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Vatersland

Geschrieben von Peter Gutting am 14. September 2021

Petra Seeger dreht Dokumentarfilme seit 1979. Ihr beliebtestes Sujets sind Porträts, bei denen es ihr auf den persönlichen Zugang ankommt. Besonders deutlich wird dies in ihrer Begegnung mit dem Hirnforscher Eric Kandel („Auf der Suche nach dem Gedächtnis“, 2008). Nun aber entwirft sie ein Selbstporträt, das sie „autobiografischen Spielfilm“ nennt. Wie sie selbst arbeitet ihre Protagonistin als Filmemacherin. Und wie sie selbst verfügt sie über ein gigantisches Archiv an privaten Filmen und Fotos. Denn der Vater war Fotograf, so dass eigentlich immer einen Kamera zwischen ihm und seiner Tochter stand. In einer Mischung aus Spielhandlung und Doku-Material entsteht ein faszinierendes Porträt der 1950er und 1960er Jahre aus konsequent weiblicher Perspektive.

Marie (Margarita Broich) ist Filmemacherin und für den Geschmack ihrer Tochter derzeit zu oft zu Hause. „Schreib‘ doch mal ein neues Drehbuch“, rät Partner Michael (Eric Langner) diplomatisch. Aber Marie fällt nichts ein. Bis ihr eines Tages eine große Holzkiste ins Haus geschickt wird. Es sind die Schätze ihres Vaters: Kameras, Fotos, 16-mm-Filmrollen – quasi Maries Kindheit und Jugend auf Zelluloid gebannt. Die Regisseurin nimmt die Kiste mit in ihr Studio und versenkt sich in das Material. Erinnerungen steigen hoch, lange Verdrängtes meldet sich zurück. Und vor den Augen der Zuschauer entfaltet sich ein Panorama, das einerseits ganz persönlich ist und zugleich universell.

Zu den lustigsten Erinnerungen gehört die, als Vater (Bernhard Schulz) zum ersten Mal kochte. Der Fotograf, der wie alle Väter der 1950er und 1960er seine Frau am liebsten am Herd sah, serviert seinem Sohn Wolfgang (Matti-Schmidt-Schaller) und seiner Tochter Marie (als Acht- bis Zehnjährige gespielt von Felizia Trube) eine angeblich französische Spezialität, ganz frisch vom Metzger, angerichtet in einer Art von schwer angesagtem Purismus, nämlich mit nullkommanichts. Keine Soße, keine Beilage, kein Gewürz. Einfach nur Schweinsohren, die eine Weile im Wasser gekocht haben. Iiih, entfährt es dem Sohn und die Tochter schüttelt sich vor Schaudern. Ein Glück, dass genau in dem Moment der Nachbar klingelt und man die ekligen Lappen schnell verschwinden lassen kann, unter Vorgaukelung der falschen Tatsache, sie hätten wunderbar geschmeckt.

Es ist ein Leben in vielen Farben. Komik und Tragik liegen eng beieinander. Denn der Grund für die Bekanntschaft mit den Schweinsohren ist der frühe Krebstod der Mutter (in den Rückblenden ebenfalls von Margarita Broich gespielt). Marie war da gerade einmal zehn, so alt wie ihre Tochter heute. Nicht nur der Vater war damals unfähig zu trauern, auch Marie hat diese Zeit bis heute nicht wirklich verdaut. Das ist auch der Grund, warum jetzt alles wieder hochkommt und Marie in einer Art filmischem Therapieprozess ihrem inneren Kind und der inneren jungen Frau aufs Neue begegnet, verkörpert von drei verschiedenen Schauspielerinnen, neben der genannten Felizia Trube (acht bis zehn Jahre) noch Momo Beier (zehn bis 14 Jahre) und Stella Holzapfel (14 bis 18 Jahre). In keinem dieser Lebensabschnitte war es einfach. Marie musste entweder mit dem überforderten, auf ein reaktionäres Frauenbild fixierten Vater klarkommen. Oder sie wurde zu den Großeltern beziehungsweise ins Internat abgeschoben.

Man könnte denken, Marie sei zu hundert Prozent identisch mit Regisseurin und Autorin Petra Seeger, die hier ihr eigenes Leben (und das ihrer Generation) erinnert. Aber es ist komplexer, wie eine Schrifttafel gleich zu Beginn erläutert, die den französischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Claude Simon zitiert: „Alles ist autobiografisch, auch das Erfundene“. Es mag also sein, dass der von Bernhard Schulz gespielte Vater nicht eins zu eins Petra Seegers eigenen Vater verkörpert. Zumal die Regisseurin im Presseheft darauf besteht, dass es sich bei „Vatersland“ um einen Spielfilm handele. Und zudem schreibt, es gehe nicht um Anklage, auch wenn der Mann seine Kinder mit militärischer Disziplin erziehen will. Jedenfalls weiß er es zeitbedingt nicht anders. Und bietet sich damit zur Identifikation mit dem eigenen Vater der Zuschauerin und des Zuschauers an. Schließlich geht es nicht nur darum, dass diesen Vätern der Krieg und ihre Schuld im Nazi-Regime lebenslang in den Kleidern steckten. Sondern dass sich dies auch auf ihre Töchter und Söhne auswirkte.

Nicht die Frage der Authentizität ist entscheidend und auch nicht die Virtuosität, mit der die Montage Doku-Material ihrer eigenen Familie mit Spielszenen verschmilzt. Der Clou des Films ist ein anderer: Indem sich Petra Seeger sowohl ihres Vaterlandes wie der „Man‘s World“ ihres Vaters vergewissert, sieht sie das Land und die Schicksale der Frauen aus einer berührenden und viel zu seltenen Perspektive: der der Frauen. „Das ist nichts für Mädchen“, hatte der Vater gesagt, als sie seine Kamera anfassen wollte. „Mädchen gehören vor die Kamera“. Sie hat sich nicht daran gehalten. Und der erste Spielfilm nach einer langen Karriere als Dokumentarfilmerin bestätigt aufs Schönste, wie wichtig es ist, wenn Frauen ihre eigene Sicht der Dinge schildern.

Zu Beginn lässt sich die Geschichte viel Zeit für das individuelle Schicksal eines viel zu frühen Verlusts der Mutter. Aber nach und nach schält sich das Universelle umso schöner heraus: die verdrängten Traumata in der Kindheit von uns allen, die nur dann weniger belasten, wenn wir uns ihnen stellen.

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Länge: 118 min

Kategorie: Drama

Start: 01.01.2022

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Vatersland

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 118 min
Kategorie: Drama
Start: 01.01.2022

Bewertung Film: (8,0/10)

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