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Staudamm

Geschrieben von Frank Schmidke am 28. November 2013

ct-Am_Damm_021Während ich mich der Rezension von Thomas Siebens zweitem Spielfilm „Staudamm“ nähere, lerne ich bei Wikipedia, dass es einen extra Eintrag für „Amoklauf an Schulen“ gibt und das Thema mit dem „Fachterminus School Shooting“ bezeichnet wird. Mit der sich stellenden Frage, ob das noch Wissenschaft ist oder einfach nur absonderlich, ist das Fass schon aufgemacht und die Thematik, mit der sich das deutsche Drama „Staudamm“ auseinandersetzt, sorgt schon vorab für Beklemmung und die Panik, dass eine filmische Annährung versagt. Ist aber nicht der Fall.

ct-Roman_liest_Tagebuch0011Der Mittzwanziger Roman (Friedrich Mücke) jobbt recht orientierungslos für den Münchener Staatsanwalt Dr. Scheid (Dominick Raake). Er spricht Prozessakten ein, um dem Juristen Zeit zu ersparen. Sein jüngstes Projekt sind die Akten eines Amoklaufes an einem bayrischen Dorfgymnasium. Auf die Frage des Anwalts was Roman denn von dem Phänomen halte, fällt dem Desinteressierten nichts ein. Den Job hat er eigentlich auch nur bekommen, weil Scheid Romans Mutter einen Gefallen tun wollte.

Dann wird es notwendig, dass Roman noch einige Akten bei der dörflichen Polizeistelle abholt und widerwillig macht er sich auf den Weg. Doch er kriegt die Akten nicht sogleich vollständig ausgehändigt und muss tagelang warten.  Zufällig trifft er Laura (Liv Lisa Fries), die ihn anspricht und anbietet, ihm die Schule zu zeigen, wo vor einem Jahr der Schüler Peter um sich geschossen hat und die seit damals ungenutzt ist. Erst später realisiert Roman, dass er Laura bereits von ihren Aussagen her kennt und sie eine Überlebende des Amoklaufes an der Schule ist.

ct-Christkindlmarkt1Das Ungewöhnliche und auch Herausragende an „Staudamm“ ist, dass hier nicht die Täterperspektive und Entwicklung des Amokläufers genutzt wird, um sich der Thematik zu nähern, sondern aus der Retrospektive eine tastende Aufarbeitung beginnt. Dabei nehmen die beiden Protagonisten ganz unterschiedliche Rollen ein: Laura als direkt Betroffene plagt sich noch immer mit ihrem Trauma herum, während Roman die analytische und anfangs auch distanzierte Perspektive einer nur medial betroffenen Öffentlichkeit widerspiegelt. Durch die Freundschaft der beiden Figuren entsteht auch eine aktive Auseinandersetzung mit dem tragischen, brutalen Phänomen. Romans Arbeit während dieser Zeit, das Einlesen der Prozessakten, sorgt für eine weitere, rational bürokratische Perspektive, die sich als roter Faden durch den Film zieht.

ct-Am_Damm_01Das Drehbuch von Christian Lyra, der den Film auch produzierte und schon 2009 mit Regisseur Thoms sieben zusammenarbeitete („Distanz“), ist ebenso nuanciert wie facettenreich kommt aber jederzeit ohne Betroffenheitsvertraulichkeit und reißerische Inszenierung aus. Das ist auch den beiden grandiosen Darstellern  zu danken, die ihre Rollen mit erstaunlich realistischer  Sachlichkeit und bar jeden Overactings interpretieren. Die Kamera folgt Roman dabei mit einer angenehm unaufdringlichen Nähe und zieht den Zuschauer so langsam aber umso nachdrücklicher in den Themenkomplex „Unverständliche Gewalttaten und Amokläufe“.

Einzig der Einstieg in den Film ist übermäßig sperrig geraten, denn Romans Lebenssituation wird auf recht enervierende Weise etabliert und überdramatisiert. Dass der junge Mann mit seiner Umwelt und sich selbst wenig anfangen kann, wird schnell klar.  Da hätte es nicht noch des Auftritts seiner Freundin bedurft, die er mal eben für ein Computerspiel versetzt hat; und die auch jetzt ignoriert wird, bis sie sich Schluss machend aus dem Bild bewegt. Danach entfaltet „Staudamm“ sein Sujet sehr souverän und weiß auf vielen Ebenen zu überzeugen. Die unterschiedliche Erzählebenen fügen sich zu einem stimmigen Gesamtbild, dass zwar immer noch nicht nachvollziehbar macht, warum junge Menschen ihre Umwelt in den Tod reißen, aber die Befindlichkeiten vor, während und nach der undenkbaren Tat auf vielschichtige Weise auslotet. Gesellschaftliche Fragestellungen kommen ebenso zum Tragen, wie emotionale Betroffenheit und die Möglichkeiten der psychologischen Aufarbeitung.

„Staudamm“ ist ein wichtiger und emotional wuchtiger Film, der sich dem Thema Amoklauf auf ungewöhnliche, aber sehr gelungene Weise nähert. Ohne didaktischen Duktus zeigt „Staudamm“ viele Facetten der Thematik, die zum Nachdenken anhalten, und weiß dennoch vor allem emotional zu überzeugen.

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Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Mixtvision Filmverleih

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Länge: 88 Min.

Kategorie: Drama, Romance

Start: 30.01.2014

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Staudamm

Geschrieben von Frank Schmidke

Länge: 88 Min.
Kategorie: Drama, Romance
Start: 30.01.2014

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