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Hannah Arendt

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 26. September 2013

Hannah Arendt

Bei der dokumentarischen Aufarbeitung des Lebens bekannter Persönlichkeiten muss man sich stets zwischen einer reinen Dokumentation bestehend aus Zeitzeugen und Archivaufnahmen sowie der entsprechenden Umsetzung als eine Art Spielfilm entscheiden, bei dem man sich zumeist auf einen Lebensabschnitt konzentrieren muss. Im Falle der deutsch-amerikanischen Schriftstellerin Hannah Arendt versuchte Regisseurin Margarethe von Trotta die Umsetzung als Spielfilm, was sich trotz aller Bemühungen als falsch herausstellen sollte.

Die renommierte Schriftstellerin Hannah Arendt (Barbara Sukowa) reist im Jahre 1961 nach Jerusalem um für den New Yorker direkt über den Prozess des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann zu berichten, doch anstatt eines Monsters sieht sie nur einen gebrochenen Mann. Sie verfolgt den Prozess genau, ließt bei ihrer Rückkehr nach New York hunderte Prozessakten und veröffentlicht schließlich zwei Jahre später ihre Artikelserie, in der sie in erster Linie von der Banalität des Bösen spricht und damit die Welt schockiert. Es folgt eine verheerende und niederschmetternde Reaktion aus den Medien und der Bevölkerung, doch Arendt lässt von ihrer Meinung nicht ab. Während sie diese stark mit ihrem Mann Heinrich Blücher (Axel Milberg) diskutiert, verliert sie langjährige Freunde und Wegbegleiter…

Hannah ArendtÜber das Leben und Schaffen der jüdischen deutsch-amerikanischen politischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt könnte man wohl ganze Bücher füllen, umso schwieriger gestaltete sich das Verfilmen des Lebens dieser Frau. Um diese Schwierigkeit auch nur im Ansatz zu bewältigen beschloss Regisseurin und Drehbuchautorin Margarethe von Trotta (Rosenstrasse) zusammen mit ihrer Co-Autorin Pam Katz (Die verlorene Zeit) lediglich einen Zeitabschnitt aus ihrem Leben zu verfilmen, was im Ansatz mit dem biografischen Spielfilm „Hannah Arendt“ auch durchaus gelang, der Person Arendt in seiner Gänze jedoch nicht unbedingt gerecht wird.

Kaum eine andere Frau hat so viel erlebt wie Hannah Arendt, denn während diese als Jüdin in Deutschland und Frankreich gleich zwei Mal den Nazis entkam, widmete sie sich neben der Fluchthilfe von gleichgesinnten ebenso der Debatte rund um totalitäre Herrschaftssysteme. Ihre wohl berühmteste Schrift ist die im Jahre 1963 im New Yorker erschienene Artikelserie „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, in welcher sie Eichmann auf jene Person eines Mitläufers reduzierte und somit das NS Regime von einem komplett anderen Ansatz betrachtete, was ihr unter Kollegen nicht nur Lob, sondern auch sehr viel Kritik einbrachte. Auf genau diesen Abschnitt versucht sich Margarethe von Trotta und Pam Katz zu konzentrieren, wenn diese von einer Frau berichten, die entgegen anders erscheinender Meinungen ihrer Linie bis zuletzt treu blieb, auch wenn dies bedeutet „dahin zu denken, wo es weh tut“.

Hannah ArendtBei der entsprechenden biografischen Ausarbeitung als Spielfilm wird sehr viel wert auf Arendts Freundeskreis gelegt, auf den entsprechenden Prozess in Jerusalem sowie auf die zwei Jahre später erschienene Schrift, wodurch sich für Arendt diverse Probleme ergaben. All dies wird versucht in einen Spielfilm von fast zwei Stunden länge zu packen, der in erster Linie mit seinen vielen Grau- und Brauntönen überaus zurückgezogen und fast schon altbacken daherkommt und ganzheitlich mit einer Schwere auf den Zuschauer einwirkt, der sich zuweilen sichtlich überfordert sieht. Das Leben von Hannah Arendt ist ganz ohne Frage interessant, der Prozess offenbarte eine ganze Reihe von Neuerungen für die damalige Zeit und dennoch fehlt gerade bei diesem der weitreichende Blick aus der heutigen Zeit. Das Thema der Täter der damaligen NS Kriegsverbrechen wird kaum angesprochen, oftmals verlieren sich die Protagonisten in ausschweifenden und fast schon ermüdenden Dialogen, während Banalitäten aus dem Privatleben von Arendt und ihrem Mann an der Tagesordnung sind, die im Grunde gar nicht not getan hätten.

Zwischen alledem wird unentwegt geraucht, sehr viel nachgedacht und stellenweise Minutenlang in den Himmel gestarrt. Arendt war eine Frau die sehr viel dachte, sich in ihrem Geiste ausmalte und schließlich zu Papier brachte, doch so gelungen viele ihrer Schriften auch sein mögen, so trocken, ja so langweilig gestaltet sich dieses denken als Film zu präsentieren. Womöglich wäre etwas mehr Pepp durchaus angebracht gewesen, womöglich hätte man auch einfach nur die trockenen Dialoge zwischen den Protagonisten noch einmal überarbeiten müssen, womöglich wäre der Ansatz einer eigenständigen Dokumentation doch der Hannah Arendtbessere gewesen. Wie auch immer, während Barbara Sukowa (Vernetzt) und Axel Milberg (Nach Fünf im Urwald) all dies mit ihrem fast schon langweiligen Spiel zusätzlich verstärken, überzeugt bei alledem vor allem das Setting. An Originalschauplätzen in Jerusalem gefilmt, wurden die eigentlichen Szenen mit zusätzlichem Archivmaterial von Eichmanns Prozess sehenswert verbunden, wodurch nicht nur eine gewisse Authentizität gewahrt bleibt, sondern sich der Zuschauer auch selber ein Bild vom damaligen Prozess machen und sich durchaus auch seine eigene Meinung bilden darf.

Ab dem 10. Oktober 2013 ist die dokumentarische Aufarbeitung eines Zeitabschnittes von Hannah Arendt in Form eines Spielfilms im Verleih von NFP auf Blu-ray und DVD im Handel erhältlich und in erster Linie all jenen zu empfehlen, die mehr über die Person Arendt wissen möchten. Das Bild ist mit 1080/24p gewohnt scharf und überwiegend in Grau- und Brauntönen gehalten, während der Ton in DTS-HD 5.1 (DVD in Dolby Digital 5.1) in den Sprachen Deutsch und Englisch gut auf die Boxen abgestimmt ist. Neben einer speziellen Fassung für Blinde und Sehbehinderte gibt es noch einen exklusiven Audiokommentar von Margarethe von Trotta, während uns vor allem die eigentlichen Extras des Mediums begeistern konnten. Es gibt neben zwei Features zur Premiere in Essen und Stuttgart (14 min) einige „Deleted Scenes“ (6 min) die es leider nicht in die finale Fassung des Filmes geschafft haben, während uns ein fast 30-minütiges „Making Of“ zahlreiche Hintergrundinformationen zum Film liefert, in welchem die Darsteller und Regisseurin Margarethe von Trotta in zahlreichen Interviews zu Wort kommen.

Margarethe von Trotta’s „Hannah Arendt“ muss man überaus zwiespältig betrachten, denn während der entsprechende Zeitabschnitt detailliert wiedergegeben wurde, ist die Umsetzung alles andere als Spannend für den Zuschauer konzipiert. Interessierte am Leben Arendts dürfte wohl mit einem ihrer Schriften eher geholfen sein, um mehr über das Denken und Schaffen zu erfahren.

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Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: NFP, Heimatfilm

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Hannah Arendt

Länge: 113 min

Kategorie: Biography, Drama

Start: 10.10.2013

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Bewertung Extras: (7/10)

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Info

Hannah Arendt

Hannah Arendt

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 113 min
Kategorie: Biography, Drama
Start: 10.10.2013

Bewertung Film: (6/10)

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