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Der blinde Fleck

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 2. Mai 2014

Der blinde Fleck

Als im letzten Jahr der Prozess zu den Terroranschlägen der NSU begann, war dies wohl mit weitem Abstand das wichtigste deutsche mediale Ereignis dieses Jahrhunderts, doch waren die Anschläge aus dem Jahre 2011 wirklich die ersten seiner Art mit rechtsradikalem Hintergrund? Der BR Redakteur Ulrich Chaussy verneint diese Aussage, denn obwohl die Hintergründe für das Oktoberfestattentat aus dem Jahre 1980 zumindest für den Staat bereits seit Jahrzehnten aufgeklärt sind, sieht Chaussy dennoch Hintermänner in der rechten Szene, was Filmemacher Daniel Harrich nun in einem sehenswerten deutschen Politthriller entsprechend aufbereitet hat.

München im Jahre 1980: Der Radiomoderator und Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) ist gerade erst mit seiner Frau Lise (Nicolette Krebitz) in eine Wohnung in der Nähe der Theresienwiese gezogen, da ereignet sich dort bereits ein grauenvolles Ereignis. Bei einem Terroranschlag am Eingang der Wiesen kommen 13 Menschen ums Leben, über 200 andere werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter ist für die Staatsanwaltschaft und für Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach) – Chef des Staatsschutzes – schnell ausgemacht, denn mit einem 21-jährigen Studenten der sich ebenso unter den Opfern befindet, hat man schnell jenen Einzeltäter, den man aufgrund der nahenden Wahl benötigt. Das dieser allerdings Kontakte zur rechten Szene und der Wehrsportgruppe Hoffmann unterhielt wird im Abschlussbericht im Jahre 1983 mit keinem Wort erwähnt, woraufhin sich Opferanwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) erneut vor der Presse beschwert. Von diesen Fall wird nun auch Ulrich Chaussy mehr und mehr eingenommen, woraufhin er beginnt die Ereignisse von damals noch einmal neu aufzurollen. Das dieser mit seiner Recherche nicht allein ist zeigt schon bald ein geheimer Informant (August Zirner) aus dem engsten Kreise des Staatsschutzes, der Chaussy mit allerlei Akten weiteres belastendes Material liefert…

Der blinde FleckDie Ereignisse rund um das Oktoberfestattentat aus dem Jahre 1980 sind offiziell bereits seit Jahrzehnten aufgearbeitet, als Schuldiger wurde schließlich ein noch junger Student benannt, der als Einzeltäter für diesen grausamen Anschlag verantwortlich sein soll. Die ganze Zeit über war der Radiomoderator und Journalist Ulrich Chaussy ganz dicht am Geschehen, vernahm Zeugen, durchstöberte Akten und versuchte über Jahrzehnte hinaus jenen Fall neu aufzurollen, der leichtfertig zu den Akten gelegt wurde. Diese über Jahrzehnte andauernde Recherche verpackte Chaussy in einem spannenden Sachbuch, welches auf ganz und gar untypischer Art und Weise von Regisseur Daniel Harrich (Ein schmaler Grat) versucht wurde entsprechend für die große Leinwand umzusetzen.

Das Ergebnis dieser Adaption kann sich durchaus sehen lassen, denn obwohl man die einen oder anderen Hollywood typischen Elemente erkennen kann, ist „Der blinde Fleck“ trotz allem ein sehenswerter Film aus heimischer Produktion geworden, der Hoffnung auf qualitativ hochwertiges deutsches Kino in Zukunft gibt. Im Grunde zeugt schon die Einleitung mit ihren vielen Archivaufnahmen von einem gewissen Bestreben die verschiedensten politischen Konflikte dieser Zeit anzusprechen, doch obwohl gerade diese Aufnahmen recht viel versprechen, sollen diese doch schon bald in den Hintergrund wandern.

Der blinde FleckStattdessen folgt eine Art Krimi der ungemein viel mit Schlagworten arbeitet, weniger auf ausgefeilte Dialoge setzt und es trotz allem schafft ein Stück Zeitgeschichte zu vermitteln. Wir bekommen im groben die damaligen Ereignisse auf dem Oktoberfest umrissen, wir wohnen Ulrich Chaussy bei wie er die ersten Ungereimtheiten entdeckt und diese schließlich Stück für Stück zusammenzufügen beginnt, bis dieser sich schließlich soweit in den Fall verrennt, dass letzten Endes sogar seine Ehe auf dem Spiel stehen könnte. Bei alledem wird stets darauf geachtet das die zugrunde liegende Geschichte spannend und dennoch authentisch bleibt, dass der investigative Journalist zu jeder Zeit als gleichwertiger Gegenspieler gegenüber dem Staat zu erkennen ist, während ein ums andere Mal Wendungen innerhalb der Geschichte so gestreut sind, dass die Geschichte auch über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg trotz allem nicht an Spannung verliert.

Was an alledem nun wahr ist oder auf rein erfundenen Tatsachen beruht ist natürlich wie so oft eine Frage die sich nicht beantworten lässt, doch ist „Der blinde Fleck“ eine der wenigen Ausnahmen, bei denen der Wahrheitsgehalt für den Zuschauer beinahe egal sein kann. Der Politthriller ist durchweg spannend konzipiert, die Figuren können den Zuschauer packen, lassen diesen mitfiebern und womöglich die Geschichte selber auch ein wenig zu hinterfragen, beruht doch zumindest das große Ganze auf wahren Ereignissen. Vor dem eigentlichen Kinostart wurde „Der blinde Fleck“ ebenso im bayrischen Landtag vorab den Politikern gezeigt, wo zumindest der bayrische Innenminister sich bereit zeigt, die noch restlichen Akten zur Einsicht frei zu geben. Könnte dort also doch noch der eine oder andere Beweis schlummern, der diese Verschwörungsgeschichte untermauern würde?

Von den Darstellern her überzeugt vor allem Benno Führmann (In Darkness) in der Rolle des Ulrich Chaussy, der am Anfang nur seinen Job als Journalist macht, mit der Zeit jedoch mehr und mehr im Sumpf der Wiedersprüche zu versinken droht. Führmann bewältigt diese Rolle mit Bravur, schafft es einen wunderbaren Gegenspieler für Heiner Lauterbach (Das Experiment) abzugeben, welcher mit seiner grenzenlosen Arroganz alles dafür geben würde den bayrischen Ministerpräsidenten und sich selbst zu schützen und somit den Fall im Keim zu ersticken.

Daniel Harrichs „Der blinde Fleck“ ist einer der ganz wenigen deutschen Politthriller die mit ihrer packenden Inszenierung zu gefallen wissen. Bitte mehr davon, denn das macht Hoffnung auf gutes deutsches Kino!

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Ascot Elite Home Entertainment

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Der blinde Fleck

Länge: 99 min

Kategorie: Drama, Thriller

Start: 13.05.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Der blinde Fleck

Der blinde Fleck

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 99 min
Kategorie: Drama, Thriller
Start: 13.05.2014

Bewertung Film: (7,5/10)

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