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Lovelace

Geschrieben von Frank Schmidke am 16. Januar 2014

lovelace d25 _161.tifDas Duo hinter der Kamera, Rob Epstein und Jeffrey Friedkin, hat sich bislang vor allem mit biografischen Stoffen beschäftigt. Epsteins Doku über Harvey Milk gewann einen Oscar, „Howl“ das letzte vorangegangene Spielfilmprojekt der beiden befasst sich mit dem amerikanischen Dichter Allen Ginsberg. Nun also ein Biopic über die Pornoikone Linda Lovelace. Unter anderem mit Amanda Seyfried in der Titelrolle ist der Film prominent besetzt, aber alles andere als kontrovers oder gar explizit, sondern vor allem harmlos.

lovelace d04 _61.NEFLinda (Amanda Seyfried) wächst in den 1960ern in einer verschnarchten Kleinstadt auf. Ihre Eltern sind ziemlich wertkonservativ. Als sie dann Chuck Trayner (Peter Sarsgaard) kennenlernt, verfällt sie dessen Charme. Seine hippieeske Freizügigkeit in Sachen Sexualität färbt auch auf Linda ab. Aus Finanznot überredet Chuck Linda, die er inzwischen geheiratet hat, dazu in einem Porno mitzuspielen. Die Produzenten sind zunächst wenig begeistert von der Dorfschönheit mit den Sommersprossen, aber ihre außergewöhnlichen Fellatio-Fähigkeiten überzeugen dann doch. Der Pornofilm „Deep Throat“ erblickt 1972 das Licht der Kinosäle, wird zu einem Überraschungserfolg und gilt gemeinhin als profitabelster Film aller Zeiten. Der naiven Linda, die immer noch davon träumt, Schauspielerin zu werden, eröffnet sich die neue Welt der Reichen und Schönen.

kinopoisk.ruSechs Jahre später sieht die Realität ganz anders aus. Linda will ihre Autobiographie „ Ordeal“ veröffentlichen und muss sich zur Absicherung ihres Verlages  dazu einem Lügendetektortest unterziehen. Als Hausfrau und Mutter rechnet sie mit der Pornobrache ab und wird zu einer Aktivistin der Anti-Pornographie-Bewegung. In Lindas Rückschau erscheint vieles aus der damaligen Zeit in völlig anderem Licht. Chuck ist ein gewalttätiger Ehemann und zwingt seine Ehefrau in die Pornoszene.

In grobkörnigen, bunten Bildern entwerfen die Filmmacher Rob Epstein und Jeffrey Friedkin eine filmische Biographie, die vor allem viel Zeitgeist transportiert und ganz auf den Wandel von Linda Lovelace setzt. Dabei ist die Dramaturgie des Drehbuchs von Andy Bellin leider viel zu behäbig. Viele Dialoge gerinnen zu einer Ansammlung zeittypischer Klischees und die Figuren bleiben seltsam leblos. An den Besetzungen kann es nicht liegen, neben Amanda Seyfried und Peter Sarsgaard sind unter anderen James Franco, Robert Patrick, Bobby Canavale und die kaum zu erkennende Sharon Stone mit von der Partie.

kinopoisk.ru„Lovelace“ bleibt zu sehr an der Oberfläche kleben und es gelingt nicht, in das Innere der Figuren zu schauen. Die Zweiteilung des Films ist zugleich eine Beschränkung, es werden nur die „Deep Throat“-Phase und die „Ordeal“-Phase berücksichtigt. Dadurch entsteht ein Bild von Linda Lovelace, die eigentlich Boreman heißt und 2002 verstarb, das in seiner Eindeutigkeit als naives, ausgenutztes Dummchen, das sich nun zur Aktivistin gewandelt hat, definitiv die Realität verzerrt. Linda Lovelace hat auch noch nach „Deep Throat“ harmlose erotische Filmchen gedreht und zu der Zeit auch autobiographische Veröffentlichungen rausgebracht, in denen Pornografie als etwas Positives, Befreiendes dargestellt wurde. Später in ihrem Leben hat sie sich allerdings (zumindest teilweise) auch wieder von der feministischen Anti-Porno-Sichtweise distanziert und behauptet,von den Emanzen ausgenutzt worden zu sein – und sich wieder posierend vor die Filmkameras gestellt. All das verschweigt „Lovelace“ und man muss behaupten, bewusst, um eine harmlose, fernsehkompatible Filmbiographie zu sein, die vor allem von der schlüpfrigen Erwartungshaltung des Publikums zehrt, diese aber niemals auch nur ansatzweise erfüllt.

Auch das Bonusmaterial der DVD ist nicht in ganzer Linie überzeugend. Neben den Trailern und massenweise kurzen Interviews mit den Beteiligten, die allerdings zum überwiegenden Teil schon im Making of zu sehen sind, gibt es ein überflüssiges Featurette und eine vermeintliche Leseprobe von Lovelaces Biographie, die sich als schnöder Klappentext herausstellt. Das „Behind the Scenes“ und auch das „Making of“ waren bei der mir vorliegenden Blu-ray nur in Englisch verfügbar und die Pressekonferenz von der Berlinale 2013 enerviert mit schlecht ausgesteuerter Simultanübersetzung derart, dass die rund 40 Minuten kaum durchzustehen sind.

Alles in allem ist „Lovelace“ zwar gefällig aber auch ebenso überflüssig wie bedingt unterhaltsam. Wer sich mit dem Phänomen „Pornographie und gesellschaftliche Akzeptanz im Wandel der Zeit“ oder mit Hintergrundinfos zu „Deep  Throat“ auseinandersetzen möchte, ist hier definitiv verkehrt. Wer auf nette, fiktionale Biographien mit viel Zeitkolorit steht, kann an „Lovelace“ seine Freude finden, unter dem Vorbehalt, dass der Film in vielen Belangen auch verharmlosend ist.

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Wir vergeben daher 4 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Studiocanal

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Länge: 93

Kategorie: Biography, Drama

Start: 16.01.2014

cinetastic.de Filmwertung: (4/10)

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Info

Lovelace

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 93
Kategorie: Biography, Drama
Start: 16.01.2014

Bewertung Film: (4/10)

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