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Das Haus auf Korsika

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 10. August 2013

Das Haus auf Korsika

Im Leben vieler Menschen wird mit fortlaufendem Alter zumeist die elementare Frage gestellt, ob man rückblickend auf die eigene Vergangenheit denn wirklich immer die richtigen Entscheidungen traf. Was wäre gewesen wenn man sich in bestimmten Situationen anders verhalten hätte, was wäre wenn man mutiger ein anderes Leben angegangen wäre, hätte man sich womöglich die eine oder andere leidvolle Erfahrung erspart? Genau diese Fragen wirft der belgische Dokumentarfilmer Pierre Duculot auf, der sich in seinem Debüt mit einer 30-jährigen Figur beschäftigt, die sich nach Veränderung sehnt.

Die fast 30-jährige Christina (Christelle Cornil) lebt seit nunmehr zehn Jahren mit ihrem Freund Marco (Jean-Jacques Rosin) zusammen, doch die studierte Künstlerin ist alles andere als zufrieden. Ohne Arbeit versucht sie sich mit einem Nebenjob in der Pizzeria ihres Schwiegervaters über Wasser zu halten, während das Leben in dem kleinen belgischen Städtchen Charleroi scheinbar komplett an ihr vorbei zu gehen scheint.

Das Haus auf KorsikaAll dies ändert sich eines Tages, als ihr ihre verstorbene Oma ein kleines Häuschen auf Korsika vererbt, dass sie entgegen den Ratschlägen ihres Vaters Alberto (Roberto D’Orazio), ihrer Mutter Anette (Marijke Pinoy) und ihres Bruders Cédric (Cédric Eeckhout) nicht sofort zu Geld macht, sondern erst einmal besichtigen möchte. Vor Ort trifft sie schließlich die unterschiedlichsten Menschen die ihr nicht immer wohlgesinnt gegenüber stehen, doch fern ab der eigenen Heimat bietet dieser verschlafene Ort und das recht verfallene Haus genug Potential, um sich einmal ganz allein ohne fremde Einflüsse zu verwirklichen…

Nach einigen Dokumentationen für das belgische Fernsehen und zwei Kurzfilmen versucht sich Pierre Duculot (Dernier voyage) nun mit seinem Debüt im Bereich des Spielfilms, bei dem er sich sogleich auch erneut für das entsprechende Drehbuch verantwortlich zeichnet. In seinem neusten Projekt wollte Duculot vornehmlich drei Dinge verwirklichen: Er wollte einen Film der in seiner Heimatstadt Charleroi und seiner Ferieninsel Korsika spielt, er wollte eine Figur die sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und er wollte erneut mit Christelle Cornil (OSS 117 – Er selbst ist sich genug) einen Film verwirklichen, mit der er zusammen auch schon den Kurzfilm „Dormir au chaud“ im Jahre 2006 drehte.

Das Haus auf KorsikaPierre Duculot sein nun fertig gestellter Film „Das Haus auf Korsika“ könnte man auf Anhieb mit vielen ähnlichen Filmen vergleichen, denn auch hier steht das verfallene Haus das neu errichtet werden muss sinnbildlich für das Leben der 30-jährigen Christina. Eingeengt von Familie und Freund Marco findet sie in Belgien keine Möglichkeit sich neu zu orientieren, ihre geliebte Oma ist von ihr gegangen und zeitgleich bietet sich mit dem entsprechenden Erbe eine Chance, einmal etwas Neues zu entdecken. Obwohl alle Menschen in ihrer Nähe dagegen sind, macht sich Christina auf dem Weg nach Korsika, wo sie neben einem verfallenen altersschwachen Haus vor allem eines findet, eine Vergangenheit, die es zu erforschen gilt.

Diese Aufarbeitung der Vergangenheit, das Finden nach der eigenen Zukunft und das Durchsetzen in dem gerade einmal zwölf Einwohner umfassenden Dorf gestaltet Pierre Duculot zuweilen überaus gediegen, nimmt er sich für die verschiedensten Szenen und dem ohnehin nicht unbedingt komplexen Drehbuch doch alle Zeit die er benötigt, um die verschiedensten Dinge so anzuordnen, wie er sie sich vorstellt. So verkommt die sich anbahnende Beziehung zum Ziegenhirten Pascal (Francois Vincentelli) nach dem ersten Kuss bereits zu einem Stück Vergangenheit das er nicht mehr wirklich anzufassen versucht, die doppeldeutigen Dialoge eines manchen Dorfbewohners werden nie komplett ergründet und so versucht sich Duculot einzig und allein auf das sinnbildliche Leben im Form des Hauses zu konzentrieren, um seine Geschichte zu erzählen.

Das Haus auf KorsikaSo interessante genau dies für fast eine Stunde umgesetzt wurde, so schlägt der Film mit dem Eintreffen der Familie in eine Aneinanderreihung bekannter Klischees um, wenn diverse Figuren plötzlich bei der Reparatur des Hauses behilflich sein möchten, die sich vorher noch strikt weigerten, Christinas Traum anzunehmen. Der nichtsnutzige Bruder findet plötzlich Gefallen an der Arbeit, der nörgelnde Vater widmet sich auf einmal einer Tochter der er vorher nie etwas zugetraut hatte, während die Mutter die stille Beobachterin spielt, die von Außen die Szenerie observiert. Gerade hier hätte man rein auf die Stärken von Christina setzen sollen, denn genauso wie sie vorher in Belgien noch von den Männern in ihrer Umgebung abhängig war, wird sie es auch hier schon bald wieder sein. Was ist mit der eigenen Verwirklichung? Was mit den eigenen Stärken? Wie stellt sie sich ihren nächsten Lebensabschnitt vor?

Obwohl all diese Fragen nie beantwortet werden und die eigene Neuausrichtung nur im Ansatz gelingt, schafft es Pierre Duculot dennoch im Bereich der visuellen Umsetzung zu begeistern. Die Landschaftsaufnahmen im winterlichen Korsika sind eine Augenweide, die Szenen bei Nacht in denen nur geringes Licht vorherrscht sind überraschend gut umgesetzt, wodurch eine gewisse wohlfühl-Atmosphäre entsteht, die man nur ganz selten geboten bekommt. Viele dieser Szenen leben rein von den eingefangenen Lichtverhältnissen, nie scheint etwas absichtlich angeordnet zu sein um eine entsprechende Situation zu verstärken, während inmitten alledem Christelle Cornil brilliert. Ihr Spiel ist zuweilen so ungemein mitfühlend und ausdruckstark, man spürt förmlich ihren Willen zur Veränderung, auch wenn sie sich letztendlich aufgrund des Drehbuchs einfach nicht von ihrer Familie zu lösen vermag.

Ab dem 13. September ist Pierre Duculot’s Debüt „Das Haus auf Korsika“ auf DVD im Handel erhältlich und in Das Haus auf Korsikaerster Linie all jenen zu empfehlen, die ruhige Dramen mit einzigartigen Bildern zu schätzen wissen. Das Bild der DVD ist im Bildformat 1:2,35 gewohnt scharf und zuweilen recht dunkel gehalten, während der Ton in Dolby Digital 5.1 in Deutscher wie auch Französischer Sprache gut auf die Boxen abgestimmt ist. Wie immer waren wir insbesondere am zusätzlichen Material des Mediums interessiert, um mehr zur Produktion und den Dreharbeiten zu erfahren. Neben dem entsprechenden Trailer zum Film gibt es den 26-minütigen Kurzfilm „Dormir au chaud“ von Pierre Duculot in dem ebenso Christelle Cornil die Hauptrolle inne hatte sowie eine rund dreiminütige Bildergalerie, in der wir noch einmal Bilder von der Landschaft Korsikas und den Dreharbeiten bewundern können.

Pierre Duculot’s „Das Haus auf Korsika“ ist ein überaus ruhiges Drama über eine mögliche Form der Selbstverwirklichung und der Abkapselung von seiner Umgebung, das in erster Linie von seinen wunderschönen Bildern und der Ausnahmedarbietung von Christelle Cornil lebt.

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Copyright: good!movies, Schwarz-Weiß Filmverleih

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Das Haus auf Korsika

Länge: 82 min

Kategorie: Drama

Start: 13.09.2013

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Info

Das Haus auf Korsika

Das Haus auf Korsika

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 82 min
Kategorie: Drama
Start: 13.09.2013

Bewertung Film: (7/10)

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