
Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino (Il Divo – Der Göttliche) war schon immer für die Schwermut seiner Charaktere bekannt und lebt dies nun auch in “Cheyenne – This must be the place” auf eine ganz eigenartige Art und Weise aus, wenn er seinen ersten rein englischsprachigen Film konzipiert. Irgendwo zwischen Roadmovie und Selbstfindungstrip sehen wir wohl den ungewöhnlichsten Sean Penn (21 Gramm), den die Filmlandschaft bisher zu bieten hatte.
Der alternde Rockstar Cheyenne (Sean Penn) lebt zurückgezogen in seiner Villa in Dublin, während seine einzigen Gesprächspartner seine Frau Jane (Frances McDormand) und das Gothic Mädchen Mary (Eve Hewson) sind, die versuchen, sein Leben zu bereichern. Zwischen Aktienkursen und Tiefkühlpizza erreicht Cheyenne eines Tages ein Anruf seines Cousins aus Übersee mit dem Hinweis, dass sein Vater im Sterben liegt. Aus Flugangst nimmt er kurzerhand das Schiff und kommt so pünktlich zur eigentlichen Beerdigung, bei der er auf den Nazi-Jäger Mordecai Midler (Judd Hirsch) stößt. Cheyennes Vater galt als Überlebender der Konzentrationslager und versuchte seitdem, seinen Peiniger Alois Lange (Heinz Lieven) zu finden, doch vergebens. Nach einem kurzen Studium der Unterlagen beschließt Cheyenne schließlich, die Suche seines Vaters abzuschließen. Er beginnt eine Odyssee quer durch die USA, wo er auf die verschiedensten Menschen stößt, die sein Leben nachhaltig prägen sollen…
“Cheyenne – This must be the place” kann man wohl am ehesten als Roadmovie bezeichnen, in dem der alternde Rockstar Cheyenne sich auf einen Selbstfindungstrip begibt, um sein eigenes Leben und das seines Vaters zu erforschen. Er reist von New York über Michigan, New Mexiko und Utah bis hinauf in das schneebedeckte Showtown, wo er auf allerhand seltsame Mitmenschen trifft.
Als herausragend bei dieser Inszenierung muss man wohl Paolo Sorrentinos Gespür für Bilder bezeichnen, die er immer wieder durch seinen Kameramann Luca Bigazzi (Brot & Tulpen) einfangen lässt. In weiten und akrobatischen Kamerafahrten durch die Luft (es wurden sehr viel Kräne eingesetzt) zeigt er uns atemberaubende Landschaftsaufnahmen, die eine wunderbar melancholische Grundstimmung für unseren Protagonisten eröffnen und so ausschlaggebend dazu beitragen, dass Sean Penn mit seiner ganzen Schwermut immer im Mittelpunkt der Szenerie vertreten bleibt. Es gibt hierbei kaum eine Szene, in der Sean Penn nicht zu sehen ist, bildet er doch mit seinen durchweg mienelosen Gesichtszügen, dem roten Lippenstift, dem dick aufgetragenen Eyeliner und der schwarzen Zottelmähne immer genau jene Person, die voller Schwermut und Selbstzweifel durch das Leben reist und tief im Innern womöglich schon längst mit der Umwelt und dem eigenen Leben abgeschlossen hat.
Worauf Paolo Sorrentino in seiner Geschichte nun hinaus will, bleibt lange Zeit völlig im Verborgenen. Immer wieder spricht er Themen an, um sie kurz darauf wieder fallen zu lassen, immer wieder stellt er einzelne Personen vor, die Cheyenne auf die eine oder andere Weise erkennen und schon kurze Zeit später wieder in der Unendlichkeit der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Auch das Thema Holocaust scheint Sorrentino nur halbherzig zu verfolgen, ist dieses bei ihm doch nur Mittel zum Zweck, die eigene Geschichte unseres tragischen Helden nach vorne zu tragen.
Der eigentliche Held dieser Geschichte ist jedoch nicht die Geschichte, es sind auch nicht die wunderbaren Bilder von Bigazzi, es ist der unglaubliche zweimalige Oscar-Gewinner Sean Penn, der uns einmal mehr mit seiner vielfältigen Wandlung überraschen kann: Komplett ohne Mimik, ausdruckslose leere Augen, das Sprechen fällt ihm sichtlich schwer, verloren irgendwo in tiefen Depressionen, die weit zurück in seiner Vergangenheit begründet liegen.
Für diese Vergangenheit und die Reise quer durch die USA hat Sorrentino schwere Geschütze bei den Nebendarstellern aufgefahren. Mit Eve Hewson (The 27 Club) bekommen wir die Tochter von U2-Frontmann Bono zu sehen, Kerry Condon (Unleashed – Entfesselt) in der Rolle der Rachel und somit auch die beste Szene des Films, wenn Cheyenne mit Rachels Sohn den Titelsong “This Must Be the Place” der Talking Heads auf der Gitarre zum Besten gibt.
Ab dem 05.04.2012 kommt Paolo Sorrentinos Meisterwerk “Cheyenne – This must be the place” auf Blu-ray und DVD in den Handel und gehört praktisch schon jetzt zum Pflichtprogramm all jener, die gute Filme zu schätzen wissen. Das Bild ist in 1080/24p gewohnt klar und kann mit wirklich guten Farben überzeugen, während die Audiospur überaus klar in DTS-HD Master Audio 5.1 daherkommt. Wie immer haben wir uns für euch alle Extras der Blu-ray angesehen, um auch darüber ein Urteil fällen zu können. Obwohl kein Audiokommentar von Regisseur Paolo Sorrentino vorliegt, können wir dennoch auf eine beachtliche Anzahl von Interviews zurückgreifen. Ganze 37 Minuten erzählen Regisseur Paolo Sorrentino, Stefania Cella, Eve Hewson, David Byrne, Kerry Concon und Judd Hirsch über ihre jeweilige Rolle und den Film selbst.
“Cheyenne – This must be the place” ist großes Kino mit einem unglaublichen Sean Penn, den wir so wohl noch nie gesehen haben dürften. Neben der durchweg guten Besetzung der Nebenrollen werden wir mit einem der besten Soundtracks dieses Jahres belohnt.
Cheyenne, ein auf den ersten Blick nicht wieder zu erkennender Sean Penn (The Tree of Life, Milk, Into the Wild), ist – nun ja, nicht soo alt. Er ist 50 Jahre alt, trägt roten Lippenstift, schwarzen Kajal und schwarze, hochtoupierte Haare. So wie damals, als er der Frontman von „Cheyenne and the Fellows“ war. Er ist ein Gothic Rocker im selbst gewählten Ruhestand. Vom Äußeren her erinnert Cheyenne ein wenig an The Cure-Frontman Robert Smith. Ansonsten fühlt man sich stark an Lemmy von Motörhead und Ozzy Osbourne erinnert: ein Altrocker, bei dem sein früheres Leben tiefe Spuren hinterlassen hat – sowohl körperlich als auch seelisch und geistig. Er bewegt sich langsam, er spricht langsam, und auch seine Gedanken scheinen etwas schwerfällig zu sein – und doch teilweise recht scharfsinnig, mit einem eigenwilligen Blick auf die Welt. Aber das Rockstar-Leben liegt lange hinter ihm. Heute lebt Cheyenne zurückgezogen, zusammen mit seiner Frau Jane, gespielt von Frances McDormand (Transformers 3, Place, Burn after Reading), in seiner Villa in Dublin. Seine größte Bezugsperson ist neben seiner Frau das Punk/Goth-Mädchen Mary (Eve Hewson – The 27 Club), für das Cheyenne und Jane längst eine Art Elternersatz geworden sind. Als Cheyenne die Nachricht erreicht, dass sein Vater, mit dem er seit mehr als 30 Jahren nicht gesprochen hat, im Sterben liegt, beschließt er, aus seinem Alltagstrott, der aus Tiefkühlpizza, Lethargie und Depression besteht, auszubrechen und nach New York zu seinem Vater zu reisen, auch wenn er seit 30 Jahren nicht mehr geflogen ist – und das ist noch sein geringstes Problem …
Paolo Sorrentino gelingt mit Cheyenne – This must be the Place ein außergewöhnlicher Film, in vielerlei Hinsicht. Zum einen ist er von der ersten Sekunde an sehr ruhig und getragen, was natürlich stark durch die die Langsamkeit von Cheyenne zum Ausdruck kommt. Zum Anderen zeichnet Sorrentino seine Charaktere mit viel Liebe zum Detail und zur Tiefgründigkeit. Ist man vorerst versucht, den alten Goth-Rocker als lächerliche Gestalt abzutun, stellt sich schnell heraus, dass sich hinter der geschminkten Fassade weit mehr verbirgt, als ein von Drogen und Alkohol zerfressenes Gehirn. Sicherlich hat Cheyennes Rockerzeit ihre Spuren hinterlassen, doch ist er trotz allem noch immer ein scharfsinniges, wenn auch kindliches Gemüt.
Sorrentino legt einen sehr eigenwilligen und zugleich sehr sympatischen Humor an den Tag. So ist bis zum Schluss nicht klar, ob Cheyenne unfreiwillig oder eben sehr freiwillig komisch ist, wenn er z. B. seine Jane fragt, warum sie das Wort „Cuisine“ hat an die Küchenwand schreiben lassen, da er ja wisse, dass es die Küche sei.
Sorrentino verbindet in seinem Film ein klassisches Roadmovie mit einer Detektivstory: Cehyennes Vater war Zeit seines Lebens darauf fixiert, seinen Peiniger aus Auschwitz zu finden. Leider konnte er dieses Ziel zu Lebzeiten nicht erreichen, und so übernimmt Cheyenne die Suche, nach dem Auschwitz-Aufseher, nach seinem Vater und nach sich selbst – auch wenn er sagt, er sei nicht auf einem Selbstfindungstripp, denn er sei in New-Mexico und nicht in Indien.
Der Titel des Films geht auf den Talking-Heads-Song „This must be the place“ zurück. David Byrne spielt in einer Nebenrolle sich selbst und performed zusammen mit seiner Band in einer weiteren Szene eben diesen Song. Die Filmmusik stammt ebenfalls aus seiner Feder.
Ein von Anfang an sehr sympatischer Film mit ruhigen und trotzdem charismatischen Charakteren, die man sehr schnell sympatisch findet. Ein ruhiges und getragenes Roadmovie über die späte Selbstfindung eines kautzigen, aber liebenswerten Alt-Rockers, mit einem tollen Soundtrack. Nicht nur für Musikfans der alten Schule wirklich empfehlenswert.
Beschreibung: Jack (Hunter McCracken) wächst in den 60er-Jahren im mittleren Westen der USA als ältester von drei Brüdern auf. Vordergründig scheint die Welt in Ordnung. Alles geht seinen gewohnten Gang, jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft. Der sonntägliche Kirchgang gehört ebenso zum festen Ritual wie die gemeinsamen Mahlzeiten im Kreis der Familie.
Aber der kleine Jack sieht die Risse in der Fassade. Wie seine Mutter (Jessica Chastain) hat er die Fähigkeit, mit der Seele zu sehen und dadurch Liebe und Empathie zu entwickeln. Sein Vater (Brad Pitt) hingegen predigt dem Kind, unnachgiebig für die eigenen Interessen zu kämpfen. Er will ihn stärken für das “richtige, feindliche Leben”. Jack ist hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern und ihren Idealen. Als er im Laufe seiner Kindheit mit Krankheit, Leid und Tod konfrontiert wird, verdüstert sich seine heile Kinderwelt und erscheint ihm immer mehr als undurchdringliches Labyrinth.
Laufzeit: 139 min
Kategorie: Drama
Bewertung: 7/10
The Tree of Life ist das neuste Meisterwerk von Regisseur Terrence Malick und war in Cannes einer der Überraschungserfolge schlechthin. Einige Kritiken waren durchschnittlich, der großteil aber voller Begeisterung. Der Film läuft nun seit nun mehr 3 Wochen in dieversen Programmkinos und nun kam ich auch endlich dazu, ich war gespannt!
Normalerweise kann ich Brad Pitt nicht viel abgewinnen, hier aber ein dickes Lob. Schauspielerisch wirklich sehr gut und auch die Leistung von Sean Penn, Hunter McCracken und vor allem Jessica Chastain oberstes Niveau. Der ganze Film ist sehr geprägt vom Glauben, allen voran an Gott. Auch wenn man nicht religiös ist keine Scheu, wirklich sehr gut umgesetzt und mit vielen rhetorischen Fragen gefüllt. Insgesamt überwiegt im ganzen Film die Arbeit mit unterbewussten Fragen auf welche der Film durchaus nicht freiwillig antworten liefert. Tree of Life ist einer jener Filme zum nachdenken, über die man auch hinterher noch Stundenlang diskutieren kann, herlich. Für jene wie mich die Opern und klassische Musik zu schätzen wissen, ist Tree of Life auch rein musikalisch ein wirklich schöner Film. Sehr gute musikalische Untermalung mit diversen Stücken aus der klassischen Musik bis hin zu großartigen italienischen Opern.