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Die Filme von Alejandro Jodorowsky

Geschrieben von Frank Schmidke am 21. März 2014

jodorowsky-box-6Mit der Veröffentlichung des filmischen Frühwerks des Ausnahmekünstlers Alejandro Jodorowsky sind jüngst drei cineastische Meilensteine veröffentlicht worden und die Edition lässt keine Wünsche offen. Kult war und ist vor allem der 1970 entstandene Film „El Topo“, der sich im Gewand des Spaghetti-Western versteckt und auf bildgewaltige spirituelle Reise geht. In Deutschland stand „El Topo“ auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Bildstörung hat eine Neubewertung beantragt und erstmals nach 25 Jahren ist der Film hierzulande in seiner ganzen restaurierten krassen und surrealen Pracht zu sehen.

Gleich zu Beginn der Hinweis, dass Jodorowskys Filme beileibe keinen Mainstream bedienen und auch heute noch mit verstörenden Bildern und Sequenzen aufwarten können. Da tummeln sich Missgebildete und Nackte, Brutale und Verstörte, Sinnsucher und Nihilisten – und Handlung im herkömmlichen Sinn gibt es eigentlich auch kaum. Jodorowsky, der in den fünf Jahren zwischen 1968 und 1973 die Filmwelt mit seinen Werken aufrüttelte und durcheinanderwirbelte, ist ein umtriebiger Geist, der auch als Psychotherapeut, Tänzer, Schauspieler, Autor, Tarot-Experte und Szenarist von Comics sein kreatives Genie ausgelebt hat. Der Mann macht Filme als Psychotherapie und ist davon überzeugt, dass es wahre Schönheit nicht ohne ihr hässliches, gewalttätiges Gegenteil geben kann und das merkt man den Filmen auch an. Dennoch ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt, und die überschwängliche Filmbewertung ist auch dem filmhistorischen Einfluss geschuldet.

jodorowsky-box-2Ob man als Zuschauer bereit ist, dem Filmmacher und Künstler auf seinen Bilderreisen zu folgen, stellt sich eigentlich nach wenigen Minuten eines jeden Films heraus. Entweder wendet man sich mit verstörtem Grausen ab, so wie die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften es seinerseits bei „El Topo“ tat, oder man erkennt die Symbolhaftigkeiten und Allegorien der bewegten Bilder des Alejandro Jodorowsky als solche. Doch selbst dann ist ernsthafte Auseinandersetzung angesagt und keine intellektuelle Unterhaltung. Dass man hierzulande nichts mit dem Film anzufangen wusste, zeigt sich exemplarisch an der Synchronisation der weiblichen Revolverheldin, die im spanischen Original mit einer Männerstimme ausgestattet ist. Das schien wohl zu viel für das bundesdeutsche Publikum und wurde schlicht unterschlagen. Mit Tiefgenpsychologie und Jungschen Archetypen wollte sich die studentenbewegte BRD wohl nicht auch noch belasten.

jodorowsky-box-3Die Geschwister „Fando und Lis“ (meine Einzelwertung 7,5) machten sich 1968 auf die Suche nach der mystischen Stadt Tar und ziehen durch eine postapokalyptische, schwarzweiß gefilmte Welt. Mit seinem Spielfilmdebut sorgte Jodorowsky gleich für einen handfesten Skandal. 1970 folgte dann der Quasi-Western „El Topo“ (Einzelwertung 9, 5), der in den USA ein Underground-Hit wurde, als die Midnight Movies begründet wurden. Darin legt sich ein schwarzgekleideter Revolverheld mit einer brutalen Bande an, misst sich mit Revolvermeistern und wird von seiner Liebe erschossen. Nur um sich daraufhin Jahre später bei einem Volk von Missgestalten, die verdammt in einem Berg leben, wiederzufinden. Als vermeintlicher Heilsbringer hilft er den Höhlenmenschen sich zu befreien. Doch die Befreiung endet in einem Massaker, als sich die Krüppel der Stadt der normalen Menschen nähern.

jodorowsky-box-4Daraufhin wurde Jodorowsky beinahe zu einem Kultstar und drehte 1973 auf Englisch seinen dritten Film „The Holy Mountain – Montana Sacra“ (Einzelwertung 9.5), erneut eine Sinnsuche und eine szenische Reise ins Absurde, Expressionistische und Surreale des menschlichen Daseins. Es gibt viel christliche Symbolik und der Taroteinfluss ist unübersehbar, doch der Film geht über Religionen hinaus und scheint frei in spirituellen Sphären zu assoziieren. Im Bonusmaterial erwähnt Jodorowsky, dass der Film ursprünglich mit einer echten Geburt enden sollte, doch die Schwangere, die dafür engagiert worden war, sprang im letzten Moment ab.

jodorowsky-box-5Danach realisierte Jodorowsky bis 1989 keine eigenen Themen mehr („Santa Sangre“) und legte 2013 einen weiteren Film vor mit „La Danza De La Realidad“. Das Frühwerk also als Einheit zusammenzufassen ist durchaus schlüssig. Der amerikanische Rechteinhaber ABKCO-Films ließ die drei Filme unter Aufsicht Jodorowskys digital restaurieren und veröffentlichte sie vor einigen Jahren. Das Ergebnis ist hinreißend, auch wenn einige Budget-bedingte Papp-Attrappen daher als solche erkennbar sind. Nun sind die drei Filme in einer mit großartigen Extras versehenen Box also auch hierzulande und als Blu-ray erschienen. (Siehe Berichtigung unten: „El Topo“ und „Santa Sacra“ als BD, „Fando & Lis“ und die Extras als DVD). Soweit vorhanden („Fando und Lis“ gibt es nur auf Spanisch“) sind die Synchronfassungen der Filme enthalten und zu allen Filmen ist ein Audiokommentar Jodorowskys eingesprochen. Das ist umso aufschlussreicher und in diesem speziellen Fall fast essentiell, da die Filme etliche Sequenzen enthalten, die den Zuschauer ratlos zurücklassen.

jodorowsky-box-1Außerdem sind zu „El Topo“ und zu „Montana Sacra“ in der Box die von Jodorowsky komponierten Soundtracks als Audio-CDS enthalten. Das Booklet zu „Der heilige Berg“ enthält einen Essay über Jodorowskys frühe Filme, das Booklet zu „El Topo“ umfangreiche Auszüge aus einem Interview des Filmmachers mit amerikanischen Journalisten. Die Blu-ray zu „Fando und Lis“ enthält außerdem noch Jodorowskys pantomimischen Kurzfilm „La Cravatte“ (Einzelwertung 7) von 1957. Die Bonus-Blu-ray ist bestückt mit einer informativen und faszinierenden Doku „La Constellation Jodorowsky“ (Einzelwertung 8) von 1994, weiterhin mit „Deleted Scenes“ und ein Restaurationsfeaturette zu „Montana Sacra“ diversen Interviews, einige davon vom Münchener Filmfest 2013, und den Kinotrailern zu „El Topo“. Während man in den USA durchaus darauf hinzuweisen verstand, dass es sich nicht um einen reinen Western handelt, setzte der deutsche Verleih voll auf die Spaghetti-Western-Schiene und lag komplett daneben.

Alejandro Jodorowskys filmisches Frühwerk ist alles andere als leichte Kost und eben darum so unglaublich einflussreich gewesen. Mit einer Sichtung ist es kaum getan, um zu erfassen, was hier auf das Zuschauerbewusstsein einprasselt. Seit der „Apocalypse Now –Full Disclosure“-Box gab es keine so umfangreiche und filmgeschichtlich wesentliche Edition mehr wie „Die Filme von Alejandro Jodorowsky“. Insofern ist die großartige Box eine Pflichtveranstaltung für alle (experimentierfreudigen) Cineasten, die sich von Filmen nicht nur berieseln lassen wollen. Schlichtweg ein Hammer!

 

Update: Wie der Kollege Marco Koch vom Filmforum Bremen richtigerweise feststellt, liegen nicht alle drei Filme der Box im Blu-ray Format  vor: „Kleine Anmerkung – auch wenn in der Besprechung etwas anderes behauptet wird: „Fando und Lis“, sowie die Bonus-Scheibe sind keine Blu-ray, sondern nur DVDs.“ (24.03.2014). Das ist mir tatsächlich vor lauter Begeisterung durchgerutscht. Sorry. (fs)

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Wir vergeben daher 10 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Bildstörung.tv

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Länge: 720 Minuten

Kategorie: Adventure, Fantasy, Drama, Western

Start: 28.02.2014

cinetastic.de Filmwertung: (10/10)

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Info

Die Filme von Alejandro Jodorowsky

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 720 Minuten
Kategorie: Adventure, Fantasy, Drama, Western
Start: 28.02.2014

Bewertung Film: (10/10)

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