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The Dissident

Geschrieben von Peter Gutting am 25. März 2021

Im Oktober 2018 erschütterte ein unglaublicher Fall die Weltöffentlichkeit. Jamal Khashoggi, ein aus Saudi-Arabien emigrierter regimekritischer Journalist, geht in ein Konsulat seines Heimatlandes und wird dort im staatlichen Auftrag ermordet. Eigentlich sind die Nachrichtenbilder noch zu frisch, um daraus etwas wirklich Kinotaugliches zu machen. Aber der US-Regisseur Bryan Fogel blickt in seiner packenden Dokumentation so tief in die Ab- und Hintergründe dieses Skandals, dass selbst aufmerksame Zeitungsleser ungeahnte Neuigkeiten erfahren.

Ein Mann in einem Hotelzimmer. Seine Stimme am Handy ist nervös. „Ich erzähl‘ dir nicht alle Details“, sagt er zu seinem anonymen Gesprächspartner. Und: „Ich schick dir ein Video. Sobald du es gesehen hast, lösch‘ es sofort“. Von etwas Illegalem ist die Rede. Von einem Vergehen, das Allah nicht gefallen wird. Das aber trotzdem durchgezogen werden muss, denn es gehe um Vergeltung. Noch wissen wir nicht, um wen es sich bei dem bärtigen jungen Mann mit der auffälligen Teddyfell-Jacke handelt, die er anscheinend niemals auszieht. Es liegt Spannung über den ersten Szenen, Verwirrung, die Ahnung eines Komplotts. So beginnen Thriller. Und auch „The Dissident“ hat etwas davon. Es verhindert, dass wir schon alles zu wissen glauben und uns gemütlich zurücklehnen, um die Schurken dieser Welt mit Abscheu zu betrachten.

Omar Abdulaziz heißt der junge Mann, der sich trotz seines konspirativen Raunens zu einer Identifikationsfigur mausern wird. Er kam aus Saudi-Arabien, um in Montreal zu studieren. Irgendwann schrieb er regimekritische Blogs über sein Heimatland, geriet ins Visier des Königshauses. Das verbindet ihn mit Jamal Khashoggi, der ihn irgendwann unterstützte, mit ihm diskutierte und ihm Geld schickte. Der Student wird später im Film eine exklusive, bisher nicht in der breiten Öffentlichkeit diskutierte These aufstellen, warum sein älterer Mitstreiter ermordet wurde. Zuvor jedoch widmet sich Regisseur Bryan Fogel (Oscar für „Ikarus“, 2017) dem 60-Jährigen selbst. Jamal Khashoggi war in der arabischen Welt ein bekannter Journalist, einer der bestinformierten Berichterstatter und Kommentatoren, der 30 Jahre beste Beziehungen zum saudischen Königshaus pflegte. In Westen kannten ihn vor seinem Tod jedoch nur wenige. Deshalb zählt es zu den größten Stärken des Films, ein kleines Porträt von ihm zu zeichnen.

Wir lernen – im Gegenschnitt zur Rekonstruktion des Mordes – einen freundlichen älteren Herrn kennen, der seine Ansichten moderat präsentiert, freundlich, ohne Eifer, oft mit einem Lächeln im Gesicht. Das ändert sich auch nicht, als er sich seit 2016 nach und nach mit Kronprinz Mohammed bin Salman überwirft, dem starken Mann des Landes, im Film meist „MbS“ genannt. Der Anlass ist – aus heutiger Sicht irgendwie tragisch – Donald Trump. Der neu gewählte Präsident umwirbt die Saudis, MbS erhofft sich große Vorteile von einer Kooperation. Khashoggi jedoch kritisiert Trump in den offiziellen saudischen Medien.

MbS reagiert prompt. Erst lässt er den Kritiker zunächst warnen. Als das nicht fruchtet, befiehlt er ihm zu schweigen. 2017 reist Khashoggi in die USA aus, lässt Frau und Kinder schweren Herzens zurück. Er beginnt, für die Washington Post zu schreiben und die Blogger um den oben erwähnten Omar Abdulaziz zu unterstützen. Ein Jahr später lernt er auf einer Konferenz in der Türkei die junge Doktorandin Hatice Cengiz kennen. Sie verlieben sich und wollen heiraten. Das ist der Grund, warum Khashoggi ins Istanbuler Konsulat geht, um sich die Bestätigung zu holen, dass er inzwischen wieder ledig ist.

Hatice Cengiz bildet das emotionale Kraftzentrum des Films, Omar Abdulaziz das politische. Der junge Blogger gibt Einblicke in digitale Überwachungsmethoden und Cyber-Kriege. Mit ihm gewinnt der Fall Khashoggi eine neue Dimension, über den Mord an einem unliebsamen Kritiker hinaus. „The Dissident“ weist nach, dass Firmen aus demokratischen Staaten Aussphäh-Software als digitale Waffe an Diktatoren verkaufen, die viele Menschenrechtsverletzungen erst möglich machen. Bei realen Waffen ist das ein politisches Thema, bei virtuellen noch nicht. In Computeranimationen versinnlicht der Film den komplexen Sachverhalt, so wie er mit beeindruckenden Kameraflügen über Wolkenkratzermetropolen eine Atmosphäre der anonymen Bedrohung schafft, der Gefahr aus dem Dschungel der Städte.

Wie sehr der Fall Khashoggi die ganze Welt angeht, macht ausgerechnet Donald Trump deutlich. In seiner typischen Dreistigkeit erklärt er vor laufender Kamera, warum der eindeutig aufgeklärte Mord nicht zu Sanktionen gegen Saudi-Arabien geführt hat: „Ich zerstöre nicht unsere Wirtschaft, indem ich dumme Sachen über die Saudis sagen“. Das ist längst nicht nur die Haltung des Ex-Präsidenten. Die wichtigen westlichen Staaten haben von der Türkei ein geheim aufgenommenes Tonband bekommen, in dem der Mord mit eigenen Ohren zu hören ist. Passiert ist nichts. Die Forderung der UN-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard, wegen erdrückender Beweise Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Auftraggeber, Kronprinz Mohammed bin Salman, einzuleiten, blieb ungehört.

In seiner thrillerartigen Doku stellt Regisseur Bryan Fogel die Fakten in den Mittelpunkt. Ohne zu polemisieren, rekonstruiert er die Umstände des staatlich befohlenen Mordes. Dass er zugleich ein warmherziges Porträt des Opfers zeichnet und zudem universelle Linien einzieht, zeugt von der emotionalen Kraft einer komplexen, auf Verständlichkeit fokussierten Recherche.

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Länge: 118 min

Kategorie: Documentary

Start: 16.04.2021

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The Dissident

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 118 min
Kategorie: Documentary
Start: 16.04.2021

Bewertung Film: (8,5/10)

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