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Moebius

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 1. Oktober 2013

Moebius

Wenn man über den Koreaner Kim Ki-duk spricht so werden stets die Meinungen auseinander laufen, denn während dieser vor zwei Jahren eine Schaffenspause für die Verarbeitung eines tragischen Ereignisses einlegte, ist er seit seinem Venedig Gewinner „Pieta“ (2012) gestärkt zurückgekehrt, sodass er den Zuschauer mehr denn je traumatisiert. Mit seinem neusten Film „Moebius“ setzt Ki-duk erneut auf die traute Zweisamkeit einer Familie, wenn er die Entmannung eines heranwachsenden Jungen als Ausgangsbasis nimmt bestehende Vorurteile aufzugreifen, um diese anschließend zu zerschmettern.

Die psychisch labile und von ihrem Mann (Cho Jae-Hyun) betrogene Ehefrau (Lee Eun-woo) weiß keinen Ausweg mehr und so sucht sie eines Nachts mit einem Opferdolch bewaffnet ihr Schlafzimmer auf, um sich an ihrem Mann zu rächen. Stattdessen wacht dieser in einem Moment des klaren Gedankens auf, erkennt deren Plan und wirft sie aus dem Zimmer heraus. Innerlich gebrochen besucht sie nun das Zimmer ihres rund 15-jährigen Sohnes (Seo Young-Joo) und schneidet diesem sein Glied ab, schlingt es herunter und rennt beschämt aus dem Haus, während der Vater sein bestmögliches unternimmt, um seinen Sohn ins nächste Krankenhaus zu bringen. Dieser wird schon bald in der Schule durch seine Klassenkameraden gemobbt, nimmt unfreiwillig an der Vergewaltigung einer Ladenbesitzerin teil, währenddessen sein Vater im Internet nach Möglichkeiten sucht, um seinem Sohn Sex ohne Glied zu ermöglichen…

MoebiusBlickt man auf die verstörenden Folterszenen aus dem letztjährigen Venedig-Gewinner „Pieta“ zurück, so dürfte dem einen oder anderen bereits wieder ganz anders werden. Für alle jene bei denen genau dies zutrifft sei bereits im Vorfeld von „Moebius“ gesagt, was Kim Ki-duk hier auf die Beine gestellt hat entbehrt jeglicher Beschreibung, denn hier lässt der offensichtliche Frauenhasser nicht nur erneut eine Frau vergewaltigen, er spitzt dies gleichwohl in einer Verarbeitung sexueller Phantasien zu, die ein Freud wohl nur zu gern analysiert hätte.

So verrückt es auch klingen mag, tief im inneren ist Kim Ki-duk’s „Moebius“ dann doch schlüssig, denn wenn eine psychisch labile Frau schon mit ansehen muss wie ihr Mann es im Auto mit einer anderen treibt, was liegt dann näher ihm genau dieses Geschlechtsteil abzuschneiden? Das es dann ausgerechnet den Sohn treffen soll kann man irgendwie vielleicht auch noch begründen, dass sie besagtes Geschlechtsteil dann allerdings herunter schluckt und aus Scham davon läuft, mag dann womöglich doch etwas weit hergeholt sein. Wie auch immer, die Dame ist der Ausgangspunkt einer Beziehung zwischen Vater und Sohn die irgendwie gekittet werden muss, die sich durch dieses tragische Ereignis erst auf einem Weg der Besserung befindet und so lässt selbst der Vater sich durch einen Eingriff entmannen, um seinem Sohn ein besser Vater und etwas näher zu sein.

MoebiusEs mögen Schuldgefühle gewesen sein die ihn dazu getrieben haben, womöglich innere Ängste und eine aufkommende Verzweiflung, für Kim Ki-duk ist es vor allem der Ausgangspunkt einer sexuellen Revolution zweier entmannter Männer, die nun irgendwie versuchen müssen zum Höhepunkt zu kommen. Der Sohn lässt sich gut 15 Minuten von den verschiedensten Menschen schikanieren und nimmt zusammen mit einigen anderen Jugendlichen sogar bei einer Massenvergewaltigung teil (er tut natürlich nur so als ob…), während Papa brav im Internet recherchiert, wie weit denn die aktuelle Forschung im Bereich der Transplantation eines Penis ist.

An dieser Stelle jedoch verweigert Forschung und Medizin eindeutige Resultate und es muss sich nach anderweitigen Methoden umgesehen werden, wenn man schon nie mehr im Leben Sex mit einer Frau haben wird, geschweige denn masturbieren kann. Genau an dieser Stelle bricht Kim Ki-duk nun mit den bekannten Sehgewohnheiten, wenn er seinen Film stellenweise in eine Komödie umbrechen lässt, denn nun geht es in erster Linie darum, wie sich beide durch das zufügen von Schmerzen zum Höhepunkt treiben. Es wird sich mit Steinen die Haut blutig geschabt, Messer in den Rücken gerammt und daran gewackelt bis das Sperma nur so fließt und beide im Höhepunkt berauscht zusammen sinken, um nur Sekunden später den zugefügten Schmerz zu realisieren und in lautem Geschrei auszubrechen.

MoebiusDieses Geschrei ist es auch, was „Moebius“ letztendlich überhaupt auflockert, denn trotz seiner sehenswerten und überaus farbenfrohen Bilder verzichtet Kim Ki-duk hier doch komplett auf jedwede Dialoge. Es wird zuweilen geschrien, gestöhnt, geächzt und voller Wut im Gesicht ersichtlich auf Menschen eingetreten, doch wer während dieser fast anderthalb Stunden auch nur ein einziges Wort erwarten würde, befindet sich wohl im falschen Film. Worte sind in „Moebius“ aber auch gar nicht nötig, denn dies ist ein Film der Gesten, einer ausdruckstarken Mimik und der ganz großen Gefühle, die sich der Zuschauer zuweilen jedoch hinzudenken muss.

Gerade dieses hinzudenken von Grenzüberschreitungen macht „Moebius“ zuweilen so unerträglich anzuschauen, denn Kim Ki-duk zelebriert den Schmerz nicht nur, er lässt ihn den Zuschauer förmlich spüren. Für die einen oder anderen werden gerade diese oft ins lächerliche gezogene Szenen erheiternd wirken, ganz andere drehen sich angewidert um und verlassen schweigend den Kinosaal. Was aber bezweckt Ki-duk damit nun letzten Endes? Kim polarisiert, er versucht ähnlich wie Lars von Trier die letzten Tabus zu brechen, mit den Phantasien des Zuschauers zu spielen, nur um diese dann doch zu negieren. In Korea wurde eine letzte Szene der Inzucht sogar noch zur Traumsequenz umgewandelt und der Film dennoch in die Spätvorstellungen verschoben, waren sich die Verantwortlichen doch nicht zu hundert Prozent sicher, ob der Film der Zensur gänzlich zum Opfer fallen würde.

Kim Ki-duk bricht mit „Moebius“ erneut mit bestehenden Sehgewohnheiten, wenn er komplett ohne Dialoge eine 90-minütige Entmannung zelebriert, die nicht nur aufarbeitet, sondern in ebenso ausdruckstarken Bildern dargelegt werden muss. Zum ersten Mal zieht Ki-duk all dies jedoch zuweilen ins lächerliche, wenn er den sexuellen Höhepunkt durch Schmerz zur Farce verkommen lässt, bei dem der eine oder andere Zuschauer trotz der Härte des gezeigten laut loslachen muss.

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Moebius

Länge: 89 min

Kategorie: Drama

Start: Offen

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Info

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Moebius

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 89 min
Kategorie: Drama
Start: 01.01.1900

Bewertung Film: (7,5/10)

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