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Baal

Geschrieben von Frank Schmidke am 11. April 2014

Baal_Bild02_copyright_Volker_Schloendorff-ctLänger als vierzig Jahre lang war Schlöndorffs Verfilmung des Theaterstücks „Baal“ von Berthold Brecht weggesperrt. 1969 mit Rainer Werner Fassbinder in der Titelrolle für den Hessischen Rundfunk produziert, kam es gerade  einmal zur TV-Ausstrahlung, bevor Brechts Witwe Helene Weigel ein Aufführungsverbot erwirkte. Erst 2011 stimmten die Brecht Erben zu, den Film digital aufarbeiten zu lassen, bei der Berlinale im Februar 2014 wurde „Baal“ erstmals wieder gezeigt. Nun ist der Film auf bundesweiter Kinotour und am 20. März in der 2001-Edition Deutscher Film als DVD erschienen.

Baal_Bild01_copyright_Volker_Schloendorff-ctBaal (Rainer Werner Fassbinder) ist ein genialischer Poet der auch Erfolg hat und gefeiert wird. Doch bei einer Soiree seines bürgerlichen Gönners Mech (Günther Neutze) benimmt er sich daneben, provoziert bis zum Rauswurf.  Baal haust in einer schäbigen Dachkammer und leidet an der Welt. In der Folge stellt sich der Dichter als Säufer und Frauenheld heraus, dessen Bett nie kalt wird. Die junge Sophie (Margarethe von Trotta) bietet Baal seinen Freund Eckhart (Sigi Graue) an, doch der will das Weib auch nicht. Jahrelang ziehen Baal und Eckhardt durch die Lande, bis Baal den Freund schließlich tötet, flüchtet zu einer Gruppe Waldarbeiter und stirb dort.

Für die deutsche Filmhistorie ist es sicher ein Gewinn, dass Schlöndorffs vierter Film wieder öffentlich zugänglich ist, vor allem wegen des Aufeinandertreffens von Schlöndorff („Die verlorene Ehre der Katrina Blum“, „Homo Faber“) und Fassbinder („Berlin Alexanderplatz“, „Angst essen Seele auf“), zweier Filmschaffender, die den deutsche Film nachhaltig beeinflusst haben. Etliche der anderen Darsteller, die in kleinen bis sehr kleinen Rollen zu sehen sind, haben später mit dem Regisseur Fassbinder gearbeitet. Auch Margarethe von Trotta („Rosa Luxenburg“, „Hannah Arendt“) ist eine prägende Gestalt des deutschen Films.

Baal_Bild03_copyright_Volker_Schloendorff-ctDabei folgt die Inszenierung der TV-Adaption der Brecht‘schen Theatervorlage ziemlich werktreu und in der damals experimentellen Nische des Fernsehspiels und nimmt dabei auch Bezug auf die Studentenbewegung der 68er, die bürgerliche Werte und Lebensentwürfe in Frage stellt. Aus heutiger Sicht wirkt die spartanische Inszenierung vor allem recht hölzern und die Dialoge kommen ebenso gestelzt wir ausdrucksarm rüber.

Die lange Eröffnungssequenz, in der Baal über einen Feldweg geht wird wie im progressiven Musiktheater von Rockmusik und Brecht‘schem Liedtext untermalt. Danach verzichtet der Film fast gänzlich auf musikalische Untermalung und fokussiert sich ganz auf die Darsteller, die in ihrer theaterhaften Aufstellung im Film häufig übertrieben agierend wirken. Auch lassen die Zwischentitel mit den durchnummerierten Szenen absolut keinen Erzählfluss aufkommen und wirken tatsächlich eher wie der Bühnenvorhang vor dem nächsten Aufzug.

Baal_Bild07_copyright_Volker_Schloendorff-ct„Baal“ ist ein frühes Stück von Brecht, dessen erste Fassung  er 1918/19 als Zwanzigjähriger schrieb, und das weniger den egozentrischen, asozialen Dichter thematisiert, als vielmehr eine asoziale Welt, auf die der ungebrochene Mensch reagiert.  Daran wird sich die Bedeutung von Schlöndorffs Fassung messen lassen müssen.Die restaurierte Fassung des TV-Films ist durchaus gelungen, auch wenn das Originalmaterial im Lauf der Jahre gelitten hat. Die DVD-Edition ist mit einem informativen Begleitheft ausgestattet, das unter anderem ein Interview mit Volker Schlöndorff enthält.

Für die deutsche Filmgeschichte ist „Baal“ sicher weit mehr als nur ein Zeitdokument, das nun wieder zugänglich ist. Heutigen Sehgewohnheiten entspricht die sperrige Theater-Adaption allerdings nicht und die Inszenierung weist einige Schwächen auf.

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Copyright: 2001 / Weltkino

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Länge: 85 Minuten

Kategorie: TV-Movie, Drama

Start: 20.03.2014

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Baal

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 85 Minuten
Kategorie: TV-Movie, Drama
Start: 20.03.2014

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