cinetastic.de - Living in the Cinema

Nymphomaniac 1

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 19. Februar 2014

Nymphomaniac 1

Der Däne Lars von Trier spaltet wohl wie kein zweiter die Meinungen der Zuschauer, denn während die einen seine Filme als provokant, abstoßend und ekelerregend ansehen, finden ganz andere darin ein Stück namens Kunst, die man in dieser Form wohl viel zu selten auf der großen Leinwand zu sehen bekommt. Nach seinem letzten unangemessenem Auftritt bei den Filmfestspielen von Cannes (man erinnere sich an seinen Hitler Vergleich) war es lange Zeit ruhig um von Trier geworden, bis dieser mit der Meldung an die Öffentlichkeit trat einen Pornofilm mit einer Hand voller erlesener Darsteller drehen zu wollen.

In einer kalten Winternacht findet der etwa 50-jährige Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgard) auf seinem Nachhauseweg in einer dunklen Gasse eine auf dem Boden liegende zusammengeschlagene Frau (Charlotte Gainsbourg), der er sofort seine Hilfe anbietet. Einen Krankenwagen darf er nicht rufen, dann würde sie nach eigener Aussage sofort fliehen, also nimmt er sie mit nach Haus auf eine warme Tasse Tee. Besagte Dame in den 30er Jahren stellt sich Seligman als Joe namentlich vor, eine Frau der das Leben über die Jahre hinweg übel mitgespielt hat, ein Leben, was sie sich selber aussuchte. Joe beginnt Seligman eine Geschichte zu erzählen die seit frühster Kindheit von unersättlichem Drang nach Sex gezeichnet ist, denn nachdem sie sich von Mechaniker Jerôme (Shia LaBeouf) hat entjungfern lassen, kannte sie kein Halten mehr. Es folgen die verschiedensten Etappen ihres Lebens in denen sie sich mit ihrer Freundin durch den Zug fickt, einen Club gründet in welchem Frauen niemals mit einem Mann zweimal schlafen dürfen, bis sie Jahre später erneut Jerôme wiederfindet und tatsächlich so etwas wie Liebe zu empfinden gedenkt…

Nymphomaniac 1Nachdem sich Lars von Trier bei seiner Pressekonferenz zu „Melancholia“ vor nunmehr drei Jahren bei den Filmfestspielen von Cannes reichlich unbeliebt gemacht hat, ist es ruhig um ihn geworden. Für seinen Hitler-Vergleich war er bei der Presse überwiegend unten durch, bei einem größeren Festival teilzunehmen war nicht im Ansatz auch nur möglich und so versuchte von Trier mit seiner bekannt provokanten Art erneut in die Öffentlichkeit vorzustoßen. Von Trier erzählte er wolle einen Porno drehen, hat dafür bereits Darsteller wie Charlotte Gainsbourg, Shia LaBeouf, Christian Slater, Uma Thurman und Willem Dafoe ganz genau vor Augen und wenn sein Film eines werden würde, dann ganz anders als all seine Filme die er bis dato hat drehen dürfen.

Dank einer ausgeklügelten Marketingmaschine folgten daraufhin in den letzten Monaten zahlreiche Text- und Videoschnipsel in denen einzelne Kapitel seines Filmes vorgestellt wurden, Trailer die explizite Sexszenen zeigten und das Gerücht, dass es neben einer vierstündigen Kurzfassung ebenso eine fünfeinhalbstündige Langfassung geben würde, die allerdings nur bei der Berlinale gezeigt werden würde. Wie auch immer man zu dieser Ausschlachtung im Vorfeld stehen mag, von Trier hat dies erneut in die Karten gespielt, denn auf keinen Film war die Presse im Vorfeld gespannter, kein Film wurde sehnsüchtiger erwartet und bei keinem Film wurde man so schockiert und gleichzeitig wiederrum so verzaubert wie von „Nymphomaniac“. Besagter Film kommt nun im Februar und im April als Zweiteiler in der gekürzten Fassung in die deutschen Kinos, während die Langfassung wohl der späteren Auswertung fürs Home Entertainment vorbehalten sein wird.

Nymphomaniac 1Ist nun aber Lars von Triers “ Nymphomaniac 1″ so skandalträchtig wie man es uns im Vorfeld hat glauben machen wollen? Mitnichten! Es ist ganz ohne Frage ein typischer Film eines Lars von Trier der von provokanten Szenen lebt, von Hauptdarstellern die sich mit vollstem Körpereinsatz ihrer Rolle hingeben, zu echtem Geschlechtsverkehr ist es unter den Darstellern jedoch nie gekommen. Auch weiß man im Grunde gar nicht in welcher Zeit „Nymphomaniac“ eigentlich spielen könnte, denn obwohl eine zeitliche Epoche niemals genannt wird, könnte man wohl am ehesten England der 70er Jahre vermuten. Die in einzelne Kapitel unterteilte Geschichte versucht im groben das Leben von Joe nachzuerzählen, wie sie sich selber ihrer Sexsucht hingibt, damit wiederrum belegen möchte das sie tief im Inneren eigentlich ein schlechter Mensch sei und jene Gewaltanwendung verdient hat, die wir im Grunde resultierend aus den ersten Szenen nur vermuten können. Die einzelnen Kapitel gehen von ihrer Kindheit in der wir sie spielend im Badezimmer sehen und wo auch die Beziehung zu ihrem Vater thematisiert wird, während wir über die späteren Jugendjahre als 15-jährige schon bald in den frühen 20er Jahren von Joe landen, wo sie sich mit ihrer Freundin durch Zugabteile fickt nur um eine Tüte Bonbons zu gewinnen.

Inhaltlich kann man bei alledem recht viel hinein interpretieren, denn es geht in erster Linie um die Frage der Schuld, um Selbsthass um die inneren Ängste, irgendwann im Leben etwas falsch gemacht zu haben. Zwischen den einzelnen Kapiteln kehrt von Trier stets zurück in das karge und recht dunkle Zimmer in dem Seligman der Geschichte zuhört, diese mit eigenen Erfahrungen des Fischens verbindet und somit hauptsächlich als Antrieb dafür dient, dass die Geschichte weiter ausgeführt wird.

Nymphomaniac 1Visuell baut von Trier bei alledem erneut auf Kameramann Manuel Alberto Claro (Finally Famous) der auch bereits für die wunderbaren Weltuntergangsbilder in „Melancholia“ verantwortlich war, die man hier zuweilen auch sofort zu erkennen vermag. Egal ob dies gerade am Anfang die leichten Kamerafahrten in der Gasse sind oder die späteren körperlich sehr anstrengenden, in denen Claro stets versucht die Gefühlte in den Gesichtern der Darsteller einzufangen. Besagte Darsteller geben körperlich auch fast alles, allen voran das britische Model Stacy Martin (Winter), die mit Nacktheit absolut keine Probleme zu haben scheint. Mit vollstem Körpereinsatz hängt sie sich in ihre Rolle hinein, in diversen Sexszenen wird sie von Pornodarstellern gedoubelt, während auf ihrem Gesicht stets das Leid zu erkennen ist, dass sie durch ihre innere Zerrissenheit erfährt.

Neben Darstellern wie Charlotte Gainsbourg (Antichrist), Shia LaBeouf (Transformers), Christian Slater (Der Name der Rose) und Willem Dafoe (Der blutige Pfad Gottes) kann doch insbesondere Uma Thurman (Pulp Fiction) überraschen, die diesmal ein recht witziges Kapitel spielen durfte, in dem sie die betrogene Ehefrau gibt. Wunderbar spielt sie in diesen Szenen mit Anschuldigungen und Vorurteilen, sodass man gegenüber allen anderen Kapiteln nicht nur schmunzeln, sondern zuweilen sogar lachen muss.

Entgegen erster Meinungen ist Lars von Triers „Nymphomaniac 1“ kein Porno, sondern vielmehr eine ausgeklügelte und fein gezeichnete Charakterstudie einer Frau die von Zweifeln und Selbsthass gezeichnet ist. Ein typisch provokanter Lars von Trier den man gesehen haben sollte.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Concorde

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Nymph()maniac 1

Länge: 124 min

Kategorie: Drama

Start: 20.02.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Nymph()maniac 1

Nymphomaniac 1

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 124 min
Kategorie: Drama
Start: 20.02.2014

Bewertung Film: (7,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten