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Beflügelt – Ein Vogel namens Penguin Bloom

Geschrieben von Peter Gutting am 5. August 2021

Die Filmgeschichte ist voll von schrecklichen Schicksalsschlägen und schlimmen Krankheiten. Man denke etwa an Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ (2007), dessen Held am „Locked-In“-Syndrom erkrankt. Vollständig gelähmt, arbeitet nur noch das Gehirn – und das Augenlid, das einzige Instrument der Verständigung. Der Film inszeniert das realistisch bis zur Schmerzgrenze. Am anderen Ende des möglichen Spektrums steht die Querschnittlähmung, von der Regisseur Glendyn Ivin erzählt. Der Australier schildert eine reale Geschichte in nicht nur erträglichen, sondern manchmal sogar lustigen und lebensfrohen Farben.

Thailand, ein Traumurlaub. Nach einem langen Tag am Strand läuft Sam (Naomi Watts) ihrem Sohn Noah (Griffin Murray-Johnston) hinterher. Er will ihr zeigen, was er entdeckt hat: die traumhafte Aussicht auf der Hotelterrasse. In der Tat, der Blick ist paradiesisch. Sam ist begeistert. Sie läuft herum, probiert alle Perspektiven aus, lässt sich faszinieren. Irgendwann stellt sich die dreifache Mutter rücklings an ein Geländer. Lehnt sich nach hinten, stützt sich mit den Händen ab. Dann ein Schrei, Entsetzen. Das Geländer bricht. Schnitt, Schwarzblende, Ende der Szene. Wie und wohin Sam gefallen ist, muss niemanden interessieren. Jeder wird es sich selbst ausmalen.

Bis dahin führte Sam ein beneidenswertes Leben: Traumhaus am Meer, morgens raus zum Surfen, liebevoller Ehemann (Andrew Lincoln), drei glückliche Jungs. Alles ist perfekt bis zu diesem Familienurlaub in Thailand. Im Rollstuhl kehrt sie nach monatelangem Krankenhausaufenthalt und Reha ins Haus der Familie zurück. Jede Sekunde erinnert sie hier an ihr altes Leben– es ist die Hölle einer schweren Depression. Bis nach drei harten Monaten Sohn Noah eine verletzte Elster mit nach Hause bringt. Wie Sam ist das Tier tief gefallen, wie die Gelähmte ist es, mit gebrochenen Flügeln, vertrieben aus seinem gewohnten Element.

Die Geschichte der australischen Familie Bloom hat nicht erst als Film Furore gemacht. Sie ist real und bestens dokumentiert. Sams Ehemann Cameron Bloom arbeitet im Film wie im wirklichen Leben als Profi-Fotograf. Er stellte die Fotos des Vogels 2013 auf Instagram und veröffentlichte 2016 zusammen mit dem australischen Autor Bradley Trevor Greive einen Bild- und Textband. Ein Jahr später erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel „Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“, auch hierzulande ein Bestseller.

Trotz des realen Vorbilds hat ein Film natürlich unzählige Möglichkeiten, die schon öfter erzählte Geschichte vom Kampf gegen die Depression nach einer Querschnittslähmung in Bilder umzusetzen. Der australische Regisseur Glendyn Ivin und das Drehbuch von Shaun Grant und Harry Cripps entscheiden sich für die zuschauerträchtigste. Das bedeutet in diesem Fall einen Mix, bei dem für jeden etwas dabei ist: wenig Drama, ein Hauch Märchen, ein Tupfer Kinderfilm, eine Prise Humor und natürlich ganz viel Tierfilm. Das funktioniert, vor allem wenn man nicht zu viel über Marketingstrategien nachdenkt, sondern sich einfach in das Schicksal der Musterfamilie hineinfallen lässt. Ganz im Ernst: Die Filmemacher inszenieren die wahre Geschichte von Penguin Bloom emotional glaubwürdig und mit starken Identifikationsangeboten.

Aber man muss auch sagen: In dem bitter-süßen Spektrum, das die Vorlage anbietet, schlägt sich der Film auf die Seite des Süßlichen. Manchmal sogar ganz wörtlich. Einmal nämlich fällt Elster Penguin, die von Sohn Noah wegen ihres schwarz-weißen Federkleids und dem watschelnden Gang so benannt wurde, in einen Honigtopf. Sam, mit dem Vogel allein zu Haus, muss ihn retten, obwohl sie das Tier eigentlich nur der Kinder wegen duldete. Der Beginn einer großen Freundschaft wird untermalt durch einen Wechsel der Farben und des Lichts: von gedämpft zu sonnig hell. Zum ersten Mal zeigt die Kamera das herrlich gelegene Haus mitsamt der Bucht bei Tageslicht, in der vollen Pracht dieses paradiesischen Fleckchens Erde. Das Haus ist übrigens das echte Haus der Blooms. Die Familie stellte es für den Dreh zur Verfügung.

Die filmischen Strategien wirken manchmal glatt, aber Hauptdarstellerin Naomi Watts scheint sich aufzulehnen gegen die süßlichen Töne. Ihre Interpretation des alles auf den Kopf stellenden Schicksalsschlags ist rauh und ungeschminkt, näher an der Realität und an anderen, härteren Filmen zum Thema. Ihre facettenreiche Darstellung beschönigt den Schmerz nicht, sondern taucht tief in ihn ein. Zugleich aber gibt sie glaubhaft die Mutter, die ihre Kinder nicht belasten möchte: zerrissen von äußerer Fassade und innerer Verzweiflung. Einmal, als Ehemann Cameron sie nach ihrem Befinden fragt, antwortet sie lächelnd, sie sei okay – nur um in einem Sekundenbruchteil das Gesicht einfrieren zu lassen, starr vor unterdrückter Wut.

„Geflügelt – Ein Vogel namens Penguin Bloom“ erzählt vom Schicksal einer querschnittsgelähmten Mutter, die ihre Depression überwinden muss. Zwar wirkt die Inszenierung manchmal ziemlich glatt, aber die Geschichte ist real und herzergreifend. Und natürlich ein Muss für alle Freunde romantischer Tierabenteuer.

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Copyright: Leonine

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Länge: 96 min

Kategorie: Drama

Start: 19.08.2021

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Beflügelt – Ein Vogel namens Penguin Bloom

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 96 min
Kategorie: Drama
Start: 19.08.2021

Bewertung Film: (6/10)

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