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Love Steaks

Geschrieben von Peter Gutting am 20. Februar 2014

Love Steaks

Man braucht offensichtlich nicht viel für einen Festivalhit. Zwei unverbrauchte Schauspieler, ein Hotel am Meer und ein paar gute Einfälle – fertig ist eine Liebeskomödie, die zu Recht die wichtigsten Preise für den deutschen Regienachwuchs abräumt. Nach vier Auszeichnungen im Wettbewerb „Neues Deutsches Kino“ beim Filmfest München hat der zweite Langfilm von Jakob Lass jetzt auch den Saarbrücker Max-Ophüls-Preis gewonnen. Seine Mischung aus Improvisation und Stilsicherheit überzeugt mit einer Frische, die den Spaß der Dreharbeiten direkt in den Bauch des Zuschauers projiziert.

Von Billy Wilder ist die Anekdote überliefert, dass er Angst hatte, er würde vom besten Filmanfang aller Zeiten träumen, diesen Traum aber am Morgen vergessen. Also legte er sich einen Stift neben‘s Bett, hatte in der Nacht tatsächlich eine großartige Idee und schaute am Morgen aufs Papier. Dort standen drei Worte: „Boy meets Girl“. Dass der filmischste aller Filmstoffe tatsächlich noch immer nicht überreizt ist, beweist „Love Steaks“ aufs Schönste. Lara (Lana Cooper) und Clemens (Franz Rogowski) arbeiten beide in einem Wellnesshotel an der Ostsee. Sie in der Küche und er an der Massagebank. Das ist kein Zufall. Sie passt hervorragend in das Gewusel zwischen Töpfen und Pfannen, mit ihrer Hektik, ihrer Härte und ihrem Hyperaktivismus. Ihm dagegen scheint man die heilenden Hände in die Wiege gelegt zu haben, zusammen mit seiner Sanftheit, seiner Sensibilität und Schüchternheit. Irgendwie würde es an ein Wunder grenzen, wenn die beiden zusammenkämen. Aber wie es eben so geht bei „Boy meets Girl“: Seit dem ersten Blick können sie nicht voneinander lassen.

Love SteaksMan muss es nicht wissen, um sich an der Spontaneität des ungleichen Paars zu freuen, aber es schadet auch nicht: Für diesen Film gab es keine gesprochenen Dialoge, sondern nur ein „dramaturgisches Handbuch“ mit 18 Szenen. Jede Szene – so wollen es die „Fogma“-Regeln, die sich das Filmteam in Anspielung an die „Dogma“-Bewegung gegeben hat – durfte nur mit einem Satz umrissen werden. Der Rest basierte auf den Einfällen der beiden Profi-Schauspieler sowie dem Alltag im Hotel. Gedreht wurde in einer semidokumentarischen Mischform unter realen Bedingungen mit dem dort arbeitenden Hotelpersonal. Das führt zu komödiantischen Höhepunkten, die man dem „normalen“ Arbeitsalltag niemals zutrauen würde. So läuft beispielsweise der Hoteldirektor zu wahrer Hochform auf, wenn er die Liebenden in einer Gnadenlosigkeit zusammenstaucht, die mit allen zynischen Wassern gewaschen ist – und zugleich mit dämonischem Augenzwinkern daherkommt.

Stellenweise ist es kaum zu glauben, dass die bewegliche, aber nicht übertrieben wackelige Handkamera von Timon Schäppi tatsächlich all die klug choreografierten Bewegungen im Raum spontan eingefangen haben soll. Dass sich die 78 Stunden Rohmaterial zu einem solch emotionalen, ebenso leichten wie vielstimmigen Rhythmus verdichten, ist nicht zuletzt dem Schnitt (Gesa Jäger) zu verdanken. Er macht aus der Komödie und den spielerisch hingeworfenen Slapstick-Einlagen das hintergründige Porträt einer Generation der Endzwanziger, getrieben von Lebenshunger, aber zerrieben von den tatsächlichen Möglichkeiten zwischen Leistungshierarchie und Wellnesswahn.

Love SteaksEinmal sehen wir das Paar kurz nach Sonnenaufgang am leeren Strand. Sie sitzt mit gesenktem Blick auf dem Boden, konzentriert und in sich gekehrt. Er hüpft gebückt um sie herum, in einer Art Indianertanz beschwörend mit Strandbüscheln um sich schlagend. Das ist urkomisch wegen der Hilflosigkeit, mit esoterischen Mitteln den realen Beziehungsproblemen beizukommen – ihrem übermäßigen Alkoholkonsum und seiner Angst vor jeglicher Art von Disharmonie. Aber in dem Bild konzentriert sich auch die Aufbruchsstimmung einer Generation, die sich spielerisch hinwegsetzen möchte über die Hürden, die sie sich selbst und andere ihr in den Weg legen. „Boy meets Girl“ funktioniert eben dann besonders gut, wenn sich im Privaten ein gesellschaftlicher Horizont spiegelt.

„Love Steaks“ vereint in seinem semidokumentarischen Ansatz das beste aus beiden Welten – Improvisation und künstlerische Überhöhung. Aus der Energie des realen Lebens bezieht der Film eine Intensität, die er in ausgefeilten Schnittfolgen und komödiantischen Einlagen zu einem ebenso unterhaltsamen wie nachhaltigen Kinoerlebnis verdichtet.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Timon Schäppi, Daredo Media

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Love Steaks

Länge: 89 min

Kategorie: Comedy, Drama, Romance

Start: 27.03.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Love Steaks

Love Steaks

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 89 min
Kategorie: Comedy, Drama, Romance
Start: 27.03.2014

Bewertung Film: (7,5/10)

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