der zumeist auf warme Bilder und ausgewogene Lichtverhältnisse setzt sowie dem dezenten Einsatz der Musik von Komponist Max Richter (Disconnect) entstehen rund 100 Minuten Film die man am ehesten als Tribut an das Leben selbst beschreiben könnte, wird der Zuschauer mit einem Lächeln im Gesicht doch womöglich auf die eigene Vergangenheit zurückblicken.

Ritesh Batras „Lunchbox“ ist eine poetische Sicht auf das hektische Leben inmitten der Millionenmetropole Mumbai, in deren Mitte durch eine unerwartete Verwechslung eine wunderschöne Romanze entsteht. Ein gelungenes Debüt das Lust auf mehr macht.

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Lunchbox

Länge: 104 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 28.05.2014

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 104 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 28.05.2014

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