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Eine Handvoll Wasser

Geschrieben von Peter Gutting am 10. Oktober 2021

Jakob Zapf hat einen guten Draht zu Leinwandstars. Schon für seinen Kurzfilm „Sein Kampf“ (2013) konnte er Günter Lamprecht gewinnen, der durch die Serie „Berlin Alexanderplatz“ (1980) von Rainer Werner Fassbinder Film- und Fernsehgeschichte geschrieben hat. Für sein Langfilmdebüt engagierte Zapf die Legende Jürgen Prochnow („Das Boot“), dem das Drehbuch gut gefiel. Prochnow brilliert als verbitterter Rentner, der durch die Begegnung mit einem Kind wieder Freude am Leben gewinnt.

So mag man sich einen AfD-Wähler vorstellen: Konrad (Jürgen Prochnow) hasst Ausländer, hat etwas gegen Lesben und greift auch mal zur Selbstjustiz. Besonders, wenn „Zigeuner“, wie er vermutet, in den Keller seines Einfamilienhauses einbrechen. Selbst als er feststellt, dass er gerade die elfjährige Thurba (Milena Pribak) mit seiner Nagelschusspistole verletzt hat, kommt dem alten weißen Mann keine Entschuldigung über die Lippen. Was hat das aus dem Jemen geflohene und von Abschiebung bedrohte Mädchen auch in seinem Haus zu suchen? Der 85-jährige Griesgram will den Störenfried so schnell wie möglich wieder loswerden. Doch so herzlos, dass er ihr nicht den verwundeten Arm verbinden würde, ist er auch wieder nicht. Möglicherweise war der Mann, der Thurbas Groß- oder Urgroßvater sein könnte, nicht immer so grantig. Vor zwei Jahren hat Konrad seine Frau verloren. Noch immer sitzt der Schmerz tief. Das ist dem cleveren Mädchen nicht entgangen, dessen Lebendigkeit den alten Mann aus der Reserve lockt.

Ein gesunkenes Boot liegt am Boden des großen Aquariums, vor dem Konrad so gerne sitzt. Viel ist ihm nicht mehr geblieben vom Leben, aber die Fische füttert er mit großer Sorgfalt. Es ist still in dem Kellerraum, den das Bassin mit den farbenfrohen Tieren fast komplett füllt. Niemand hier nervt, nicht Konrads lesbische Tochter Ingrid (Anja Schiffel) und auch nicht die übergriffige Nachbarin, die sich ungebeten ins Konrads Angelegenheiten einmischt. Fast zärtlich streut der alte Mann das Futter ins Wasser. Mit Fischen kennt er sich aus, mit Menschen nicht mehr.

Das nasse Element ist ein Leitmotiv im ersten langen Spielfilm von Jakob Zapf. Es steht unaufdringlich für einen stummen Rückzug, ist aber zugleich ein Symbol für Wachstum und Leben, vor allem in einem trockenen Land wie dem Jemen, aus dem Thurba mit ihrer Mutter (Pegah Ferydoni) und den kleineren Brüdern fliehen musste. Über die Faszination für Fische können sich das Mädchen und der alte Mann verständigen, deren Darsteller ein kongeniales Paar abgeben, obwohl der Film nicht unbedingt für sie geschrieben wurde. Regisseur Zapf und seine Co-Autoren B. A. Ashu und Marcus Seibert hatten eigentlich erst an Günter Lamprecht gedacht, mit dem Zapf den Kurzfilm „Sein Kampf“ (2013) gedreht hatte. Doch das Projekt für den ersten Langfilm zog sich hin und der heute über 90-Jährige Schauspieler traute sich die Strapazen einer Hauptrolle nicht mehr zu und schlug statt dessen Weltstar Jürgen Prochnow („Das Boot“) vor. Der hagere Griesgram ist ein Glücksfall für den Film. Nicht allein deshalb, weil man ihm die schlechte Laune problemlos abnimmt: Trotz minimalistischer Mimik lässt Prochnow das Veränderungspotenzial seiner Figur immer mitschwingen.

Noch komplizierter war es, die Figur des Mädchens zu besetzen, erzählt der Regisseur in einem Zeitungsinterview. Erst zwei Wochen vor Drehbeginn wurde das Casting auf sie aufmerksam. Aber die wenige Zeit der Vorbereitung merkt man der unverkrampft aufspielenden Kinderdarstellerin überhaupt nicht an. Gemeinsam mit Prochnow bildet sie das Kraftzentrum des Films. Natürlich ist das Spiel mit Gegensätzen – hier der knurrige Alte in seinem Schneckenhaus, dort die kecke Göre, die am liebsten Jungskleider trägt – keine taufrische Idee. Aber Prochnow und Milena Pribak reiben sich derart erfrischend aneinander, dass einem warm ums Herz wird. Durch sie bekommt das ernste Sozialdrama einen angenehm humoristischen Unterton.

Solange es nur um den alten Mann und das Mädchen geht, umschifft der Film stilsicher die Klippen der Gefühligkeit, die der Stoff per se kaum vermeiden kann. Schwieriger ist die Kombination mit dem zweiten Handlungsstrang, der sich um das gestörte Verhältnis von Konrad zu seiner Tochter Ingrid dreht. Hier will der politisch engagierte Film eindeutig zu viel. Nicht nur seine Fremdenfeindlichkeit soll Konrad hinter sich lassen, sondern auch seine Homophobie. Beides ballt und verwebt sich in der Schlussphase, die haarscharf an Klischees entlangschrammt. Eine solche Nähe zum moralischen Zeigefinger würde man eher einer Fernsehproduktion zutrauen als einem Film, der vor allem auf Festivals und im Arthousekino zu Hause sein will.

„Eine Handvoll Wasser“ erzählt die komplizierte Annäherung zwischen einem alten weißen Mann und einem Flüchtlingsmädchen als überzeugendes Schauspielerkino, das von der Präsenz seiner Darsteller lebt. Das Drehbuch übertreibt allerdings gegen Ende die politische Korrektheit.

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Copyright: Jip Film

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Länge: 90 min

Kategorie: DRama

Start: 11.11.2021

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Eine Handvoll Wasser

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Länge: 90 min
Kategorie: DRama
Start: 11.11.2021

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