cinetastic.de - Living in the Cinema

Newo Ziro – Neue Zeit

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 19. März 2012

Newo Ziro - Neue Zeit

An der Mündung von Mosel und Rhein – dem sogenannten Deutschen Eck – liegt die 2000 Jahre alte Stadt Koblenz, in der jedes Jahr auf neue das größte deutsche Musik-Festival von Sinti- und Roma-Musik abgehalten wird. Regisseur und Drehbuchautor Robert Krieg (Oro blanco) und seine Kollegin Monika Nolte (Kinder der Steine – Kinder der Mauer) haben dieses Festival zum Anlass genommen, mehr über die Lebensweise der Roma zu erfahren, sich ihre Musik anzuhören und jene Unterschiede zu betrachten, die die Alten von der heutigen Jugend unterscheidet.

Im Mittelpunkt ihrer Dokumentation steht die Familie Reinhardt, die bereits seit Generationen in Koblenz tief verwurzelt ist. Da haben wir Bawo Reinhardt, den ältesten der Familie, der nicht nur für Tradition steht, sondern ebenfalls möchte, dass sich die Sinti nach und nach integrieren, ohne ihre eigenen Wurzeln zu verleugnen. Ganz anders ist da schon seine Enkelin Sibel, die nicht nur drei schwarze Gürtel in Kung Fu hat und kurz vor ihrem Abitur steht, sondern auch noch leidenschaftlich gern Fußball spielt. Der dritte im Bunde ist ihr Onkel Lulo Reinhardt, der jahrelang für sich und seine Musik gekämpft hat und nun als anerkannter Musiker lebt, ohne andere Sinti-Musik zu kopieren.

Newo Ziro - Neue ZeitSie alle leben zusammen mit anderen Sinti in einer Koblenzer Wohnsiedlung die eher einem Ghetto gleicht, als an erfolgreiche Integration erinnert. Schäbige Häuser, Ärger mit den Vermietern und doch ist gerade hier jene Gemeinschaft zu spüren die es benötigt, dass diese Menschen und diese Kultur nicht zerfällt. In den Einfahrten stehen Wohnwagen mit denen sie im Sommer durch die Lande ziehen, an den Häusern wehen die Flaggen von Deutschland und letzten Endes kann dies Bawo Reinhardt am wenigsten verstehen. „Wissen die Jugendlichen denn nicht, dass dieses Land ihre Großväter und Urgroßväter auf dem Gewissen hat?“, fragt er voller Zorn.

Tradition wird bei den deutschen Sinti groß geschrieben, muss genau deswegen wohl auch die kleine Sibel bald mit dem Fußballspiel aufhören. Mädchen ist es untersagt Hosen zu tragen, bald muss sie sich wie auch die älteren Damen in weiten Röcken kleiden, die Haare offen tragen und wesentlich ruhiger werden. „Herum toben geht dann nicht mehr“ berichtet sie leicht lächelnd, doch damit hätte sie sich bereits vor langer Zeit abgefunden. So wichtig den Sinti auch die Tradition ist, so inkonsequent wird diese in den letzten zwei Generationen gelebt. Die Kinder können kaum noch Romanes sprechen, sie heiraten vermehrt in andere Kulturen hinein und letztendlich versuchen einige auch ihre Herkunft zu verleugnen. Mit der Sprache geht aber nicht nur ein wichtiges Kommunikationsmittel verloren, sie verlieren ein Stück ihrer eigenen Identität. Oft wird mit den Begrifflichkeiten der gesellschaftlichen Integration gehadert, doch was ist Integration als Sinti überhaupt? Melanie Spitta brachte dies genau auf den Punkt als sie sagte: „Es geht nicht darum als Deutscher, sondern als Zigeuner anerkannt zu werden“.

Newo Ziro - Neue ZeitEin wichtiges Gut der Sinti ist und bleibt ihre Musik und das ist genau jener Traum, dem sich Lulo Reinhardt verschrieben hat. Seit frühster Kindheit spielt er auf seiner Gitarre, viele Jahre zog er mit den verschiedensten Sinti durch die Kneipen und machte ihre Musik, doch was zeichnet diese Musik überhaupt aus? Sie alle spielen ihre Sinti-Musik, den Gypsy-Swing, das Erbe des großen Django Reinhardt und dennoch ist es die Eigenständigkeit die Lulo erreichen will. Er möchte nicht mit der Musik anderer gemessen werden, er möchte seine eigenen Lieder singen, seine eigenen Erfolge feiern. „Musik ist Freiheit“ sagte hier einer der Musiker so treffend und genau diese Freiheit ist es, die die wenigsten Sinti Musiker erreichen. Die wenigsten können mit ihrer Familie brechen, durch die Städte ziehen um zu spielen und so kommt es, dass die meisten dennoch wieder Sesshaft werden.

Mit „Newo Ziro – Neue Zeit“ dokumentieren Robert Krieg und Monika Nolte auf eine ganz einzigartige Weise ein Stück jener Kultur, die noch heute zum Großteil durch Vorurteile gezeichnet ist. Rückblickend auf eine lange Tradition stehen jedoch auch sie vor einem entscheidenden Wendepunkt wenn es heute mehr denn je heißt, wie wichtig ist mir meine eigene Identität. Treffender konnte es nur die kleine Sibel ausdrücken wenn sie in ihrer Ballade schrieb: „Newo Ziro heißt Neue Zeit. Wie wird unsere Zukunft aussehen?“

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 7 von 10 Filmpunkten.

Copyright:

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Newo Ziro - Neue Zeit

Länge: 84 min

Kategorie: Documentary

Start: 21.03.2012

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Newo Ziro - Neue Zeit

Newo Ziro – Neue Zeit

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 84 min
Kategorie: Documentary
Start: 21.03.2012

Bewertung Film: (7/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten