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Stray Dogs

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 29. September 2013

Stray Dogs

Der in Malaysia geborene Regisseur und Drehbuchautor Tsai Ming-Liang hat wohl fast alles an renommierten Festivalpreisen gewonnen was es zu gewinnen gibt und dennoch sind seine Filme immer so speziell, dass sie nicht jeden begeistern können. Bei der Berlinale gewann er bereits zwei Mal den Silbernen Bären, doch während sein Beitrag „Der Fluß“ (1997) noch für die meisten nachvollziehbar war, konnte sein Softporno „Das Fleisch der Wassermelone“ (2005) so manchen Kritiker verstimmen. Sein neustes Werk namens „Stray Dogs“ gewann nun den Großen Preis der Jury in Venedig, womit er erneut die Diskussion um seine Person entfachte, ist doch auch dieser Film bei weitem keine einfache Kost.

Ein namenloser Mann (Kang-sheng Lee) hat es beim besten Willen nicht leicht, denn während dieser von seiner Frau verlassen allein seinen Sohn (Yi Cheng Lee) und seine Tochter (Yi Chieh Lee) großziehen muss, versucht er mit jedem noch so kleinen Nebenjob genug Geld zu verdienen, um das Überleben zu sichern. Des Tags steht er mit einem Schild in der Hand an den Hauptstraßen von Taipeh und weist auf Luxuswohnungen hin, während es die drei des Nachts in die verschiedensten Unterkünfte zieht, haben sie doch keine eigene Wohnung.

Eines Tages tritt eine unbekannte Frau aus dem Supermarkt in das Leben der drei, denn während die beiden Kinder im Einkaufszentrum herum tollen und sich mit Nudelproben zu ernähren versuchen, widmet sie sich mehr und mehr dem Mädchen. Am Anfang wird sich nur um die Körperhygiene auf der Toilette gekümmert, schon bald tritt sie jedoch auch ins Leben des Vaters, der von alledem nicht unbedingt angetan ist. Als sie beginnt den Kindern Geschichten zum einschlafen vorzulesen und dem Mann einen Geburtstagskuchen zu backen, eskaliert die Situation…

Stray DogsWer erinnert sich nicht noch an den Berlinale-Beitrag von Regisseur und Drehbuchautor Tsai Ming-Liang, als dieser mit „Das Fleisch der Wassermelone“ einen Film vorstellte, den man irgendwo zwischen Drama, Komödie, Musical und Softporno ansiedeln könnte. Die Kritiker verließen damals mit überaus geteilter Meinung die entsprechende Vorstellung, denn während die einen kopfschüttelnd den Film zerrissen, sahen ganz andere wunderbare Ansätze in diesem Film, die man jedoch selber erst einmal finden musste. Mit „Stray Dogs“ verhält es sich fast genauso, denn wo andere Regisseure versuchen eine Geschichte zu erzählen, präsentiert Ming-Liang bestenfalls Sequenzen, die man selber aneinander Reihen und mit Leben füllen muss.

Im Mittelpunkt von Ming-Liangs Erzählung steht eine Familie am Rande der Gesellschaft, die trotz Arbeit unter den schlimmsten Bedingungen nicht genug Geld zum Leben hat, weshalb diese nicht nur indirekt auf der Straße hausen, sondern sich zumeist auch im Supermarkt durch Essensproben den Magen füllen müssen. Dies alles wird in einzelnen Sequenzen dem Zuschauer präsentiert, in denen der namenlose Vater beispielsweise am Straßenrand einer mehrspurigen Fahrbahn in Taipeh steht und dort bei Wind und peitschendem Regen mit einem Schild in der Hand Luxuswohnungen bewirbt. Die Szenerie wechselt plötzlich wieder, nun sehen wir zwei Kinder durch den Wald streifen, am Wasser spielen, während in der nächsten Szene bereits wieder eine Supermarkt Dame ihre Hände wäscht.

Stray DogsWas soll all dies wird sich so mancher Zuschauer in der ersten der fast zweieinhalb Stunden fragen, denn all diese Sequenzen bilden keinen roten Faden und erzählen nicht einmal eine Geschichte. An genau dieser Stelle ist der Zuschauer selbst gefragt, denn diesem obliegt es die einzelnen Szenen zu verbinden, sich den Teil dazwischen selber auszumalen und so jenen Handlungsbogen weiterzuspinnen, den Ming-Liang im Ansatz vorgibt, jedoch stets in der Hand des Zuschauers belässt.

Es ist aber weniger die Geschichte selber die Ming-Liang am Herzen liegt, es sind vielmehr die fast statischen Bilder, wenn er minutenlang auf seine Protagonisten mit der Kamera hält. So sehen wir den Vater regungslos Wind und Wetter trotzen während die Kamera das Gesicht vollständig einfängt, wir sehen ihn in Echtzeit ein komplettes Mittagessen verschlingen, während dieser sich in einer ganz anderen markanten Szene einem Kohlkopf widmet. Den als Frau verkleideten Kohlkopf erstickt er erst mit dem Kopfkissen, dann sticht er diesem mit den Fingern die Augen aus, bis er ihn schließlich verschlingt und dabei in Tränen ausbricht. Genau diese Szenen verlangen den Hauptdarstellern alles ab, denn während sie zumeist komplett aus sich herausgehen und die Kamera all dies über mehrere Minuten komplett ohne Schnitte einzufangen versucht, berichten die Augen doch in erster Linie von Einsamkeit, Leid und Verzweiflung.

Obwohl dies zuweilen wunderschön anzusehen ist, so ist „Stray Dogs“ bei weitem kein einfacher Film, da sich der Zuschauer darauf konzentrieren und sich auf diesen auch komplett einlassen muss. Beizeiten wäre ein kleiner Handlungsfaden durchaus angebracht gewesen, denn obwohl man sich mit viel Phantasie die Geschichte von Armut und dem Leben am Rande der Gesellschaft durchaus denken kann, wird so mancher Zuschauer damit doch überfordert sein.

Mit „Stray Dogs“ geht Tsai Ming-Liang seinen Weg der ungewöhnlichen Filme konsequent weiter, denn wenn dieser mit seinen Sequenzen dem Zuschauer ungemein viel abverlangt, präsentiert er doch wunderschöne Bilder, in denen seine Darsteller zuweilen zur Höchstform auflaufen.

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Filmfest Hamburg 2013

Länge: 138 min

Kategorie: Drama

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Filmfest Hamburg 2013

Stray Dogs

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 138 min
Kategorie: Drama
Start: 01.01.1900

Bewertung Film: (7/10)

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