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Drachenmädchen

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 25. August 2013

Drachenmädchen

Mit der chinesischen Kampfkunst des Kung-Fu verbindet der westeuropäische Leser zumeist Filme wie „Die 36 Kammern der Shaolin“ in denen es vornehmlich auf Körperbeherrschung und perfekte Balance ankommt, wie aber sieht die heutige Wirklichkeit aus? Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Inigo Westmeier hat sich genau diese Frage ebenso gestellt und ist dabei gegen grenzenlose bürokratische Hürden angerannt um eine Dreherlaubnis zu erhalten, um in Chinas größter privater Kung-Fu Schule filmen zu dürfen und drei Mädchen unterschiedlichen Alters zu porträtieren.

Zusammen mit seinem Co-Autor Benjamin Quabeck (Verschwende deine Jugend) beginnt Inigo Westmeier (Die Haushaltshilfe) gleich am Anfang mit der Betrachtung einer gigantischen Choreografie auf einem Appellplatz, auf dem die Jugendlichen unterschiedlichsten Alters eine bis ins Details ausgearbeitete Choreografie ausführen. Jeder Schritt scheint genau einstudiert zu sein, jede Bewegung sitzt, eine tiefe Konzentration ist einem jeden anzumerken, während all dies weniger an Kung-Fu, als vielmehr an eine der vielen staatlichen Veranstaltungen Chinas erinnert, die rein zur politischen Außendarstellung abgehalten werden.

DrachenmädchenIn „Drachenmädchen“ geht es aber weniger um diese Appelle und noch weniger um die Kunst des Kung-Fu und dessen tiefe Spiritualität, es geht vielmehr um die drei Mädchen Xin Chenxi (9), Chen Xi (9) und Huang Luolan (17), die Westmeier porträtiert und die ihren jeweiligen Einblicke in ihr Leben und den Ablauf ihrer Schule gestatten. Im Jahre 1978 gegründet begann die Kampfkunstschule Shaolin Tagou in der zentralchinesischen Provinz Henan mit einer Hand voller Schüler, heute ist es die größte private Schule mit weit über 26.000 Schülerinnen und Schüler unterschiedlichen Alters, die hier Kung-Fu sowie die chinesische Kickbox-Variante Sanshan erlernen.

Alle Schüler in Henan haben eines gemeinsam, sie alle hoffen auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Eltern, sie alle trainieren von Morgens bis Abends sechs Tage die Woche um für diverse Turniere vorbereitet zu sein und sie alle hausen in kleinen Unterkünften zusammen mit 20 Gleichaltrigen, die in Deutschland wohl bereits lange abgerissen worden wären. Im Winter gibt es keine Heizung, in riesigen Hallen wird bereits morgens um sechs Uhr trainiert, während in der Pause von nur zehn Minuten das Essen heruntergeschlungen werden muss, bevor es weiter geht. Die Trainer in dieser Schule sind überaus hart, Stockschläge sind an der Tagesordnung und dennoch sehen das die jeweiligen Kinder gar nicht mal so schlimm, stehen sie all dies doch vornehmlich durch Hoffnung durch.

Drachenmädchen„Ich bin doch schon groß“ sagt die neunjährige Xin Chenxi während der Trainingspause, denn Xin steht unter ähnlichem Druck wie alle hier. Früher noch haben ihre Eltern sie jeden Monat besucht, heute muss sie den ersten Platz belegen, damit ihr Vater sie demnächst wieder besuchen kommt. Der Druck ist hart, gebrochene Knochen sind nichts Neues und dennoch zeigt uns dieses intime Porträt ein China des Umbruchs, in dem es vor allem um Perfektion und darum geht, der Beste unter Tausenden zu sein. Die 15-jährige Chen Xi bereut all dies ein wenig, stellt sich immer wieder vor zu fliehen, vom Dach eines Hauses zu springen um einen Ausweg zu finden, denn aus dieser Schule herauszukommen ist fast unmöglich.

Eine der wenigen die es dennoch geschafft haben ist die 17-jährige Huang Luolan die nun tausend Kilometer entfernt wieder bei ihren Eltern wohnt und scheinbar damit beschäftigt ist ihre verlorene Kindheit wieder aufzuarbeiten. Vor dem Fernseher und dem Computer sitzend ziehen die Tage ins Land, bis sie sich mit dem pflegen von Nägeln selbstständig zu machen beginnt und davon träumt, eines Tages ein eigenes Nagelstudio zu besitzen. Huang Luolan berichtet von ihrem heutigen Leben, gibt Einblicke in die Schule, den Tagesablauf und den Terror von dem sie gerade so fliehen konnte, während ihre Eltern fast unfähig daneben stehen und nicht in der Lage sind sich um das eigene Kind zu kümmern.

DrachenmädchenIn kurzen Interviews kommt neben dem Schulleiter Li Heike ebenso der buddhistische Mönch Shi Yan Zhuang zu Wort, die ihre jeweilige Sicht der Dinge erörtern. Es soll in erster Linie um Zusammenhalt gehen, um die Erziehung schwieriger Kinder um die sich die vielbeschäftigten Eltern nicht kümmern können und vor allem um die perfekte Körperbeherrschung, die wichtig für das spätere Leben ist. Was all dies mit der ursprünglichen Botschaft des Kung-Fu zu tun hat bleibt uns verborgen, denn Regisseur Inigo Westmeier nimmt zu keiner Zeit Stellung zu seinen gefilmten Bildern und lässt stattdessen den Zuschauer entscheiden und beurteilen, um gesehenes zu verarbeiten.

Ab dem 30. August 2013 ist die einzigartige Dokumentation „Drachenmädchen“ im Verleih von Polyband auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich und all jenen zu empfehlen, die gut recherchierte und mit wunderbaren Bildern unterlegte Werke zu schätzen wissen. Das Bild der Blu-ray ist mit 1080/24p gewohnt scharf und reich an Farben, während der Ton in DTS-HD 5.1 in Deutsch und Mandarin (Deutsche Untertitel) gut auf die verschiedensten Boxen abgestimmt ist. Wie immer waren wir insbesondere an den Extras des Mediums interessiert, die diesmal weit über jene hinausgehen, die wir sonst bei Dokumentationen gewohnt sind. Neben einem wunderschönen und überaus informativen Booklet bekommen wir beide Kinotrailer sowie ein entsprechendes Interview mit Regisseur Inigo Westmeier geboten, in welchem er zum Film und zu den schwierigen Drehbedingungen noch weitere Einblicke gibt.

„Drachenmädchen“ gibt einen sensiblen Überblick über das heutige Chinas und jenem Druck, den Kinder bereits im frühsten Kindesalter ausgesetzt sind. In erster Linie erzählen die kleinen Kinderaugen von Hoffnung auf ein besseres Leben, das Regisseur Inigo Westmeier in einzigartigen Bildern einzufangen vermag.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Polyband

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Drachenmädchen

Länge: 90 min

Kategorie: Documentary

Start: 30.08.2013

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Bewertung Extras: (5/10)

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Info

Drachenmädchen

Drachenmädchen

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 90 min
Kategorie: Documentary
Start: 30.08.2013

Bewertung Film: (7,5/10)

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