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Die Jagd

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 25. August 2013

Die Jagd

Der dänische Regisseur und Drehbuchautor Thomas Vinterberg ist spätestens seit seinem Cannes Beitrag „Das Fest“ aus dem Jahre 1999 weltbekannt, doch obwohl er sich seitdem vor guten Angeboten kaum retten kann, bleibt er seinem authentischen Kino treu. Mit seiner etwas seltsam anmutenden Romanze „It’s All About Love“ (2003) griff er eher daneben, bis er mit Filmen wie „Dear Wendy“ (2004) und „Submarino“ (2010) eine fulminante Rückkehr feiern konnte. Mit „Die Jagd“ liefert Vinterberg nun ein ganz und gar untypisches Werk ab, denn wo früher der hoffnungsvolle Humanismus seine Filme durchzog, soll der Grundton diesmal ein ganz anderer sein.

Der frisch geschiedene Lucas (Mads Mikkelsen) versucht nach einer längeren Periode von Problemen und Arbeitslosigkeit sein Leben neu zu ordnen, weshalb er den erst besten Job annimmt der sich ihm bietet, der ihn nicht nur sichtlich Spaß zu machen scheint, sondern ihn ebenso ins Leben zurück zu holen beginnt. Als Kindergärtner beschäftigt sich Lucas tagtäglich mit den kleinen Rackern, während er versucht seinen Sohn Marcus (Lasse Fogelstrom) öfters zu sehen und nebenbei eine Beziehung zu Nadja (Alexandra Rapaport) aufzubauen, die ebenso im Kindergarten arbeitet. Eines Tages beschuldigt ihn die kleine Klara (Annika Wedderkopp) – Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen) – ihr seines Penis gezeigt zu haben, was schon bald nicht nur im Kindergarten für Probleme sorgen soll, sondern in der gesamten Dorfgemeinschaft. Eine unnachgiebige Jagd beginnt, bei der ehemalige Freunde plötzlich zu erbitterten Gegnern werden…

Die JagdIm Jahre 1989 klopfte ein dänischer Kinderpsychologe an die Tür von Regisseur und Drehbuchautor Thomas Vinterberg und versuchte bei diesem seine Theorien der „unterdrückten Erinnerungen“ anzubringen, woraufhin Vinterberg ungläubig den Kopf schüttelte und seine Tür wieder schloss. Ganze zehn Jahre später liegen die Unterlagen des besagten Psychologen noch immer in Vinterbergs Büro und so begann sich eine Idee in dessen Kopf zu manifestieren, die von einer modernen Hexenjagd handeln sollte.

Bezeichnend für den Titel des Filmes gibt es von „Die Jagd“ gleich zwei eklatante Bedeutungen, denn während die Dorfgemeinschaft regelmäßig zusammen auf die Pirsch geht und frei herumlaufendes Wild versucht zu erlegen, erzählt „Die Jagd“ ebenso von einer modernen Hexenjagd, in der sich in einem Zeitraum von nur zwei Monaten eine komplette Dorfgemeinschaft gegen einen stellen kann. Der Beginn des Unheils soll ausgerechnet eine Falschaussage eines kleinen Kindes sein, dass durch eine entsprechende Zurückweisung plötzlich eine Aussage trifft, welche plötzlich ein ganzes Dorf gegen Lucas aufbringen soll.

Dem Thema des möglichen Sexualdeliktes nähert sich Vinterberg überaus behutsam, sein fast zwei Stunden andauernder Film nimmt sich gerade in der Einleitung alle Zeit die er benötigt und dennoch stellt dieser von Anfang an klar, wem seine Sympathien gehören. Der Zuschauer wird von Beginn darüber im klaren gelassen das die kleine Klara sich nur einer Lüge bedient hat und so rückt Vinterberg mehr und mehr die entsprechende Dorfgemeinschaft in den Fokus seines Filmes, wenn er einen Weg aufzeigt, wie sich die besten Freunde in nur zwei Monaten komplett von einem abwenden können.

Die JagdDie Frage der Schuld wird in „Die Jagd“ zu keinem Zeitpunkt direkt oder indirekt gestellt, denn während man der kleinen Klara ihre Lüge Aufgrund einer Zurückweisung zu keiner Zeit direkt anlasten kann, sind auch sämtliche Folgen davon zumeist in der reinen Unwissenheit aller beteiligten Personen begründet. Wenn die zuständige Kindergartenchefin Klara plötzlich Suggestivfragen zu stellen beginnt, ihr Verneinen von Psychologen als Verdrängungen interpretiert werden oder den Eltern überaus allgemeine Hinweise an die Hand gegeben werden die auf sexuellen Missbrauch schließen lassen, kann man als Zuschauer oft nur ungläubig den Kopf schütteln. Plötzlich haben alle Kinder ähnliche Erfahrungen gemacht, es wird von Dingen gesprochen über die man sich beim spielen ausgetauscht hat und plötzlich kann ein offensichtlicher Lucas nicht einmal mehr einkaufen gehen, ohne im Supermarkt von seinen ehemaligen Freunden zusammengeschlagen zu werden.

Im Hinblick auf die dramaturgische Struktur hätte man sich zuweilen etwas mehr Spannung gewünscht, denn genauso wie man ab der ersten Minute in Klaras Lüge involviert ist, glaubt man an ein gutes Ende, welches letzten Endes – in welcher Form auch immer – auch realisiert werden kann. Lässt man diese Form der Kritik einmal außen vor, so entpuppt sich „Die Jagd“ als überaus gelungenes Drama welches aktueller denn je ist. Zu schnell wird in unser heutigen Gesellschaft die Schuldfrage ohne stichhaltige Beweise gestellt, zu schnell lässt man sich durch Mundpropaganda direkt oder indirekt beeinflussen, wodurch ein Mensch – schuldig oder unschuldig – bereits lange Zeit im voraus für Dinge verurteilt wird, die so vielleicht niemals geschehen sind.

Die JagdNeben dem rein sozialen Aspekt, jenem der Schuldfrage und dem Fakt das man fast unfähig ist sich gegen solche und ähnliche Gerüchte selber zur Wehr zu setzen, muss man Vinterberg erneut seine Hochachtung aussprechen, was das Casting betrifft. Mit Mads Mikkelsen (James Bond 007 – Casino Royale) hat er einen Hauptdarsteller gefunden der seine Gefühle vornehmlich über Mimik auszudrücken versteht und sich unfähig sieht gegen seine ehemals besten Freunde zu währen, während mit der kleinen Annika Wedderkopp eine Klara gefunden wurde, die mit ihren unschuldigen Augen im Grunde gar nicht lügen kann. Nicht minder gelungen ist ebenso die Verpflichtung von Lasse Fogelstrom (Rita) als Marcus sowie Thomas Bo Larsen (Pusher) als Lucas bester Freund Theo.

Ab dem 23. August 2013 ist das überaus sensible Drama „Die Jagd“ im Verleih von Universum Film auf Blu-ray und DVD im Handel erhältlich und all jenen zu empfehlen, die ungewöhnliche und gleichsam herausragende Dramen zu schätzen wissen. Das Bild der Blu-ray ist mit 1080/24p gewohnt scharf und reich an Farben, während der Ton in DTS-HD 5.1 (DVD in Dolby Digital 5.1) in den Sprachen Deutsch und Dänisch gut auf die Boxen abgestimmt ist. Wie immer waren wir insbesondere an den Extras des Mediums interessiert, die sich diesmal durchaus sehe lassen konnten. Neben einem alternativen Ende (unbedingt ansehen) gibt es noch vier unveröffentlichte Szenen von zwölf Minuten sowie zwei Interviews mit Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg, in denen sie in 14 Minuten noch einiges zum Film berichten.

Thomas Vinterbergs „Die Jagd“ ist ein überaus sensibel erzähltes Drama das neben der Schuldfrage ebenso den inneren Zirkel einer Dorfgemeinschaft thematisiert, die sich Aufgrund von Indizien plötzlich gegen einen wenden kann.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Universum Film

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Die Jagd

Länge: 115 min

Kategorie: Drama

Start: 23.08.2013

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Die Jagd

Die Jagd

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 115 min
Kategorie: Drama
Start: 23.08.2013

Bewertung Film: (7,5/10)

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