cinetastic.de - Living in the Cinema

Stoker – Die Unschuld endet

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 4. September 2013

Stoker - Die Unschuld endet

Wenn der koreanische Regisseur Park Chan-Wook einen Film dreht dann hört man auf, wenn dieser plötzlich seinen ersten und rein in Englisch gedrehten Hollywoodfilm anstrebt, wird man zumindest skeptisch. Mit „Stoker – Die Unschuld endet“ konzipierte Park Chan-Wook nun einen für ihn ganz und gar untypischen Film, der einerseits seine Parallelen in vielen vergleichbaren Werken sucht und diese offen huldigt, andererseits eine doch recht ungewöhnliche Coming-Of-Age Geschichte eines jungen Mädchens erzählt, die sprichwörtlich von ihrer Familie erdrückt wird.

Ausgerechnet an ihrem 18. Geburtstag verliert India (Mia Wasikoska) bei einem Autounfall ihren Vater Richard (Dermot Mulroney), die einzige Bezugsperson, mit der sie jemals etwas anfangen konnte. Ihre apathische Mutter Evelyn (Nicole Kidman) weis dem nur wenig entgegenzusetzen und so verliert sich India in tiefer Trauer, bis plötzlich bei der Beerdigung ihres Vaters ein lange verschollen geglaubter Mann auftaucht. Besagter Mann ist Charlie (Matthew Goode), der geheimnisvolle Bruder ihres Vaters, von dem niemand lange Zeit wusste, wo er sich aufhalten würde. Überraschend schnell vergisst ihre Mutter die Trauer, eine Beziehung zwischen Charlie und Evelyn bahnt sich an, doch letztendlich ist dieser nur an India interessiert. Während Charlie mit dem einen oder anderen ungeschickt ausgeführten Mord auf sich aufmerksam macht, fühlt sich India magisch zu diesem hingezogen…

Stoker - Die Unschuld endetEin jedes Jahr landen eine ganze Reihe Drehbücher auf der sogenannten Black List, eine Ansammlung an potentiell vielversprechenden Drehbüchern, die wegen diverser Umstände einfach keine Umsetzung erfahren haben. Im Jahre 2010 landete auf genau dieser Liste das Drehbuch zu „Stoker – Die Unschuld endet“, verfasst von einem absolut unbekannten Autor. Besagter Name des Autors entpuppte sich später als ein Pseudonym, der Name des Hundes von „Prison Break“ Darsteller Wentworth Miller (Underworld), der einfach nur Angst hatte, dass sein erstes Werk nur wenig zur Kenntnis genommen werden würde. Letztendlich ist genau das Gegenteil davon in Kraft getreten, denn nicht nur das sich die verschiedensten namenhaften Regisseure um den Stoff bemühten, letztendlich bekam der bekannte koreanische Regisseur Park Chan-Wook (Oldboy) den Zuschlag, der mit seiner eigenwilligen Art fast immer überzeugen konnte.

Bereits der Anfang von „Stoker – Die Unschuld endet“ beginnt überaus geheimnisvoll, wenn wir eine bis dato vollkommen unbekannte junge Frau am Rande eines Feldes stehen sehen, der Wind langsam mit den Zipfeln ihres Rockes zu spielen beginnt, während das Bild selber immer wieder von kurzen Unterbrechungen gezeichnet ist. Es folgt eine Blende hinein in ein Haus aus der viktorianischen Zeit, wir sehen besagtes Mädchen erneut, wie sie stumm, einsam und vollkommen allein in einem Raum sitzt, während sie mit ihrem blassen Teint die leblose Wand anstarrt. Ihre Mutter kommt herein, apathisch, unfähig die Situation zu bewältigen, unfähig mit der eigenen Tochter zu sprechen. „Früher musste man zwei Jahre Trauer tragen“ sagt die Tochter, die Mutter wendet sich ab und geht.

Stoker - Die Unschuld endetGenau jene beschriebenen Bilder sehen wir nun in den nächsten fast 100 Minuten, während die Dialoge stets überaus reduziert dargeboten werden. All dies liegt weniger daran das Park Chan-Wook nun seinen ersten rein englischsprachigen Film dreht, es liegt auch nicht daran das er selber kaum ein Wort des englischen mächtig ist, es liegt vor allem an der entsprechenden Bildsprache, welche zumeist den Part der Dialoge zwischen den Protagonisten komplett übernimmt. In „Stoker – Die Unschuld endet“ findet man in genau dieser Bildsprache Anleihen aus bestimmt 50 verschiedenen Filmen die jedoch alle stets eines gemein haben, sie entführen uns in eine Geschichte, in der nichts so sein soll wie es letztendlich ist.

Am ehesten könnte man „Stoker – Die Unschuld endet“ wohl mit einigen typischen Werken von Alfred Hitchcock vergleichen, denn so wie der Master of Suspense uns mit vielen Filmen in die Irre führen konnte, werden wir auch hier stets mit Hinweisen gefüttert, die letztendlich ins Leere laufen. Oft hat man als Zuschauer das Gefühl den doppelten Boden erkannt zu haben, den Wunsch einen jeden Hinweis noch einmal zu sehen, diese aneinander zu reihen und schlussendlich das Ergebnis laut hinaus zu schreiben, glaubt man doch insgeheim der Lösung des Ganzen ein wenig näher gekommen zu sein. In „Stoker – Die Unschuld endet“ ist genau das Gegenteil der Fall, denn so geschickt Park Chan-Wook die Hinweise auch ausstreut, fast alle verlieren sich stets ins leere und gaukeln uns so eine Wirklichkeit vor, die gar nicht existiert. Wie sagt man doch so schön, oft liegen die Lösungen im offensichtlichen, was Park Chan-Wook mehr denn je praktiziert.

Stoker - Die Unschuld endetDie einen oder anderen werden sich nun mit Sicherheit fragen, was hat Park Chan-Wook eigentlich mit diesem Thriller zu tun, unterscheidet dieser sich doch ungemein von seinen letzten Werken „Oldboy“,  „Lady Vengeance“ und „Dust“, in denen es vornehmlich überaus brutal zuging, während genau diese Brutalität mit einer recht eigenwilligen Bildsprache förmlich untermauert wurde? Im Grunde könnte man sagen das Park Chan-Wook das Genre komplett – zumindest für diesen Film – gewechselt hat, was einerseits als Versuch angesehen werden kann einmal etwas komplett anderes zu erschaffen, andererseits aber auch als Möglichkeit, mit den bekannten Sehgewohnheiten eines Thrillers zu brechen, fügt er hier doch seinen ganz eigenen Stil hinzu.

Was man letztendlich von diesem Versuch halten mag muss jeder für sich entscheiden, denn obwohl die gewohnte Brutalität hier nur im Ansatz zu erkennen ist, ist „Stoker – Die Unschuld endet“ ein ungemein starker und atmosphärisch tiefer Thriller mit einem überaus gelungenen Drehbuchdebüt von Wentworth Miller, das sich sehen lassen kann. Die Form der zurückgezogenen Dialoge passt perfekt in das viktorianische Setting an dem man nie auch nur im Ansatz erkennen kann wann der Film überhaupt spielen soll, während die Bildsprache von Kameramann Chung Chung-hoon (Boulevard) erneut über alles erhaben ist und sich nicht im Ansatz hinter jener eines Terrence Malick zu verstecken braucht.

Stoker-2Wie aber ist es um die Darsteller bestellt, die im Grunde doch kaum Dialoge haben? Im Vorfeld der Dreharbeiten zu „Stoker – Die Unschuld endet“ machten gerade die Darsteller von sich reden, denn während alle drei Hauptrollen gleich mehrfach umbesetzt wurden, setzten sich schließlich Mia Wasikoska (Alice im Wunderland), Matthew Goode (Watchmen: Die Wächter) und Nicole Kidman (The Others) durch, was man so auch nur beglückwünschen kann. Egal ob das Nicole Kidman mit ihrem Spiel als apathische Mutter ist, Goode als sich nur langsam offenbarender Psychopath oder Mia Wasikoska als depressive India die nur langsam beginnt aufzutauen. Sie alle haben ihre Rolle mit Bravour gemeistert, was insbesondere bei Nicole Kidman nicht mehr ganz selbstverständlich ist.

Ab dem 20. September 2013 ist Park Chan-Wooks „Stoker – Die Unschuld endet“ im Verleih von 20th Century Fox Home Entertainment auf Blu-ray und DVD im Handel erhältlich und vornehmlich all jenen zu empfehlen, die gute Thriller zu schätzen wissen. Das Bild der Blu-ray ist mit 1080/24p gewohnt scharf und reich an Farben, während der Ton in DTS-HD 5.1 (DVD in Dolby Digital 5.1) in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch gut auf die Boxen abgestimmt ist. Wie immer waren wir insbesondere an den Extras des Mediums interessiert, bei denen wir nicht enttäuscht wurden. Es gibt neben einem Blick hinter die Kulissen ein entsprechendes Feature zur Entstehung des Filmes, einige entfallene Szenen die es leider nicht in die finale Fassung des Filmes geschafft haben sowie Szenen von der Premiere im London Curzon Soho Theatre, bei der natürlich alle Darsteller auch anwesend waren und kurz zu Wort kamen.

Park Chan-Wooks „Stoker – Die Unschuld endet“ ist ein überaus gelungener Thriller in Hitchcock Manier, der den Zuschauer ständig auf falsche Spuren lockt, obwohl das offensichtliche doch zumeist so nah liegt. Trotz der einen oder anderen Länge im Mittelteil des Filmes ist er für Genre-Kenner auf jeden Fall zu empfehlen.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 20th Century Fox

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Stoker - Die Unschuld endet

Länge: 99 min

Kategorie: Drama, Mystery, Thriller

Start: 20.09.2013

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Bewertung Extras: (6/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Stoker - Die Unschuld endet

Stoker – Die Unschuld endet

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 99 min
Kategorie: Drama, Mystery, Thriller
Start: 20.09.2013

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Bewertung Extras: (6/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1