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The Act of Killing

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 18. Februar 2014

The Act of Killing

Die verschiedensten Konflikte auf den unterschiedlichsten Kontinenten haben zumeist eines gemeinsam, denn während man im ersten Augenblick nur von den Opfern in der Zivilbevölkerung spricht, verschiebt sich die Analyse der Täter oftmals um mehrere Jahrzehnte. Vor kurzem erst versuchte uns Regisseur und Drehbuchautor Stefan Ruzowitzky in seiner Dokumentation „Das radikal Böse“ diese Täter ein wenig näher zu bringen, doch kann man diese Form von Mitläufern auf jeden Konflikt dieser Erde anwenden?

Genau diese Frage beantwortet uns nun der US-amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer (The Look of Silence) in seiner erschreckenden Dokumentation „The Act of Killing“, welche nicht nur großer Favorit im Rennen um den Oscar für die Beste Dokumentation ist, sondern auch für all jene Menschen Pflicht sein sollte, die bisher dachten, dass ebenso auf Seiten der Täter eine gewisse Reflektion einsetzen könnte. Oppenheimers „The Act of Killing“ setzt sich in erster Linie mit jenen Tätern auseinander, die bei der Militärrevolution in Indonesien in den 1960er-Jahren für ein unglaubliches Verbrechen verantwortlich waren, die aus Spaß und Überzeugung töteten und noch heute von der Regierung ihres Landes verehrt werden und sich so in ihrem Ruhm sonnen.

The Act of KillingIn gut organisierten Todeskommandos, bestehend aus Gangstern und kleineren Privatarmeen, wurden etwa 1 Mio. Menschen auf grausamste Art und Weise getötet. Der Indonesier Anwar Congo war einer unter ihnen. Joshua Oppenheimer besucht Congo und eine Vielzahl seiner Vertrauten, lässt sich von den Todestrupps berichten und schafft es ohne Provokation somit, dass eine Handvoll Beteiligter von den grausamen Massenmorden berichten und diese auch nachstellen. In recht heller Kleidung sieht man Congo auf einem Hausdach mit einem Bekannten stehen und von Kommunisten berichten, die dort in den 60er-Jahren der Reihe nach standen, ein Dach voller Blut und die Idee, die Menschen auf andere Art und Weise zu töten, woraufhin er nur wenig später ein Beispiel mit einem dünnen Stück Draht präsentiert.

Von diesen Szenen folgen im Laufe der beinahe drei Stunden noch eine Vielzahl, Szenen, bei denen man als Zuschauer am liebsten wegschauen würde, Szenen, bei denen sich einem der Magen ganz kurz umdreht, mag man doch gar nicht glauben, dass dies alles echt gewesen sein könnte. Entgegen der ersten Vermutungen sind diese Szenen allerdings nicht gestellt, es ist nichts fiktiv nacherzählt worden, die Beteiligten dieser grausamen paramilitärischen Gruppe sonnen sich stattdessen in ihren Erfolgen und werden noch heute nicht nur von der Bevölkerung, sondern gleichwohl von der Regierung für ihre Taten geehrt.

The Act of KillingHat denn aber gar kein Umdenken eingesetzt, keine Reflektion der Taten, sind sich diese Menschen absolut keiner Schuld bewusst? Um diese Frage zu beantworten, nutzt Joshua Oppenheimer das Medium Film, um bestimmte Taten noch einmal Revue passieren zu lassen, Taten, welche Mitglieder dieser paramilitärischen Gruppe nachspielen, Szenen, die wie im Theater noch einmal aufgearbeitet werden. Mit der Zeit reichen aber diese Interviews nicht mehr aus, die nachgestellten Szenen sind für einen Prominenten wie Anwar Congo nicht mehr genug und so trommelt er eine Handvoll Schlächter von damals zusammen, um einen Film über die Eliminierung von Kommunisten und Chinesen zu drehen. Die Rollen werden verteilt, Bürger des Umfelds werden bedroht, um als Statisten mitzuspielen, wodurch Congo und seine Freunde in ihren Rollen erst so richtig aufgehen.

Mit vielen Splatter-Effekten, angeklebten Hautfetzen und entsprechenden Puppen werden Folterszenen nachgestellt, Enthauptungen aufbereitet und eine Art Opferkult dem Zuschauer dargestellt, bei dem man am liebsten sofort den Fernseher ausschalten würde. Das Gezeigte ist hart, lädt immer wieder zu Unterbrechungen ein, zum Nachdenken, zum Aufarbeiten des Gezeigten, kann man es als Ganzes doch unmöglich realisieren. Ganz ähnlich ergeht es gegen Ende auch Congo selber, der in einer Gefängnisszene selber die Rolle des Opfers einnimmt, um zu erfahren, was diese damals womöglich gefühlt haben könnten. Es beginnt eine Art Nachdenken des Schlächters von tausenden Menschen, für ganz kurze Zeit stellt dieser sein eigenes Handeln selber in Frage, bevor die nächste Szene abgedreht werden muss und sein Freund in Frauenkleidern einen weiteren Kommunisten ermordet, während ihm die Menge laut applaudiert.

The Act of KillingDies alles ist als Zuschauer oftmals nicht unbedingt einfach zu ertragen, trotz allem sollte man sich „The Act of Killing“ ansehen, ist es doch eine der wertvollsten Dokumentationen, die wir über Täter von unglaublichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den letzten Jahren haben sehen dürfen. Neben der eigentlichen, fast dreistündigen Dokumentation ist die entsprechende Blu-ray aber noch mit weiteren Materialien vollgepackt, die wertvolle Einblicke in die Entstehung des Werkes gestatten. In einem exklusiven Audiokommentar berichten die Produzenten Erroll Morris und Werner Herzog über die Produktion und zu den jeweiligen Szenen, in einem etwa 22-minütigen Interview spricht Regisseur Joshua Oppenheimer über die Entstehung von „The Act of Killing“ und die schwierige Realisierung der Dokumentation, während rund elf Minuten Deleted Scenes den Abschluss des zusätzlichen Materials bilden, konnten diese doch nicht in der endgültigen Fassung mit berücksichtigt werden.

Joshua Oppenheimers „The Act of Killing“ ist eine der wertvollsten Dokumentationen der letzten Jahre. In erschreckenden Bildern lässt er einige der führenden Köpfe der indonesischen Säuberungen zu Wort kommen, die nicht nur von den grausamen Hinrichtungen berichten, sondern diese sogar in den verschiedensten Formen nachstellen.

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Wir vergeben daher 9 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Koch Media

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The Act of Killing

Länge: 159 min

Kategorie: Documentary

Start: 20.02.2014

cinetastic.de Filmwertung: (9/10)

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Bewertung Extras: (7/10)

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Info

The Act of Killing

The Act of Killing

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 159 min
Kategorie: Documentary
Start: 20.02.2014

Bewertung Film: (9/10)

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