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Generation beziehungsunfähig

Geschrieben von Peter Gutting am 22. Juli 2021

„Einmal bitte alles“ heißt das Spielfilmdebüt von Helena Hufnagel aus dem Jahr 2017. Treffender und selbstironischer als mit diesem Titel kann man das Lebensgefühl der Millenium-Generation kaum auf den Punkt bringen. Alle Möglichkeiten stehen offen. Doch welche wählen, wenn man im Prinzip nur weiß, was man nicht will? Kein Wunder, dass die 35-jährige Regisseurin nun eine Idealbesetzung war, als es darum ging, den Sachbuchbestseller „Generation beziehungsunfähig“ von Michael Nast zu verfilmen. Mit den Dating-Apps ist es wie mit der Quarterlife-Krise der beinahe Dreißigjährigen. Warum sich binden, wenn an der nächsten Ecke schon ein Anderer steht? Und warum weinen, wenn man endlich wieder ins Kino gehen und eine Wohlfühlkomödie sehen darf?

Weißt du, was ich an Pistazien so liebe? Das will Ghost (Luise Heyer) von Tim (Frederick Lau) wissen. Antwort: Dass sie eine harte Schale haben. Ob Tim dem Knabberzeug gleicht, wird Ghost gleich herausfinden. Er fällt nämlich vom Baugerüst, auf das die beiden geklettert sind. Ghost selber ist jedenfalls kein Weichei, das ergibt sich schon aus ihrem Namen. Kleine Nachhilfe für ältere Semester: Ghosten heißt, sich mit jemandem per App zum Sex verabreden und dann nie wieder von sich hören zu lassen. Eigentlich ist das eher so ein Männerding, aber darum schert sich Ghost nicht. Sie zieht ihre eigene Interpretation von Feminismus durch. „Wollen wir etwas trinken“, fragt Tim, als sich Ghost mit ihm zum Sex trifft. „Dafür habe ich keine Zeit“. Ghost will immer nur das eine, eigentlich genau wie Tim.

Die Sache mit dem Daten und dem Ghosten könnte man zum Anlass für gesellschaftskritische Analysen nehmen. Immerhin ist es ist nicht ganz unbedenklich, wenn alle nur noch als Single leben wollen. Doch dafür hat die Komödie um das „merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ (Filmtitel von 1998) keine Zeit. Das zugrunde liegende Sachbuch ist für Helena Hufnagel eher ein Aufhänger, um weiter wischen zu können zu einer ganz klassischen romantischen Komödie. Denn wie die Story von zwei anfangs widerborstigen und aus Überzeugung bindungsunwilligen Partnern ausgeht, hat man im Kino schon oft gesehen.

Wichtiger als das Ziel ist deshalb der Weg. Und da hat „Generation beziehungsunfähig“ einiges zu bieten: knackige Dialoge, hübsche Einfälle und eine gute Portion Situationskomik. Nicht die schlechteste Idee war es, den als Schriftsteller und in einer Social-Media-Agentur tätigen Tim mit seiner Teenager-Nichte Mia (Julianna Kovacs) zu paaren. Die zieht für ein paar Wochen bei ihm ein und hat sich gerade von ihrem ersten Freund getrennt, weil der „klammerte wie ein Klette“. Also etwas tat, das für Tim, wie wir ihn zunächst kennenlernen, das Abscheulichste aller Abscheulichkeiten darstellt. Wie nun aber Hauptdarsteller Frederick Lau, der harte Hund aus Filmen wie „Victoria“ (2015) oder „Picco“ (2010), seine harte Schale in den Weichspüler taucht, ist herzzerreißend komisch. Mit Mitte 30 den ersten Liebeskummer? Das gibt es eben nur bei der Generation Tinder.

War Helena Hufnagels Erstling „Einmal bitte alles“ noch eine Mischung aus Tragik und Komödie, aus Generationenporträt und gutem Timing, ist die Regisseurin jetzt komplett ins Humorfach gewechselt. Daran lässt sich herumkritteln. Man kann ihr und der Drehbuch-Coautorin Hilly Martinek Oberflächlichkeit vorwerfen. Sicher hätte man aus der Thematik mehr herausholen können, und sicher erfindet der Film das Genre der romantischen Komödie nicht neu.

Aber er ist flott gemacht, taugt für einen lauen Sommerabend und unterscheidet sich von anderen deutschen Beziehungskomödien dadurch, dass die Gags nicht unter die Gürtellinie zielen, selbst wenn das thematisch allzu nahe gelegen hätte. In den Bildern von Kameramann Andreas Berger liegt mehr Romantik, als sich die Protagonisten zugestehen wollen. Und in den Dialogen lauern tiefere Abgründe, als man einem Mainstream-Film zutrauen würde.

Der Titel von Helena Hufnagels zweitem Kinospielfilm lockt auf eine falsche Fährte. „Generation beziehungsunfähig“ beleuchtet Zeitgeistphänomene höchstens im Vorübergehen. Der Film setzt in erster Linie auf Unterhaltung und gute Laune. Wer sich danach noch über Tinder und Co. Gedanken machen möchte, findet im Film natürlich Anlässe zuhauf. Vielleicht wäre es aber besser, noch eine Weile über Frederick Laus komödiantische Glanznummern zu schmunzeln.

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Copyright: Warner Bros.

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Länge: 84 min

Kategorie: Comedy

Start: 29.07.2021

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Generation beziehungsunfähig

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 84 min
Kategorie: Comedy
Start: 29.07.2021

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