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Moebius – Die Lust, das Messer

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 17. Januar 2014

Moebius

Der koreanische Regisseur Kim Ki-duk hat es sich bereits vor vielen Jahren zur Aufgabe gemacht mit seinen Filmen zu polarisieren, Meinungen aufeinander prallen zu lassen und dabei mit den bekannten Sehgewohnheiten zu brechen. Nachdem Ki-duk lange Zeit zurückgezogen lebte und einen tragischen Unfall in einem seiner Filme verarbeiten musste, war er mit seinem Venedig-Gewinner „Pieta“ gestärkt zurückgekehrt. In seinem neusten Film „Moebius – Die Lust, das Messer“ widmet sich Ki-duk erneut der Familie, doch bei aller Abscheu und Brutalität soll es diesmal zuweilen sogar etwas zum lachen geben.

Die psychisch labile und von ihrem Mann (Cho Jae-Hyun) betrogene Ehefrau (Lee Eun-woo) weiß keinen Ausweg mehr und so sucht sie eines Nachts mit einem Opferdolch bewaffnet ihr Schlafzimmer auf, um sich an ihrem Mann zu rächen. Stattdessen wacht dieser in einem Moment des klaren Gedankens auf, erkennt deren Plan und wirft sie aus dem Zimmer heraus. Innerlich gebrochen besucht sie nun das Zimmer ihres rund 15-jährigen Sohnes (Seo Young-Joo) und schneidet diesem sein Glied ab, schlingt es herunter und rennt beschämt aus dem Haus, während der Vater sein bestmögliches unternimmt, um seinen Sohn ins nächste Krankenhaus zu bringen. Dieser wird schon bald in der Schule durch seine Klassenkameraden gemobbt, nimmt unfreiwillig an der Vergewaltigung einer Ladenbesitzerin teil, währenddessen sein Vater im Internet nach Möglichkeiten sucht, um seinem Sohn Sex ohne Glied zu ermöglichen…

MoebiusNachdem es bei einem der letzten Filme von Regisseur Kim Ki-duk zu einem tragischen Unfall kam konnte dieser laut eigener Aussage einfach keinen weiteren Film mehr drehen. Er musste darüber nachdenken wie es dazu kommen konnte, wie man dies am besten verarbeiten kann, wofür er sich in eine kleine Hütte mit dem nötigsten zurückzog. Besagte Zeit dokumentierte Ki-duk in seiner anschließend veröffentlichten Dokumentation „Ariang“, die zumindest einen kleinen Einblick darin gab, wie es in diesem Ausnahmetalent wirklich vorgehen könnte. Mit besagtem Film „Pieta“ wurde sein erster Film nach diesen tragischen Ereignissen sogleich ein Meisterwerk und international gefeiert, mit „Moebius – Die Lust, das Messer“ geht Ki-duk noch einen Schritt weiter.

Bereits in „Pieta“ bewies Ki-duk sein Gespür für Szenen bei denen man am liebsten wegschauen wollen würde, denn wenn plötzlich die Hand in eine Presse gerät oder allerlei anderer Folterinstrumente angewandt werden, ist das für den normalen Zuschauer nicht unbedingt das was er sich unter guter Unterhaltung vorzustellen vermag. Der offensichtliche Frauenhasser Kim Ki-duk kann aber auch anders, was er uns nun in seinem neusten Werk zeigen möchte. Erneut steht die Familie im Mittelpunkt des Geschehens, eine scheinbar glückliche Ehe zwischen zwei namenlosen Geschöpfen, ein Sohn der unbeteiligt die Szenerie beobachtet. Wenn besagte Ehefrau nun ihren Mann dabei beobachtet wie er es im Auto vor dem Haus mit einer anderen treibt so ist der Schritt zur Entmannung womöglich noch nachvollziehbar, wenn sie dann allerdings mit einem Opferdolch bewaffnet ins Zimmer ihres einzigen Sohnes schleicht, ihm sein bestes Stück abtrennt und im Anschluss dann auch noch hinunter würgt, muss man mehr als nur einmal ungläubig den Kopf schütteln.

MoebiusWas nun folgt ist eine Geschichte bei der Freud wohl seine Freude gehabt hätte diese zu analysieren, denn sieht man einmal von der operativen Entmannung des Vaters ab damit dieser seinem Sohn ein wenig näher sein kann, folgt Ki-duk dennoch den üblichen Klischees, nur um sie im direkten Anschluss bereits wieder zu zerschmettern. Es geht vornehmlich darum wie der heranwachsende junge Mann nun ohne Glied leben soll, wie er zusammen mit seinem Vater Möglichkeiten sucht um sich sexuell zu befriedigen und sich dabei womöglich sogar ein Stück weiter entwickelt. Plötzlich werden wir Zeuge wie er sich mit einem Stein am Fuß zum sexuellen Höhepunkt reibt, wie ein Messer im Rücken so lang gewackelt wird bis er schließlich ejakuliert, währenddessen er mit jener Ladenbesitzerin schon bald eine (scheinbare) Beziehung beginnt, die er nicht nur vor kurzer Zeit erst noch mit anderen vergewaltigte, sondern die gleichwohl auch besagte Freundin des eigenen Vaters war.

Dies alles wird in sehr ruhigen Bildern von Kim Ki-duk dargestellt, der auch diesmal wieder die Rolle des Kameramannes übernimmt und gleichwohl dafür sorgt das diese Bilder Hand in Hand mit den entsprechenden Dialogen gehen. Von letzterem wird man diesmal allerdings nicht unbedingt viel mitbekommen, denn Ki-duks fast 90-minütiger Film kommt komplett ohne auch nur eine Dialogzeile aus. Stattdessen hört man Hintergrundgeräusche, ein Stöhnen und Ächzen der Beteiligten, während sich Ki-duk ausschließlich auf die Macht seiner Bilder konzentriert. Für die einen oder anderen mag dies reduzierte Bild einer verstörten koreanischen Familie womöglich zu viel des guten sein, ganz andere können in genau diese Geschichte noch so viel mehr hineininterpretieren, sodass man sich Stunden darüber auslassen könnte.

MoebiusWomöglich wollte Ki-duk die sexuelle Revolution zweier Männer thematisieren die sich nach alternativen Möglichkeiten zum Samenerguss erkundigen, womöglich wollte er die schwierige Kindheit des Sohnes in den Mittelpunkt stellen der sich plötzlich dem Mobbing von gleichaltrigen ausgesetzt fühlt, womöglich sollte aber auch die labile Mutter im Vordergrund stehen, die alles für die Familie geben würde und gleichwohl alles der Familie nahm. Eventuell sind diese Ansätze aber auch komplett falsch, denn Ki-duk ist in erster Linie dafür bekannt Familie zu thematisieren und dabei Grenzen zu überschreiten, mit Sehgewohnten zu brechen und bei alledem dennoch die Rolle der Frau nicht zu kurz kommen zu lassen, auch wenn sich dies zuweilen eher in negativer Richtung deuten lässt.

Wie auch immer die Intension von alledem gewesen sein mag, mit „Moebius – Die Lust, das Messer“ hat Ki-duk erneut einen Film erschaffen bei dem sich viele Zuschauer angewidert abwenden werden, die womöglich bereits nach nur zehn Minuten den Fernseher ausmachen, während ganz andere wunderbar unterhalten werden. Diese Unterhaltung resultiert in erster Linie aus der ungewöhnlichen Geschichte, den einmaligen Bildern und natürlich dem wirklich sehenswerten Spiel mit Mimik und Gestik aller Beteiligter, wodurch ein Film entsteht, bei dem man vor Scham oder aus reinem Unverständnis hinaus zuweilen sogar laut auflachen muss.

Obwohl Kim Ki-duks „Moebius – Die Lust, das Messer“ bei seiner Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg durchaus positiv aufgenommen wurde, ist ihm doch ein Kinostart ungerechtfertigter Weise verwahrt geblieben, weshalb dieser nun ab dem 11. Februar 2014 im Verleih von MFA+ direkt auf Blu-ray und DVD im Handel erhältlich sein wird. Die Bilder der Blu-ray sind mit 1080/24p gewohnt scharf und zuweilen innerhalb des Hauses sehr farbenfroh, während der Ton in DTS-HD 5.1 gut auf die Boxen abgestimmt ist (zur Erinnerung: keine Dialoge). Wie immer waren wir bei einem qualitativ hochwertigen Werk wie Kim Ki-duks neustem Film an den Extras des Mediums interessiert, um mehr über die Produktion des Films und vor allem der Intension des Regisseurs zu erfahren. Leider wurden wir in dieser Hinsicht diesmal sehr enttäuscht, denn dem Medium liegt mit Ausnahme des entsprechenden Trailers leider rein gar nichts an zusätzlichem Material bei, was mehr als nur enttäuschend ist.

Kim Ki-duk bricht mit „Moebius – Die Lust, das Messer“ erneut mit bestehenden Sehgewohnheiten, wenn er komplett ohne Dialoge eine 90-minütige Entmannung zelebriert, die nicht nur aufarbeitet, sondern in ebenso ausdruckstarken Bildern dargelegt werden muss. Zum ersten Mal zieht Ki-duk all dies jedoch zuweilen ins lächerliche, wenn er den sexuellen Höhepunkt durch Schmerz zur Farce verkommen lässt, bei dem der eine oder andere Zuschauer trotz der Härte des gezeigten laut loslachen muss.

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Moebius - Die Lust, das Messer

Länge: 88 min

Kategorie: Drama

Start: 11.02.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Moebius - Die Lust, das Messer

Moebius – Die Lust, das Messer

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 88 min
Kategorie: Drama
Start: 11.02.2014

Bewertung Film: (7,5/10)

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