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Hannas Reise

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 3. Dezember 2013

Hannes Reise

Soziales Engagement ist chic? „Ökos“ kommen weiter? Kein Problem für Hanna, die BWL-Studentin kurz vor dem Abschluss, die sich bei einer vornehmen Unternehmensberatung vorstellt. Mit zwei Handgriffen wird aus der gerade noch stromlinienförmigen Überfliegerin eine Business-Frau mit leicht alternativem Touch. Dass man im Bewerbungsgespräch nach guten Taten gefragt wird, ist nicht aus der Luft gegriffen. Vor allem aber dient der Trend als schöner Aufhänger für Julia von Heinz‘ erfrischend leichte, aber keineswegs verharmlosende Reise in die deutsch-jüdische Vergangenheit.

Natürlich sind schon viele Filme über den Holocaust gedreht worden. Fragt man allerdings nach dem Verhältnis der heute 30- bis 40-Jährigen zur Geschichte ihrer Großeltern, wird es schon deutlich stiller. Robert Thalheim hatte mit „Am Ende kommen Touristen“ (2007) für seine Generation einen berührenden und von den Filmemachern der 1970er ganz unabhängigen Zugang gefunden, stand damit aber recht allein auf weiter Flur. Nun variiert seine zwei Jahre jüngere Regiekollegin Julia von Heinz das Thema auf ihre, ebenfalls ganz eigenständige Weise.

Hannes ReiseDie Regisseurin erzählt von eben jener Hanna (Karoline Schuch), die natürlich überhaupt kein „Öko“ ist. Mit ihren 26 Jahren tut sie alles, um sich so weit wie möglich von ihrer Mutter Uta (Suzanne von Borsody) abzusetzen, einer fast klischeehaften „68er“-Aktivistin, die in Nicaragua kämpfte und die Tochter in Berlin bei einer Freundin zurückließ. Ein halbes Jahr hat Hanna ihre Mutter zuletzt nicht mehr gesehen. Aber nun muss sie sich blicken lassen. Könnte ihr die Mutter, Leiterin der „Aktion Sühnezeichen“, doch eine Bestätigung über jene geplanten guten Taten fälschen, von denen Hanna gerade eben im Vorstellungsgespräch gefaselt hatte: mit geistig Benachteiligten in Israel zu arbeiten. Aber die Mutter denkt gar nicht daran, ihrer zynischen Tochter – „behinderte Juden zählen doppelt“ – den Gefallen zu tun. Nein, Hanna muss tatsächlich nach Tel Aviv reisen.

Dort angekommen, hat die ungeduldige Karrierefrau natürlich keine Augen für die Schönheit des Landes, die die bewegliche Kamera von Daniela Knapp später so unverbraucht zeigen wird. Hanna gibt sich als eingebildete Zicke und eckt überall an. Ihre schnippischen Kommentare und ihr Abscheu vor der „Holocaust-Keule“ prädestinieren sie aber auch für den widerspenstigen weiblichen Part einer romantischen Komödie. Denn sie muss sich mit dem Sozialarbeiter Itay (Doron Amit) herumschlagen, der recht dreist mit ihr flirtet und auch sonst einen ziemlich gewöhnungsbedürftigen Humor hat. Sehr zum Vorteil für ihre eigentliche Geschichte nutzt Julia von Heinz („Hanni und Nanni 2“) die angedeuteten Genre-Elemente aber nur als beschwingten Rahmen für die Begegnung zweier Kulturen, die eine bis in die dritte Generation nachwirkende Schuld verbindet.

Hannes ReiseMit ihrem flüssig erzählten Mix aus Heldinnen-Reise und Screwball-Comedy umschifft Julia von Heinz alle Klischee-Klippen und didaktischen Lehrstunden, die bei diesem Thema drohen. Stattdessen erzählt sie unverbraucht von den Lernprozessen ihrer Generation, die mit weitaus größerem Recht als Altkanzler Helmut Kohl die „Gnade der späten Geburt“ in Anspruch nimmt und glaubt, von null anfangen zu dürfen. Dass dabei ein differenziertes Bild von den dann doch unvermeidlichen Lernprozessen entsteht, liegt an dem klugen Drehbuch, das die Regisseurin gemeinsam mit Co-Autor John Quester frei nach Motiven von Theresa Bäuerleins Roman „Das war der gute Teil des Tages“ geschrieben hat. Mit der glaubwürdigen, weil zaghaft angedeuteten Entwicklung von Hannas Charakter und dem Fingerspitzengefühl für politisch nicht immer korrekte Witze verbindet sie die persönliche Geschichte ihrer Figuren mit dem großen Ganzen der aktuellen politischen Lage.

Wie „in einer Zeitmaschine“ kommt sich die rastlose Hanna in Israel vor. Da passt es ganz gut, dass die Behinderte, mit der sie arbeitet, die Uhr nicht lesen kann. Die Deutsche will es ihr mit ungebremstem Ehrgeiz beibringen, nicht ahnend, dass es manchmal ein Segen sein kann, keinen Zeitmesser am Arm zu tragen. Am Ende allerdings holt die Entschleunigung auch die vor ihrer Geschichte davonlaufende Protagonistin ein – in einem schönen, nicht zu aufdringlichen Abschluss der den Film leise durchziehenden Zeit-Symbolik.

„Mit Hannas Reise“ fragt Julia von Heinz nach dem Verhältnis ihrer Generation zur Schuld der Großeltern. Das tut sie, anders als die „68er“, ohne die ideologische Brille der direkt Nachgeborenen. Stattdessen wirft sie als Enkelin einen unvoreingenommenen, aber dennoch nicht unkritischen Blick darauf, wie Holocaust bis ins dritte Glied nachwirkt.

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Copyright: Zorro Filmverleih

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Hannes Reise

Länge: 100 min

Kategorie: Romance

Start: 23.01.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Hannas Reise

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 100 min
Kategorie: Romance
Start: 23.01.2014

Bewertung Film: (7/10)

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