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Die wilde Zeit

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 4. Dezember 2013

Die wilde Zeit

Der ehemalige Filmkritiker und heutige Filmemacher Olivier Assayas ist nicht unbedingt dafür bekannt viele seiner Werke dem deutschen Publikum zu präsentieren, umso genauer muss man jedoch hinschauen, wenn sich doch einmal ein Verleih einem seiner Filme annimmt. Mit „Die wilde Zeit“ präsentiert Assayas nun ein weiteres autobiografisches Werk, das sich in erster Linie der Generation nach 1968 widmet, die ihren Platz im Leben erst noch finden musste.

Paris im Jahre 1971: In einem Vorort der französischen Hauptstadt versucht Gilles (Clement Metayer) zusammen mit seinen Freunden Christine (Lola Créton) und Alain (Felix Armand) das politische Leben an ihrer Schule zu prägen, denn neben diversen linksgerichteten Flugblättern versuchen diese ebenso mit gezielten Aktionen für Unruhe zu sorgen. Als Alain bei einer dieser Aktionen eine Person schwer verletzt diesem geraten nach dem Abitur erst einmal ins Ausland zu gehen, woraufhin sich die drei Freunde nach Italien verabschieden. Dort treffen sie auf eine ausgeprägte linke Szene, doch wo sich Alain zu einer Amerikanerin hingezogen fühlt, versucht sich Christine im Bereich der visuellen Propaganda bei einem Filmteam junger Kommunisten. Gilles findet in alledem keine Zukunft und so zieht es ihn zurück nach Paris, um dort sein Kunststudium zu beginnen. Zwischen künstlerischen Ambitionen und linksgerichteten Aktionen versucht Gilles sein Platz im Leben zu finden, doch genauso wie seine Freunde soll auch sein gezogenes Fazit eher ernüchternd bleiben…

Die wilde ZeitSeit seinem Debüt im Jahre 1979 kann der ehemalige Filmkritiker des Cahier du Cinema auf ganze 26 Veröffentlichungen zurückblicken, bei denen er vom Kurz-, über den Spiel- bis hin zum Kinofilm fast alles versuchte. Wirklich wahrgenommen wurde Olivier Assayas jedoch erst im Jahre 2010, als dieser bei den Filmfestspielen von Cannes seine dreiteilige Mini-Serie „Carlos – Der Schakal“ präsentierte, der bei Kritikern wie auch Publikum unerwartet positiv aufgenommen wurde. Mit seinem neusten Werk versucht sich Assayas nun jedoch wieder im Kino Gehör zu verschaffen, wenn er erneut ein biografisch angehauchtes Drama präsentiert, dass sich um die Wirren der 70er Jahre dreht, als die Jugend nach dem Mai 1968 orientierungslos ihren Platz im Leben suchte.

Der französische Titel von „Die wilde Zeit“ ist mit „Après Mai“ aus historischer Sicht womöglich wesentlich besser gelungen, denn was uns Olivier Assayas mit seinem neusten Film in erster Linie zu sagen versucht, bezieht sich rein auf die wenigen Jahre nach besagtem Mai des Jahres 1968, als die Jugend auf jene Revolution wartete, die ihnen nur wenige Jahre vorher noch versprochen wurde. Anstatt nun aber auf Bilder revolutionierender Massen und die dazugehörigen Straßenschlachten zu bauen, versucht Assayas das Innere seiner Figuren auszuloten und das entsprechende Gefühlsleben in Bilder zu fassen.

Die wilde ZeitEs ist dabei völlig egal aus welcher Schicht die Menschen kamen, ob sie gebildet waren, der breiten Mittelschicht entsprangen oder gar Wurzeln außerhalb Frankreichs hatten, die Grundstimmung war vielerorts linksgerichtet, woraufhin sich entsprechendes Gedankengut und politisch organisierte Aktionen ergaben. Wie aber sah es in jenen jungen Menschen aus die sich gerade auf das Ende ihrer schulischen Ausbildung zubewegten, wie ging es weiter und wo sollte ihr Platz im Leben sein?

Mit genau diesen Fragen versucht sich Olivier Assayas zu beschäftigen, wenn er anhand dreier Figuren ein Leben über mehrere Jahre hinweg zu zeichnen versucht, dass sehr an seinen eigenen Erfahrungen und seinem Leben angelehnt ist. Da haben wir den radikalen der Gruppe dem einfache Flugblätter nicht mehr reichen, die junge Frau die sich lieber im linksgerichteten Film orientieren möchte, während mit Gilles ein angehender Künstler versucht seinen Platz im Leben finden und mit der Zeit beginnt Parolen und Ideologien infrage zu stellen. Bei genau dieser historischen Herangehensweise hätte man sich schnell in vielen Klischees verlieren können, in einer Art übereifriger Dokumentation um die damaligen Verhältnisse möglichst detailgetreu abzubilden und zu rechtfertigen, Assayas jedoch gelingt das Kunststück offen und ohne sich rechtfertigen zu müssen ein zeitgenössisches Abbild der damaligen Zeit zu erschaffen, das nicht nur das Gefühl der damaligen Jugend, sondern ebenso jene Stimmung des Aufbruchs einfängt, dass am Anfang der 70er Jahre omnipräsent gewesen zu sein schien.

Die wilde ZeitNeben der rein visuellen Umsetzung dieser historischen Epoche kommen aber auch Zitate aus berühmten Schriften dieser Zeit vor, Gruppierungen wie Trotzkisten, Maoisten, Situationisten werden nicht nur beim Namen genannt, während bei alledem stets das Gefühlsleben der Figuren im Vordergrund steht. Für manche Zuschauer wird genau dies womöglich ein Gefühl der Langeweile aufkommen lassen, denn wenn man beinahe zwei Stunden dem Liebesleben und den umherschweifenden Gedanken eines angehenden Kunststudenten zusehen muss, ist dies nicht unbedingt die spannende Unterhaltung, die man uns im Vorfeld womöglich hat glauben machen wollen. Für alle anderen die sich auf diese gedankliche Ebene einlassen können, bietet „Die wilde Zeit“ wunderbare Unterhaltung, bei der nicht nur der historische und zeitgenössische Ansatz zu keiner Zeit zu kurz kommt, sondern ebenso nicht die wunderbare Soundkulisse, die mit Stücken der 70er Jahre unterlegt ist.

Für all jene die Olivier Assayas „Die wilde Zeit“ seinerzeit im Kino verpasst haben, bietet sich nun die erneute Chance, denn der NFP Filmverleih bringt das außergewöhnliche zeitgenössische Porträt ab dem 5. Dezember 2013 noch einmal auf Blu-ray und DVD in den Handel. Das Bild der Blu-ray ist mit 1080/24p gewohnt scharf und zeichnet sich durch sehr reichhaltige Farben aus, während der Ton in DTS-HD 5.1 in deutscher wie auch französischer Sprache wunderbar auf die Boxen abgestimmt ist. Für all jene die etwas mehr zur Entstehung des Filmes erfahren möchten, wurde natürlich entsprechendes Material hinterlegt, dass diesmal jedoch recht übersichtlich gehalten ist. Neben einem kleinen psychodelischen Lichtspiel gibt es ein etwa 16-minütiges Making Of, in welchem nicht nur Olivier Assayas zu Wort kommt und über den Film erzählt, sondern ebenso seine Darsteller.

Olivier Assayas „Die wilde Zeit“ ist ein wunderbares Zeitporträt einer Generation die versuchte ihren Platz im Leben zu finden und sich dabei mit allerhand gegensätzlichen Entwicklungen auseinandersetzen musste.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: NFP

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Die wilde Zeit

Länge: 122 min

Kategorie: Drama

Start: 05.12.2013

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Die wilde Zeit

Die wilde Zeit

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 122 min
Kategorie: Drama
Start: 05.12.2013

Bewertung Film: (7,5/10)

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