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Kabul, City in the Wind

Geschrieben von Peter Gutting am 10. März 2021

Der Ruf mancher Städte ist reichlich ruiniert. Immer neue Nachrichtenbilder stumpfen die Sinne ab, am Ende mag man von Metropolen wie Beirut, Aleppo oder Kabul gar nichts mehr hören. Da ist es gut, wenn Dokumentarfilmer die Konzentration nicht auf Krieg, Zerstörung und Grauen, sondern auf ein Stück Normalität jenseits des Sensationshungers lenken. So wie Aboozar Amini in seinem Langfilmdebüt, das von alltäglichen Freuden und Hoffnungen erzählt, aber auch von Sorgen und Entbehrungen in einem faszinierenden Mosaik, das sich aus der Buntheit des Lebens speist.

Zu Beginn hört und sieht man drei Kinder, die mit Steinen auf Metall schlagen. Sie variieren Rhythmus und Tonhöhe, um ihrem „Instrument“ einen fremdartigen, irgendwie orientalischen Sound zu entlocken. Erst später ist zu sehen, welches Metallstück die Kinder eigentlich zweckentfremden. Es ist ein eingegrabener Panzer, mitten in der Stadt, offenbar nicht mehr in Gebrauch, aber klares Symbol eines Krieges, der noch nicht zu Ende ist. Wie im Brennglas beleuchtet die kleine Szene das Prinzip des Films. Freude und Leid liegen eng beieinander, manchmal vereint im selben Gegenstand, ein andermal verteilt auf ein Neben- oder Hintereinander. Wäre dieser Film eine Malerei, dann gewiss kein eindeutiges Stillleben oder Porträt, sondern ein impressionistisch hingetupftes Sammelsurium von Eindrücken, die sich erst durch geduldiges Hinschauen zu einem Ganzen formen.

Regisseur Aboozar Amini, der auch für die beeindruckende Kameraarbeit verantwortlich zeichnet, wuchs in Afghanistan auf und emigrierte als Teenager in die Niederlande. Etwa zehn Jahre später, 2009, kehrte er zum ersten Mal wieder zurück. Er erlebte seine ehemalige Heimat als eine fremde, fühlte sich entkoppelt vom Leben in einer Stadt mit ständigen Bombenanschlägen, in der jeder Tag der letzte sein kann. Vieles von dieser doppelten Perspektive findet sich in seiner Dokumentation wieder: der nahe und der ferne Blick, die subjektive Liebeserklärung und die objektive Beobachtung, die beinahe ethnografische Aufzeichnung alltäglicher Routinen und die stille Solidarität mit seinen Protagonisten.

Vermutlich hat Amini die gegensätzlichen Hauptfiguren, die sich nie über den Weg laufen und aus ganz unterschiedlicher Perspektive in die Welt blicken, mit Bezug auf die eigene Biografie gewählt. Zum einen lernen wir den 12-Jährigen Afshin und seinen sechsjährigen Bruder Ben kennen. Afshin ist in einem Alter, das der Regisseur ebenfalls in Afghanistan verbracht hat, etwa zwei bis drei Jahre vor der Ausreise. Abas hingegen, die andere Hauptfigur, ist zwar deutlich älter als der Regisseur heute. Aber der 45-jährige Busfahrer könnte eine Vision dessen sein, was aus einem hätte werden können, wäre man in diesem gebeutelten Land geblieben.

Mit dem Jungen und seinem Bruder durchstreift die Kamera die Millionenmetropole auf staubigen Wegen hin zu kleinen Geschäften. Hier kauft Afshin für die Familie ein, denn er soll seiner Mutter bei den täglichen Aufgaben helfen, etwa die neu gepflanzten Bäume wässern und sich um das schwächelnde Flachdach des bescheidenen Hauses kümmern. Das hatte ihm der Vater aufgetragen, ein ehemaliger Soldat, der fliehen muss, weil er einst gegen die Taliban gekämpft hatte und nun Vergeltung fürchtet. Der Schauplatz ihres Häuschens am Hang ist klug gewählt. Steil und nur über anstrengende Treppen oder die unbefestigte Hangstraße zu erreichen, bietet der Blick über die von Bergen umringte Metropole im Talkessel Gelegenheit zu poetischen Momenten. Der Film setzt sie spärlich, aber gezielt ein. Auch das ein Zeichen dafür, dass nicht alles schlecht ist an dieser chaotischen Stadt.

Ein weiteres Stilmittel sind die eindrucksvollen, aus der Montage wie sanfte Schocks hervorgehobenen Großaufnahmen. Plötzlich blicken wir direkt in die Augen von Afshin, der von seinen nächtlichen Träumen erzählt oder die Frage zu beantworten versucht, wovor er am meisten Angst hat. Lang überlegt er, ohne dass ihn die Kamera aus den Augen lässt. Doch plötzlich gerät er in einen kleinen Redefluss: über die Selbstmordattentäter, die den Freund seines Vaters auf dem Gewissen haben und denen der Vater selbst nur knapp entging, mit bleibenden Wunden.

Auch für Abas, den verschuldeten Busfahrer, gibt es einen vergleichbaren Moment der Wahrheit. Er erzählt in Großaufnahme, schon früh gewusst zu haben, dass Ehrlichkeit nichts bringe. Nun müsse er jedoch einsehen, dass auch Tricksereien und Lügen in eine Sackgasse führen. Das Geständnis ist, wie so vieles in diesem Film, nur eine Seite der Medaille. Die andere besteht in dem Herumtollen mit seinen Kindern und in der Klugheit von Abas Frau, die sich freundlich, aber bestimmt weigert, ihm etwas von dem schmalen Hinzuverdienst zu leihen, der die Grundversorgung der Familie sichert. Afghanistan ist beides in dem Lied, das Abas mehrfach anstimmt: „geliebtes Vaterland“, aber auch „Land der Diebe und der Gewissenlosen“.

„Kabul, City in the Wind“ zeigt die afghanische Hauptstadt ist einem ebenso realistischen wie poetischen Licht. Ohne zu beschönigen, schildert Regisseur Aboozar Amini, wie es sich lebt, wenn jeder Tag der letzte sein kann. Aber das führt nicht zur üblichen Elendsausbeutung, wie man sie aus Nachrichtenbildern kennt. Sondern zu einem komplexen, teils widersprüchlichen, aus vielen Facetten komponierten Stimmungsbild, das die bitteren mit den süßen Momenten des Lebens paart. Und es führt zu zwei Menschen, denen man sehr nahe kommt.

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Länge: 93 min

Kategorie: Documentary

Start: 01.06.2021

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Kabul, City in the Wind

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 93 min
Kategorie: Documentary
Start: 01.06.2021

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