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Emma hat Flügel

Geschrieben von Peter Gutting am 14. April 2014

Emma hat Flügel

In Schablonen gepresst, verdurstend am Tropf von Fördergeldern – so fühlen sich immer mehr deutsche Jungregisseure. Ihr Gegenrezept für mehr Freiheit und echte „Independence“: Das Geld über Crowdfunding reinholen oder gleich ganz auf „Kohle“ verzichten. Zu den „jungen Wilden“ zählt auch die Underground Filmcrew „Radikal & Arrogant“ um den Schauspieler, Autor, Musiker und Regisseur Lars Kokemüller, die ihren zweiten langen Spielfilm direkt auf DVD veröffentlicht.

Emma hat FlügelTatsächlich passt „Emma hat Flügel“ in kein vorgefertigtes Genre-Konzept. Zu groß ist die Lust am spielerischen Umgang mit der Grammatik der Filmsprache, zu offensichtlich das Bedürfnis, in gängige Spannungsbögen etwas Widerspenstiges einzuschmuggeln. Die Filmemacher bedienen sich beim Genre der romantischen Komödie, um ihren ganz eigenen, ziemlich schrägen Liebesfilm zu erzählen – und darüber hinaus noch ein paar locker hingeworfene Reflexionen über bildende Kunst, Sexualität und die Magie des Geschichtenerzählens loszuwerden. Denn der Handlungsknoten ist lose genug für selbstständige Episoden und ein paar Nebenstränge, die mehr als nur dienende Funktion für die Love-Story haben.

Gleich die erste lange Szene hat es in sich: Erstsemester-Student Theo (Lars Kokemüller) trifft auf Straßenmalerin Emma (Anna Berg). Sie sitzt mit einem Zeichenblock an der Elbe und er – in Liebesdingen offensichtlich plump und unerfahren – möchte sich von ihr malen lassen. Die Anmache gerät sehenswert holprig, aber die mysteriöse Emma lässt sich von der unbeholfenen Schwärmerei des jungen Mannes nicht aus dem Konzept bringen. Sie kontert mit einem Bild, das es an sexueller Direktheit nicht fehlen lässt – wobei offenbleibt, ob die dargestellte männliche Erregung nun als Aufmunterung oder Abfuhr gemeint ist. Theo jedenfalls verliebt sich in das Bild und natürlich auch in Emma, von der er allerdings nicht einmal die Telefonnummer hat.

Emma hat FlügelÄhnlich wie in „Oh Boy“ ist es eine fast schon provozierende Lässigkeit, mit der die Protagonisten durch die Stadt (in diesem Fall Hamburg) und den Sommer treiben. Eigentlich ohne festes Ziel, abgesehen von ihren Liebeswünschen, verbringen sie ihre Tage mit spontanen Einfällen, zufälligen Begegnungen und dem wie selbstverständlich gelebten Ideal, dass Leben und Kunst im Grunde kein Widerspruch seien. Nur schlafen, essen und fernsehen, findet Emma, müsse man von der künstlerischen Betätigung ausnehmen. Ansonsten verwandelt sich unter ihren Augen so ziemlich alles in Reflexionen und Sichtweisen, die über die reine Lebensbewältigung hinausgehen. Diese andere Ebene wird allerdings nicht durch die eher alltagsnahen, fast dokumentarischen Kameraeinstellungen geschaffen, sondern durch die kreative Unberechenbarkeit der Figuren und die improvisiert wirkende Handlung. Sie lässt Raum für Einfälle aller Art, von tiefsinnig anmutenden Überlegungen bis hin zu erfrischenden Blödeleien.

Es wird viel gesprochen in dieser unbeholfenen, aber in ihrer Authentizität charmanten Erkundung der Liebe, was von ferne an Altmeister Eric Rohmer erinnert. Trotzdem ist es kein Zufall, dass gerade einer der optischen Höhepunkte des Films mit wenig Worten auskommt. Die Szene spielt in einem Tanzstudio. Emma ist allein dorthin gegangen, um eine Choreografie auszuprobieren. Sie hat aber nichts dagegen, dass Theo nachkommt und ihr zuschaut. Zum ersten Mal bekommen Kamera und Schnitt, die sonst einen ruhigen Bilderfluss kreieren, mehr zu tun. Die Blickwinkel werden ausgefeilter, die Montage nimmt Fahrt auf. Beides lässt die Energie anschwellen, die Emma in einem Mix aus klassischem Ballett und aggressivem Boxkampf auslebt. „Was in den Kopf reinkommt, muss wieder raus“, kommentiert sie ihre spürbare Wut. Trotz aller Bohème leben die jungen Wilden in politischen Verhältnissen und verhalten sich dazu – in diesem Fall zu einer Nachricht über Ausländerhass. Etwas davon durchströmt auch den ganzen Film: Kunst als teils humorvolle, teils bissige Reaktion auf die Welt, wie die „Twentysomethings“ sie erleben.

Emma hat FlügelNatürlich merkt man dem Film an, dass er nur 76,48 Euro gekostet hat, wie die Filmcrew buchhalterisch penibel vorrechnet. Nicht jeder Verzicht auf Schauplätze, Kostüme oder aufwendigere Kamerafahrten lässt sich durch reine Experimentierfreude ausgleichen, selbst wenn sich Prominente wie Ulrich Bähnk, Dietrich Kuhlbrodt und Poetry-Slammer Andy Strauß zum Mitmachen bewegen ließen. Als kleinen Ausgleich für den Minimalismus des Films gibt’s unter den Extras der DVD aber den Soundtrack als CD, den Lars Kokemüller mit seiner Band „E123“ eingespielt hat. Außerdem zählen Audiokommentar, Making-of-Dokumentation, nicht verwendete Szenen und Trailer zu den Extras.

„Emma hat Flügel“ transportiert das Lebensgefühl einer jungen Generation von Filmemachern, die auf Spontaneität, Improvisation und schräge Ideen setzen. Trotz des No-Budget-„Etats“ lässt die Hamburger Filmcrew eine Energie spüren, die sich aus der Begeisterung für die völlige Freiheit beim Ausprobieren der eigenen Handschrift speist. Ihre eigenwillige Interpretation von den Hindernissen der Liebe verspricht einiges für kommende Projekte.

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Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Radikal & Arrogant

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Emma hat Flügel

Länge: 76 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 14.06.2014

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

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Kategorie: Comedy, Drama
Start: 14.06.2014

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