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Mystery

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 4. August 2013

Mystery

Der chinesische Regisseur Lou Ye zählt ganz ohne Frage zu den bedeutendsten Meistern seines Landes, konnte er in der Vergangenheit doch mit Filmen wie „Suzhou River“ (2000), „Purple Butterfly“ (2003) und „Love and Bruises“ (2011) begeistern. Das er mit seinen Arbeiten nicht bei jedem gut ankommt bewies er mit seinem 2006 gedrehten Film „Summer Palace“, mit dem er dem Massaker am Tian’anmen-Platz ein Gesicht verlieh und es sich somit direkt mit der chinesischen Regierung verscherzte. Lou Ye bekam daraufhin ein fünfjähriges Berufsverbot in seinem Lande verordnet, was nun entsprechend abgelaufen ist.

Die 30-jährige Lu Jie (Hao Lei) ist glücklich verheiratet mit Yongzhao (Qin Hao), hat mit diesem eine gemeinsame Tochter und ebenso eine gemeinsame Firma, die recht gut am chinesischen Markt positioniert ist. Eines Tages sitzt Lu Jie mit ihrer Freundin Sang Qi (Qi Xi) in einem Café gegenüber einem angesagten Stundenhotel, wo Lu Jie plötzlich ihren Mann Hand in Hand mit einer anderen attraktiven Frau beobachtet. Völlig geschockt versucht Sang Qi zu beschwichtigen, doch als besagte Frau nur wenige Tage später Tod aufgefunden wird, nimmt das Schicksal seinen lauf. Kommissar Feng versucht den Fall aufzuklären, findet Verbindungen zwischen den Frauen und sieht sich bald einem Katz- und Mausspiel ausgesetzt, in dem nichts so sein soll wie es am Anfang noch scheint…

MysteryDas man gerade in China bei der Wahl seiner in Kunst und Kultur abgehandelten Themen lieber aufpassen sollte, ist beim besten Willen nicht neu, denn regelmäßig werden politisch angetriebene Künstler mit einem Berufsverbot belegt, wenn es der Regierung wieder einmal zu viel geworden ist. Genau dieses Schicksal traf neben Regimegegner und Künstler Ai Weiwei ebenso den chinesischen Filemacher Lou Ye (42 One Dream Rush), der in seiner Arbeit „Summer Palace“ ungewohnt deutlich das Massaker am Tian’anmen-Platz verarbeitete und somit mit einem fünfjährigen Berufsverbot belegt wurde. Während Lou Ye seine folgenden Werke daraufhin im Exil drehte, folgt nun nach langer Pause mit „Mystery“ erneut ein Film aus seinem Heimatland China.

Es regnet, eine Gruppe Neureicher liefert sich mit ihren teuren Wagen eine heiße Verfolgungsjagd, während plötzlich das lockere Beisammensein von einem tragischen Unfall überschattet wird, bei dem eine junge Frau als Opfer zu beklagen ist. Der zeitliche Ablauf springt zurück, die Drehbuchautoren Mei Feng (Children of the Setting Suns) und Yu Fan (Weakness of Man) beginnen das Schicksal dieser Frau von vorne aufzurollen und lassen dabei eine Geschichte entstehen, wie sie momentan wohl sprichwörtlich für das moderne China stehen könnte. In den Großstädten entsteht eine wohlhabende Mittelschicht voller Neureicher, eine Gruppierung die durch Geld alles zu lösen vermag und so sind Szenen wie jene am Anfang nicht unüblich, wenn der Fahrer plötzlich noch auf das Unfallopfer einzutreten und sich gegen die Polizei aufzulehnen beginnt, holt ihn sein reicher Vater doch sicherlich schon bald aus dem Gefängnis ab.

MysteryIm Mittelpunkt soll anfangs aber nicht der besagte Unfall stehen, sondern vielmehr die Person Yongzhao, der ein einsames Doppelleben führt und dabei dennoch weder glücklich, noch ausgelastet zu sein scheint. Da haben wir die glückliche Ehe mit Lu Jie mit der er auch eine gemeinsame Tochter hat, da haben wir die Beziehung zu Sang Qi mit der er einen gemeinsamen Sohn unterhält und da haben wir die verschiedensten Liebschaften in irgendwelchen Stundenhotels in China, mit denen er sich vergnügt. Dabei kommt zur Geltung, dass er ein jedes seiner Leben auf seine ganz eigene Art und Weise zu lieben versteht, was Regisseur Lou Ye auch sogleich in ein passendes Korsett zu schnüren versteht. Auf der einen Seite haben wir die gesellschaftlich anerkannte Lu Jie die er abgöttisch liebt und mit der er in einem noblen Anwesen wohnt, auf der anderen Seite haben wir die völlig durchschnittliche Sang Qi, die in einem recht ärmlichen Umfeld lebt und zuhause schon einmal durch Yongzhao das Opfer häuslicher Gewalt werden kann.

Sieht man einmal von diesen ungleichen Gegensätzen ab, so könnte man „Mystery“ am ehesten als Thriller mit einer nicht zu übersehenden gesellschaftlichen Note bezeichnen, wenn Lou Ye gleich die verschiedensten Dinge in seinem Lande zu kritisieren versucht. Die Kritik ist dabei jedoch vornehmlich oberflächlicher Natur, denn nie kommt sie direkt und geradewegs zur Geltung, sind die Narben seines Berufsverbotes wohl noch zu frisch. Von Seiten eines Thrillers entpuppt sich „Mystery“ auf den ersten Blick nicht unbedingt als einfache Kost, denn durch die verschiedensten eng miteinander verwobenen Figuren, den unzähligen Zeitsprüngen innerhalb der Geschichte und der einen oder anderen Wendung, ist dieses Werk zuweilen nicht einfach zu verstehen.

MysteryLässt man sich davon nicht abschrecken, so wird man mit einem Werk belohnt das nicht unbedingt zu den stärksten von Lou Ye zählt, dennoch aber seine wunderbaren Momente hat, in denen man die Qualität des Ausnahmeregisseurs erkennt. Die zahllosen Szenen in denen mit Regen die jeweiligen Stimmungsschwankungen symbolisch dargelegt werden, der bildliche Kontrast zwischen Arm und Reich, das manische in den Figuren wenn es darum geht die eigene Familie vor außenstehenden zu schützen, all dies sind Themen, die komprimiert auf knapp 100 Minuten oftmals nur angedeutet werden und seinen Raum erst im nachhinein entfalten, wenn der Zuschauer sehr viel später noch einmal beginnt das Werk Revue passieren zu lassen.

Von Seiten der Darsteller werden wir mit einer gewohnt starken Performance belohnt, wie sie Lou Ye bisher aber auch in jedem seiner Filme von seinen Darstellern forderte. Da haben wir Hao Lei (Tau ming chong) als betrogene Ehefrau die alles versucht um ihren Mann für sich zu behalten, Qi Xi in ihrem Debüt als gnadenlose Rivalin die versucht aus der Armut zu entkommen, während all dies für Qin Hao (Chun feng chen zui de ye wan) doch bestenfalls Gespielinnen sind, kann er sich in seiner ruhigen und zuweilen auch sehr zurückgenommenen Performance doch für keine der beiden wirklich entscheiden.

Ab dem 16. August 2013 ist Lou Ye’s „Mystery“ im Verleih von Alamode Film auf DVD im Handel erhältlich und somit nach langer Zeit der erste Film, den Ye wieder in seinem Heimatland China drehen durfte. Das Bild ist trotz der vielen verregneten Szenen reich an Farben, während der Ton in Dolby Digital 5.1 in den Sprachen Deutsch und Mandarin gut auf die Boxen abgestimmt ist. Wie immer waren wir insbesondere an den Extras des Mediums interessiert, die sich diesmal allerdings im Rahmen hielten. Neben dem Trailer zum Film bekommen wir lediglich ein zehnminütiges Making Of, bei dem die Darsteller und Regisseur Lou Ye kurz einige Dinge zum Film und der eigentlichen Geschichte erzählen, dabei jedoch nicht sonderlich in die Tiefe gehen. Hier wäre weitaus mehr möglich gewesen, wirklich schade!

„Mystery“ ist nicht unbedingt eine der besten Arbeiten von Lou Ye, nichts desto trotz aber ein sehenswertes Werk, dass sich durch seine Komplexität aus mehreren Erzählebenen dem Zuschauer wohl erst nach mehrmaligem sehen völlig entfalten wird. Sehenswertes Kino, dass Lust auf mehr macht!

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Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode Film

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Mystery

Länge: 98 min

Kategorie: Thriller

Start: 16.08.2013

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Bewertung Extras: (3/10)

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Info

Mystery

Mystery

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 98 min
Kategorie: Thriller
Start: 16.08.2013

Bewertung Film: (7/10)

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