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Mitgefühl

Geschrieben von Peter Gutting am 28. Juli 2021

Wenn es um alte und demente Menschen geht, fällt oft das Wort vom „Pflegenotstand“. Jeder, der schon einmal ein Heim von innen gesehen hat, weiß, was das für den einzelnen alten Menschen bedeutet: zu wenige Pfleger, zu wenig Zuwendung, im schlimmsten Fall Ruhigstellung durch Medikamente. Dass es anders geht, zeigt der dänische Dokumentarfilm von Louise Detlefsen. Das Porträt dieses Ausnahmefalls im Pflegebereich ist eine Art Pendant zu „Herr Bachmann und seine Klasse“ im Schulwesen. Beide Filme zeigen: Menschlichkeit und Respekt sind möglich, sowohl im jungen wie im ganz hohen Alter.

Bevor Vibeke und Thorkild eintreffen, kommt erst einmal ein großer Möbelwagen. Hier, im dänischen Dagmarsminde, bezieht das alte Apotheker-Ehepaar sein neues Zuhause. Bei Vibeke wurde Alzheimer diagnostiziert, sie kann nicht mehr sprechen und nicht richtig essen. Ihren Mann Thorkild macht das manchmal wütend. Er erträgt es nicht, seine einst vergötterte Frau so zu sehen. Ihre Krankheit verdrängt er, und in ein Pflegeheim will er schon gar nicht. Die Kinder haben ihren betagten und hilflosen Eltern gesagt, das hier sei eine Reha. Es gehe darum, dass Vibeke wieder laufen lerne. Auch das Team des kleinen privaten Pflegeheims beschließt, Thorkild zu schonen, ohne ihn anzulügen. Wie das aussehen kann, erfahren wir ein paar Szenen später. Thorkild möchte im Garten spazieren, hat sich von der Garderobe aber eine Frauenjacke genommen. Die liebevolle Pflegerin, die jeden berührt und streichelt, übergeht den Faux Pas elegant: „Thorkild, ich hole dir deinen Mantel, diese Jacke ist nicht warm genug“.

Wie in einer großen Familie leben in der ehemaligen Tischlerei elf bis zwölf alte Menschen zusammen. Alle passen um den großen Frühstückstisch, wo am nächsten Morgen einer nach dem anderen aus seinem eigenen Zimmer eintrudelt. Warum ihr die menschliche Wärme, das In-den-Arm-Nehmen und Über-die-Schulter-Streicheln, so wichtig sind, erklärt Heim-Gründerin May Bjerre Eiby einer französischen Besuchergruppe auf sehr persönliche Weise. Sie arbeitete schon mit 17 in einem normalen Pflegeheim und war schockiert. Die alten Menschen wurden allein gelassen, die Stimmung war gereizt und aggressiv. Jahre später musste ihr eigener Vater in ein Heim. Nach fünf Monaten starb er an schwerer Vernachlässigung, so empfand sie es. Damals fiel der Entschluss, etwas zu ändern. Eibys Pflegekonzept heißt deshalb „Mitgefühl und Umsorgung“. Abstrakte Worte, die Louise Detlefsens einfühlsame filmische Beobachtung mit Leben füllt.

Ein wenig ist der Film so wie der Umgang der Pflegerinnen mit ihren Schützlingen. Er scheint die Leinwand zu streicheln, lyrische Naturbilder unterbrechen das Geschehen so wie das gemeinsame Singen den Alltag dieser betreuten Wohngemeinschaft. Die sanft geführte Handkamera von Per Fredrik Skiöld mischt sich unauffällig ins Geschehen. Sie kommt den individuellen Eigenheiten jedes einzelnen so nahe, dass sie erst unmittelbar vor der Intimsphäre halt macht – aber das so nachdrücklich, dass die Würde der betagten Frauen und Männer nicht nur gewahrt wird, sondern geradezu gefeiert. Es ist, als sei das Filmteam gar nicht im selben Raum gewesen, so unmittelbar verschaffen die respektvollen Bilder einen Einblick in die Atmosphäre des liebevollen Miteinanders. Trotz der idyllischen Lage des Heims mit seinen Tieren und dem Garten vermeidet Regisseurin Louise Detlefsen die Vorgaukelung eines Paradieses. Es gibt Probleme, und das größte ist natürlich das Altern selbst, das auch Heim-Gründerin May Bjerre Eiby nicht wegzaubern kann und will.

Die Botschaft des Films liegt in den Bildern. Sie wird nicht ausgesprochen und ist doch jedem Betrachter klar: Eine menschliche Pflege, auch von schwer Demenzkranken, ist möglich. Wie das im Einzelnen funktioniert – auf welcher Finanzbasis, mit welcher Unterstützung von Pflegekassen und Staat – ist nicht Teil des dramaturgischen Konzepts. Zu viel Faktenhuberei, Interviews, Positionen und Gegenpositionen, würden diesen sanften Bilderfluss stören. Und ihm seine Intensität nehmen. Auch wenn es nicht einfach sein mag, sich implizit mit der letzten Phase des eigenen Lebens zu beschäftigen – hier wird es dem Zuschauer so zärtlich und behutsam nahegebracht, wie die Pflegerinnen von Dagmarsminde mit ihren Schützlingen umgehen.

„Mitgefühl“ ist ein ungeheuer intensiver Dokumentarfilm über ein alternatives Pflegekonzept aus Dänemark. Er zeigt eine fast märchenhafte Umsorgung, die Anstoß geben sollte für ein Umdenken. Das visuell eindrückliche Porträt demonstriert mit sinnlicher Kraft, dass in dem kleinen dänischen Pflegeheim nicht nur die Betreuten, sondern auch die Beschäftigten aufblühen wie die liebevoll arrangierten Blumen in allen Zimmern.

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Wir vergeben daher 8,0 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino, Per Fredrik Skiöld

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Länge: 94 min

Kategorie: Documentary

Start: 23.09.2021

cinetastic.de Filmwertung: (8,0/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 94 min
Kategorie: Documentary
Start: 23.09.2021

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